"Die Alten, die konnten noch schreiben", pflegen die Kairoer zu sagen. "Aber sie sterben ja alle." Nun hat sich Nagib Mahfus, der große Erzähler, verabschiedet. Er erhielt 1988 als erster Araber den Literatur-Nobelpreis. Vor zwölf Jahren hatte ein Messerstecher versucht, seinem Leben ein Ende zu bereiten - Machfus stand auf der Todesliste islamistischer Fundamentalisten. Er überlebte. Danach galt er als fast schon unsterblich. 94 Jahre ist er geworden. Die Stadt trägt Trauer. Nagib Mahfus galt in Ägypten als unsterblich - auch weil er schon 94 Jahre alt war

Mahfus' Romane und Erzählungen kreisen um Kairo und die Menschen, die in dieser Stadt leben. Um die Angesehenen, aber ebenso um die Bettler. Um die Ehrlichen wie um die Diebe. Mahfus war im Hauptberuf Beamter, zuletzt Film-Berater des Kulturministers, und hat sich so seine literarische Unabhängigkeit bewahrt. Er schrieb nach Feierabend - 50 Bücher, dazu Artikel für Zeitungen, 25 Drehbücher und Ideenskizzen fürs Fernsehen. 35 seiner Geschichten und Romane wurden verfilmt.

Bis ins hohe Alter hat er sich immer wieder in die intellektuellen Debatten in Ägypten eingeschaltet. Er schrieb Kolumnen für die Zeitung Al Ahram , die auch in der englischen Ausgabe zu lesen waren - Notizen eines alten Mannes am Rande des Geschehens. Doch was in Kairo Thema war, wusste er da schon nur noch aus zweiter Hand.

Morgens ließ er sich die Zeitung vorlesen, nachmittags informierten ihn Freunde über Politik, Kultur, über all die Dinge, die er selbst nicht mehr erleben konnte. Sein Kairo ist die Altstadt der 20er, 30er, 40er Jahre. Die Volksviertel wie Gamalija, wo er geboren und aufgewachsen ist, sind ihm am liebsten. Dort fand er seine Geschichten. Als er Kind war, hatte Kairo knapp eine Million Einwohner. Heute leben hier 15 Millionen, die Stadt ist riesig. Sie wimmelt von Menschen, Autos und Tieren. Aber es gibt sie noch - die Gassen, von denen Mahfus erzählt, und auch die Typen, denen er in seinem Werk ein Denkmal gesetzt hat. Die Midaq-Gasse zum Beispiel.

Hier spielt der gleichnamige Roman - Machfus´ bekanntestes Werk. Es ist 1947 in Ägypten erschienen, 1985 erstmals auf Deutsch. Die Hauptpersonen: Onkel Kamil, der Bonbon-Verkäufer. Salim Alwan, der Chef einer Handelsfirma, der sich an aphrodisierenden Speisen labt. Meister Kirscha persönlich, der Kaffeehaus-Besitzer, mit Kragen und Krawatte, ein Sklave des Haschischs und voll schwuler Lust. Und im Haus gegenüber, hinter dem schwarz vergitterten Fenster, kämmt Hamida ihr Haar, während Abbas al Hilu, der blasse Friseur, in seinem Salon nach ihr schmachtet. Ihn treibt die Liebe zu Hamida hinaus in die Welt, um Geld zu verdienen. Doch die Angebetete hat Träume, die weiter reichen als in den Hafen der Ehe. Beherrscht von dem unbändigen Wunsch nach schönen Kleidern bricht sie aus, wirft sich dem Zuhälter Ibrahim Faradj in die Arme und findet ihr Glück in den Bars der Stadt. Abbas al-Hilu verzweifelt. Ein Schlag, ein Sturm, ein Auflodern der Gefühle. Schluss. "Und die Gasse besann sich wieder auf eine ihrer vortrefflichsten Eigenschaften, nämlich vergessen zu können und sich um nichts zu kümmern."

Kein Wunder. Auch der literarische Ruhm ist ihr schnuppe. Die Gasse tut, als hätte es Mahfus nie gegeben. An der Mauer eines Geschäftshauses, hinter Regalen, zwischen Spielzeug und Parfüm hängen die Reste eines arabischen Straßenschilds. Sonst nichts. Keine Einladung an eintrittspreiszahlende Touristen. Keine Infotafel für beflissene Bildungsbürger. Kein Kult wie beim Buddenbrook-Haus in Lübeck, in Hemmingways Bar am Hafen von Cojimar. Nur ein paar verschlungene Buchstaben, halb verdeckt, und dahinter eine Gasse: abgeschieden, vergessen.

"Gab es am Morgen einen Grund zum Weinen, so wurde geweint", schreibt Mahfus in seinem Roman, "und brachte der Abend etwas Lustiges, dann wurde herzhaft gelacht." Und gibt es einen Dichter, der dies alles besingt, dann wird er gelesen. Doch seine Spuren verwischen sich im Getriebe der Stadt. Nur die Geschichten leben. Mahfus hat Kairo nie aus freien Stücken verlassen. "Ich habe schlicht keine Lust zum Reisen", pflegte er zu sagen. Und dennoch: Er kannte Europa, hatte viele Tage und Nächte dort verbracht. Lesend.

Philosophie, Geschichte, Geografie. Und Literatur. Sie könne helfen, die Grenzen zwischen Europa und der arabischen Welt zu überwinden. "Literatur ist die Sprache der Menschheit", war Mahfus' Credo. "Lesen reicht vollkommen aus, eine Kultur zu verstehen."