Entführungsfall Nataschas Welt
Wie der Ingenieur Wolfgang Priklopil ein zehnjähriges Mädchen raubte und acht Jahre lang gefangen hielt. Eine Spurensuche in Wiens Vorstadt.
Am Mittwoch voriger Woche, kurz vor 21 Uhr, kletterte der 44-jährige Ingenieur Wolfgang Priklopil auf einen Bahndamm in der Nähe des Wiener Wurstelpraters. Er kniete nieder und legte seinen Kopf auf das Gleis. Die Passagiere der heranrasenden S-Bahn gaben später zu Protokoll, »einen leichten Rucker« verspürt zu haben. Zeitungen druckten das Foto eines müde lächelnden Mannes mit Seitenscheitel und bis oben zugeknöpftem Hemd. »Diese Bestie«, schrieb die Kronen Zeitung , habe sich »selbst gerichtet«.
An den Stammtischen rund um die Rennbahnwegsiedlung, ein gigantisches Wohnlabyrinth im zersiedelten Norden Wiens, bedauerten viele Bewohner Priklopils Freitod. Sie überboten einander bei der Erfindung der grausamsten Hinrichtungsarten, die dieser Mann stattdessen verdient gehabt hätte. Man sah in jener Gegend aber auch Kerzen in den Fenstern. Und Mütter, die vor Freude weinten.
Wenige Stunden vor seinem Tod raste Wolfgang Priklopil mit seinem weinroten, 300 PS starken BMW von seinem Elternhaus im Dorf Strasshof das letzte Mal in Richtung Wien. Die Polizei jagte ihn, er entkam. Den Wagen ließ er in einer Tiefgarage.
Ein junges Mädchen hatte dieses Auto erst wenige Stunden zuvor unter seiner Aufsicht vor der Garage gesaugt. Als das Telefon läutete, trat Wolfgang Priklopil wegen des Staubsaugerlärms beiseite. Und da rannte die junge Frau los. Sie kletterte über den von Videokameras gesicherten Zaun, lief vorbei an pastellfarbenen Fertighäusern mit Türmchen, Erkern und mit Stacheldraht bewehrten Hecken. Sie landete im Garten der Rentnerin Inge P., klopfte ans Fenster und sagte: »Helfen Sie mir! Ich bin Natascha Kampusch. Ich werde verfolgt.« Die Rentnerin hatte diese Frau hier noch nie gesehen. Doch ihren Namen hatte sie schon einmal gehört.
1998, als sie auf dem Schulweg verschwand, war dieser Steckbrief in ganz Wien an Litfaßsäulen plakatiert. »Gesucht: Natascha Kampusch. 1,45 Meter groß, 45 Kilo schwer und stärkerer Natur«. Sie trug ein dunkelblaues Kleid und eine blaugelbe Kinderbrille.
Jetzt tauchte das verschluckte Mädchen so unerwartet auf, wie es verschwunden war. Die Polizei überreicht der Weltpresse Videos und Fotos aus einem »Verlies«, in dem sie acht Jahre wie ein Tier gehalten wurde. Natascha Kampusch, so berichtet die Polizei, ist heute 15 Zentimeter größer und wiegt drei Kilo weniger als vor acht Jahren.
- Datum 04.09.2006 - 10:58 Uhr
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Ich weiß nicht, was an diesem Fall so außergewöhnlich sein soll - Ähnliches passiert tagtäglich tausendfach.
Ähnlich, das heißt: Junge Menschen werden von der Außenwelt isoliert, irgendwelchen archaischen Regeln unterworfen und - das ist nur für Außenstehende unfassbar - sie fühlen sich sehr wohl dabei.
Ob das die Familie aus Hamburg ist, die ihre Kinder absolut von der Außenwelt abschottet und den Kindern den Schulbesuch nicht verweigert, im Gegenteil: Die Mädchen sind damit sogar voll+ganz einverstanden (diese Geschichte wurde gerade gestern berichtet),
ob das türkische Mädchen sind, die (nicht nur in den türkischen Subkulturen, überall in D. zu finden!) in der Familie "gehalten" werden, und die (nach Aussage z.B. der Beratungsstelle "Papaya" in Berlin) sich lieber unter Zwang verheiraten lassen, als ohne ihre Familie leben zu können (95% gehen trotz Androhung von Gewalt dann doch zurück, sie lieben ihre "Peiniger", ihre Eltern),
von solchen "Fällen" gibt es unglaublich viele.
Interessant ist lediglich, wie studierte und anerkannte Psychologen in D. dazu nur stammeln und verdrehte Ursache/Wirkungsproblematiken herausposaunen können -
DIE wissen ganz sicher nicht, was da in den Köpfen vor sich geht!
Ich behaupte nicht, es zu wissen (bin ja auch kein Psychologe),
aber interessant wäre es sicher, mal herauszufinden, wie Kinder konditioniert werden können,
Behaviouristen und andere (NLP z.B.) haben dazu bereits sehr interessante Erkenntnisse gesammelt.
Nur geht das sehr bald in Fällen wie diesem an unsere eigene Substanz:
Konditionierungen finden nämlich immer noch in (fast?) allen Familien statt,
nicht so systematisch, wie z.B. in der islamisch geprägten Familienstruktur,
auch nicht so spektakulär, wie bei der Großfamilie in Hamburg oder hier in diesem Fall,
aber leider eben doch ganz alltäglich, auch und immer noch im Deutschland im modernen Westeuropas.
finde den Artikel sehr gut !!!
Ich zitiere Sie: "Konditionierungen finden nämlich immer noch in (fast?) allen Familien statt, nicht so systematisch, wie z.B. in der islamisch geprägten Familienstruktur, auch nicht so spektakulär, wie bei der Großfamilie in Hamburg oder hier in diesem Fall, aber leider eben doch ganz alltäglich, auch und immer noch im Deutschland im modernen Westeuropas."
Was kritisieren Sie hier eigentlich? Daß Eltern ihren Kindern beibringen, mit Messer und Gabel zu essen? Ein Kind wird ganz zwangsläufig durch seine Umgebung "konditioniert"! Es wäre sonst nicht lebensfähig. Glauben Sie, jemand anderes (vielleicht der Staat) eignet sich dazu besser als die Eltern? Oder huldigen Sie antiautoritären Lehren?
Welch eine Geschichte setzt uns hier der Autor vor. Spannend, zugegeben. Und doch nur breitgetretenes Boulevardwissen mit Spekulationen verwoben. Fast im Stile eines Groschenromans lanciert der Autor eine Geschichte, die in die Zeit oder "Die Zeit" paßt.
Nicht nur dem Opfer, auch der Polizei sollte Zeit gegeben werden. Zuviele Fragen sind ungeklärt. Zuviele überraschende Wendungen sind möglich.
Nur um zwei Fragenkomplexe zu nennen:
Von welchen Einnahmen hat der Täter seinen Lebensstil finanziert? Verschenkt BMW seit Jahren seine Autos an Arbeitslose? Von welchem Geld hat er das Haus unterhalten?
Wie wurde der jungen Dame die überraschend vorgefundene Bildung vermittelt, wie die geistige Flexibilität erhalten?
Der einzige Fall in der Literatur, der dem Autor dieser Zeilen bekannt ist, in dem ähnliches möglich war ist der Graf von Monte Christo. Endlose Jahre in Gefangenschaft gehalten, von einem Geistlichen unter elendigsten Bedingungen unterrichtet, durch einen kühnen Sprung in die Klippen befreit, Schatz entdeckt, an den Peinigern gerächt ...
Voreilige Schlüsse sind in jeder Hinsicht unangebracht. Denn in einem Punkt irrt das Opfer in seinem veröffentlichten Brief an die Weltöffentlichkeit. Dieser Fall ist von öffentlichem Interesse - besonders wenn die angedeuteten Vermarktungsabsichten Wahrheit werden sollten.
korfstroem
erfolgt zu über 90% in ihren ersten 4 Lebensjahren wie bei allen anderen auch. Die ersten 4 Jahre sind die entscheidenden Jahre eines Menschen.
Natascha ist wie der Author in seiner gut erzählten Geschicht schrieb, in einer durchschnitts Familie aufgewachsen, die Ähnlichkeit mit dem größten Teil von Familien hier zu Lande hat. Stress, Schuldzuweisungen und verbale oder Körperliche Gewalt, mangelnde Chancen weil zu wenig Geld. Hier leben nach neuseten Zahlen 2,5 Millionen Kinder in Armut oder an der Grenze zur Armut. Merkel und Münteföhring loben sich gegenseitig für ihre erfolgreiche Politik und freuen sich für Deutschlands Wirtschaft. Das soziale Elend ist leider eine dumme Randerscheinung die niemals in der Bell Etage der Politik auftaucht.
Misshandlungen untereinander in Familien ist allgegenwärtig, so ein Mädchen wie Natascha ist für viele ein gefundenes Opfer. Ohne Unterstützung, alleine auf sich gestellet, irren viele Kinder und Jugendliche durch die Repuplik. Zufall wenn sie nicht Opfer von Verbrechen werden.
Ist Natascha für ihre Entführung verantwortlich oder sind es die Kreise in der Gesellschaft die vehement für den erhalt der Familie eintreten egal was dabei herauskommt. Sind die missbrauchten Kinder durch den Missbrauch von Erwachsenen selber Schuld. Sind es nicht doch die Familien mit ihrer Hoheitszone (eigenes Heim) die menschliche Umgangsformen in ihrem Hause gar nicht achtet und Besitz vom anderen nimmt?
Diese Frage muß gestellt werden?
Übrigens mit den Fingern zu essen ist eine wunderbare Sache, ich habe festgestellt das Essen schmeckt besser und meine Sinne, Tasten und Fühlen werden ebenfalls befriedigt.
Ich finde es beunruhigend wie hier über das Thema gesprochen wird.
Statt Konditionierung sollte man lieber von Erziehung sprechen, das wird der Sache gerechter.
Was Natascha angeht, so gibt es eigentlich nur vordergründig Überraschungen.
Ihr Entführer hat sie schlicht weitererzogen, möglicherweise sogar mehr positive Impulse vermittelt als die Eltern was, falls es so sein sollte für Diese nur schwer erträglich ist.
Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit steht einer brauchbaren Erziehung nicht zwangsläufig im Wege, der enge Kontakt zu einer Bezugsperson, auch einer unfreiwillig oder erzwungenen Bezugsperson, kann da durchaus wichtiger sein.
Das sind allerdings alles Dinge, die die Öffentlichkeit eben nicht hören will. Ein Kindesentführer muss eben eine Ungeheuer sein.
Die Tat ist sicher ungeheuerlich, was nicht zwangsläufig bedeuten muss, das der Entführer auch ein Ungeheuer ist, vor allem weil man an sexuelle Motive denkt.
Hier spiegelt sich die verständliche Angst und Verzweiflung vor dem unwiederbringlichen Verlust des eigenen Kindes wieder, was neben nicht mit der Situation des Kindes gleichzusetzen ist.
Solcherart Entführungen sind nichts neues, in vielen Berichten aus den Indianerkriegen wird dies z.B. beschrieben, viele Entführte wollten gar nicht mehr zurück.
Was die Erziehungskompetenz angeht, so bitte ich um Vorsicht, wenn der Staat ins Spiel kommt.
Ihn für kompetenter als Eltern zu halten finde ich sträflich naiv.
Trotz aller Ausfälle von Eltern hat Geschichte bisher das Gegenteil bewiesen, das nämlich der Staat in der Erziehung eher eine Bedrohung darstellt.
Prominente Beispiel sind die DDR, die Nationalsozialisten und die mäßigen bis katastrophalen "Erfolge" gewisser pädagogischer Einrichtungen, welche Eltern ersetzt haben.
Selbstverständlich gibt es gute Fachleute, leider oder Gott sei Dank ist Erziehung jedoch eine persönliche Angelegenheit, die in der Praxis viel intuitive Begabung erfordert, die ausgebildete Pädagogen häufig gerade nicht mitbringen.
Der Staat kann und muss nur sicherstellen, das Erziehung oder Konditionierung, nicht gegen ihn gerichtet sind.
Der Fall Natascha beweist nur, dass die Erwartungshaltung der Öffentlichekeit und sogar mancher Fachleute, was die Folgen angeht aus Sicht des Opfers weit weniger teuflisch oder klar sind als wir das wahrhaben wollen.
B Grabe
Was der Artikel bietet? Nun, wenigstens einen Hinweis darauf, warum sie mit ihren Eltern keinen Kontakt wünscht. Wenn die letzte Erinnerung an die Mutter die an eine Ohrfeige war und das acht Jahre Zeit hatte, unter entsprechendem Einfluss des Entführers zu schwären, wen wundert es? Wenn auch stimmt, was der Vater erzählt (dass Priklopil ihr vorgelogen hatte, die Eltern hätten eine Lösegeldzahlung verweigert), dann zeigt sich in Natashas erstaunlicher Zurückgezogenheit einfach das Misstrauen eines zutiefst verletzten Kindes.
Ich finde es allerdings erstaunlich, wenn dieser Fall mit der rigiden Erziehung durch fundamentalistische Familien verglichen oder die Behandlung durch Priklopil als "überbehütet" beschrieben wird. Wir haben hier einen Mann, der sich acht Jahre lang eine Sexsklavin für seinen exklusiven Gebrauch hochgezogen und gehalten hat, nicht einfach einen überstrengen Vater. Sie durfte jahrelang nicht aus ihrem Keller - jahrelang kein Sonnenschein, kein Anblick freier Natur oder auch nur des Himmels. Soviel hätte sie nicht mal verloren, wenn sie zwangsverheiratet worden wäre. Keine sozialen Beziehungen außerhalb der zu ihrem Entführer - schön rationalisiert, wenn Natasha davon spricht, sie habe wenigstens keine falschen Freunde gehabt. Aber eben auch keine anderen, und es wird zu sehen sein, ob sie das jemals ganz überwindet.
Im Übrigen denke ich, dass das Staunen der Medien recht bald in Ärgerlichkeit umschlagen wird, wenn sie ihren Kurs durchhält, keine Einzelheiten preisgeben zu wollen. Man sieht es schon daran, dass der Vater zunehmend mehr Raum für seine öffentlichen Vorwürfe an Tochter und Psychologen erhält.
"Überbehütung" und Konditionierung sind kein Widerspruch, sondern gehen in solchen Fällen handinhand.
Das zeigen fundamental christliche Familien (wie die genannte in Hamburg in Einzelfällen in D.),
oder traditionelle islamisch geprägte Erziehung zigtausendfach in D. (die Vorstufe zu "Zwangsverheiratungen", die dann letztlich doch "freiwillig" eingegangen werden,
und natürlich weitere Fälle.
Konditionierung findet tatsächlich meistens in den ersten Lebensjahren statt (leider immer noch werden viel zu viele Kinder in D, konditioniert, statt zu wirklich selbstständig denkenden Menschen erzogen),
aber manchmal eben auch später - wie hier in diesem Fall.
Übrigens war dieser Fall schon lange keine "Entführung" mehr, sondern seit vielen Jahren ein freiwilliges Abkommen zwischen zwei Menschen - diese Frau hatte seit langer Zeit Außenkontakt und hätte dort jederzeit fliehen können.
Der tatsächlichen "Flucht" war vielleicht ein Streit vorangegangen, jedenfalls war die Aussage gegenüber der Nachbarin schlicht gelogen.
Interessant bleibt also, warum ein Mensch sich selbst jahrelang freiwillig einsperren/eingrenzen lässt,
aber nicht interessant als Einzelfall,
sondern interessant deswegen, weil zigtausende von türkischen jungen Frauen (und auch Männern) auch hier in Deutschland das gleiche Phänomen zeigen.
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