Versicherer Nur noch Größter unter Gleichen
Einst bestimmte die Allianz die Regeln, nach denen auf dem deutschen Versicherungsmarkt gespielt wurde. Die Entlassungspläne zeigen, wie viel Macht sie verloren hat.
Eigentlich hätte der erste Freitag im August ein guter Tag für die Allianz sein können: An jenem Tag gab der Konzern bekannt, dass er im zweiten Quartal 2006 einen Rekordgewinn geschafft hat. Sage und schreibe um 64 Prozent hat die Allianz ihren Quartalsüberschuss innerhalb eines Jahres gesteigert. Damit verdiente das Unternehmen im ersten Halbjahr 2006 mehr als vier Milliarden Euro, fast so viel wie im kompletten Vorjahr.
Die Börse jubelte, der Kurs der Allianz-Aktie schoss nach Bekanntgabe in die Höhe, das Papier katapultierte sich an die Spitze des Dax. Dennoch verbat sich Allianz-Chef Michael Diekmann die Champagnerlaune. Lieber sprach er von der »vielen, vielen Arbeit«, die im Konzern nun anstehe.
Vielleicht war es die Sorge um die öffentliche Meinung, die ihn zur Bescheidenheit trieb. Denn bei der Allianz wiederholt sich ein unschönes, längst bekanntes Muster: Während der Konzern Rekordgewinne einfährt und die Aktienkurse steigen, bangen die Beschäftigten um ihren Arbeitsplatz. Die Zahlen liegen schon seit Wochen vor: Etwa 5000 Stellen sollen trotz der Rekordgewinne gestrichen werden, 2500 weitere bei der Tochter Dresdner Bank.
Das ist für die Allianz eine Zäsur. Denn der Konzern war immer mehr als ein normales Unternehmen. Zu Zeiten der alten Bundesrepublik bestimmte die Allianz die Regeln, statt sich nach der Börse zu richten. Noch zur Jahrtausendwende ließ sich der damalige Finanzvorstand des Konzerns, Diethart Breipohl, mit dem Satz zitieren: »Unser Ehrgeiz ist es nicht, um jeden Preis zur Avantgarde der Finanzwelt zu gehören.«
Die Allianz konnte sich so etwas erlauben. Der Münchner Riese gehörte jahrzehntelang zu den wichtigsten Spielern der deutschen Wirtschaft. Als unbestrittener Mittelpunkt der Deutschland AG beteiligte er sich, zunächst von der Adenauerschen Regierung gedrängt, dann mehr und mehr aus eigenem Antrieb, an zahlreichen deutschen Unternehmen, schützte sie so vor einer Übernahme und dem Wettbewerb und sicherte sich auf diese Art auch geschickt Aufträge als Industrieversicherer.
Für ihre Privatkunden war die Allianz mehr als irgendein Versicherer. Der Allianz-Vertreter war immer am Ort, das schuf Vertrauen. Und aus Sicht der Beschäftigten galt: Einmal Allianz, immer Allianz. Auf die Loyalität zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern waren sie stolz.
Der Vergleich mit jenen Zeiten macht erst richtig klar, warum die Entlassungspläne heute solche Wut und Enttäuschung hervorrufen. Der Umbau des Riesenkonzerns war überfällig, sagen zwar Branchenexperten, und: Die Versicherer erhalten nun die Quittung präsentiert für jahrelange Versäumnisse. Doch viel mehr als die Kündigungen selbst treibt die Art, in der sie verkündet werden, die Beschäftigten auf die Barrikaden. Die Betriebsräte beispielsweise sagen, sie wüssten mehr als einen Monat nach Veröffentlichung der Entlassungspläne immer noch nicht wirklich Bescheid. Sie fühlen sich in ihrem Bestreben, an weitere Informationen zu gelangen, auch gar nicht mehr ernst genommen. Iris Mischlau-Meyrahn, Betriebsratschefin der Frankfurter Allianz Leben, ist von der fehlenden Gesprächsbereitschaft des Managements frustriert. »Letztlich interessiert der Stellenabbau dort nicht wirklich«, sagt sie. »Die zu schließenden Standorte und die dort beschäftigten Menschen sind gedanklich bereits abgehakt.«
Auch die Versicherten sind von ihrer Allianz enttäuscht. Zumindest diese Botschaft ist bei Michael Diekmann angekommen. Rund 1600 Kunden, so berichtete er anlässlich der Präsentation seiner Rekordgewinne, hätten ihm bereits mit der Kündigung ihrer Verträge gedroht. Zwar habe er sie alle überzeugen können, dass ihm keine andere Wahl bleibe. Doch das Vertrauen der Kunden, bei einem besonderen Unternehmen versichert zu sein, ist wohl dahin. Mit der Auflösung der Deutschland AG hat die Allianz ihre Bedeutung als Machtzentrum verloren. Künftig bewegt auch sie sich im Takt der Börse. Und ist auch für Kunden und Beschäftigte nur noch ein Versicherer unter vielen, wenn auch immer noch mit Abstand der größte in Deutschland.
- Datum 24.08.2006 - 11:42 Uhr
- Quelle ZEIT online
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