Holger Kelch ist jung, er ist ehrgeizig und steht vor einer großen kommunal­politischen Karriere. Am 22. Oktober, so sieht er es auch, werden ihn die Cottbusser zu ihrem neuen Stadtoberhaupt wählen. Der 39-jährige Chef des Ordnungsamtes und amtierende Bürgermeister hat allerdings ein Problem: Er ist Christdemokrat und als solcher quasi per Parteiauftrag ein aufrechter Kämpfer gegen rot-rote Bündnisse und ein kompromissloser Gegner der Linkspartei.PDS.

Ausgerechnet die SED-Nachfolger jedoch sind für ihn der wichtigste Partner bei der Eroberung des Rathauses. Fünf im Stadtrat vertretene Parteien haben sich zusammengetan, um Holger Kelch als gemeinsamen Kandidaten zu nominieren. Die CDU und die PDS gehören dazu, aber auch die FDP, die Frauenliste und eine örtliche freie Wählerinitiative. Als letztes stimmte am Donnerstag die Mitgliederversammlung der Cottbusser CDU der Kooperationsvereinbarung einstimmig zu.

Tatsächlich hat sich da in der zweitgrößten Stadt Brandenburgs ein ungewohntes Farbenspiel zusammengefunden, keine Ampel und auch keine Jamaika-Koalition, sondern ein versöhnendes Deutschland-Bündnis, Schwarz-Dunkelrot-Gelb. Traditionsbewusst ließe sich in der ehemaligen DDR auch von der Wiederbelebung der Nationalen Front sprechen. Zwar dürfte das Wahlergebnis unter 99 Prozent bleiben, doch wenn die Bürger der Stadt in sieben Wochen an die Urne schreiten, scheint dem Kandidaten Kelch die Mehrheit kaum noch zu nehmen zu sein. Im Stadtrat stellt das ungewöhnliche Wahlbündnis 38 der insgesamt 51 Abgeordneten.

Die Zusammenarbeit der fünf Parteien und Gruppen im Cottbusser Rathaus funktioniert schon länger. Auch bei der Abwahl der bisherigen parteilosen Amtsinhaberin Karin Rätzel hatten sie eng kooperiert. Ihr wurden mangelnde Führungsqualität und Misswirtschaft vorgeworfen sowie Pannen beim Bau eines Einkaufszentrums.

Bei dem erfolgreichen Abwahlbegehren im Juli war auch die SPD noch dabei. Die Sozialdemokraten allerdings sind aus dem Bündnis inzwischen ausgeschert und haben einen eigenen Kandidaten nominiert. Um die absehbare Niederlage noch abzuwenden, schicken sie ein politisches Schwergewicht ins Rennen, den Infrastrukturminister des Landes Brandenburg, Frank Szymanski. Dieser hat jedoch nur Außenseiterchancen, obwohl er zumindest von den Grünen unterstützt wird.

Holger Kelch gibt sich trotz der ungewöhnlichen Bündnispartner unbekümmert. Als christliche Partei habe man den Auftrag zu integrieren, sagt er, in der PDS sieht er mittlerweile „junge pragmatische Köpfe am Werk“. Der CDU-Landesvorsitzende und Innenminister Jörg Schönbohm hingegen ist empört. Erst kürzlich noch hatte er die „umbenannte Partei der Unterdrückung, der Mauer und des Spitzelsystems“ gegeißelt, die rot-roten Länderkoalitionen in Berlin und Schwerin scharf verurteilt und jede „institutionelle Zusammenarbeit“ zwischen CDU und der Linkspartei.PDS kategorisch ausgeschlossen.