Programmdebatte Grünes Stochern

Die Grünen diskutieren über ihre Strategie und ihre Zukunft. Sie wirken dabei irgendwie ratlos. Über die entscheidenden Fragen reden sie nicht.

„Wie geht’s nach morgen?“ hatte die kleinste Oppositionspartei ihren Zukunfts- und Strategiekongress am Wochenende in Berlin flapsig überschrieben, knapp ein Jahr nach der Abwahl aus der Bundesregierung und ihrem Abschied von der Macht. Aber zunächst mal ging es in die Vergangenheit. Am Eröffnungsabend referierten Vandara Shiva, indische Umweltkämpferin und Trägerin des alternativen Nobelpreises, und der englische Star-Soziologe Zygmunt Bauman unter großem Applaus über die Riesenbedrohung für die Menschheit durch die globale Klimaveränderung, die negativen Seiten der Globalisierung und die notwendige Solidarität zwischen dem Norden und dem armen Süden.

Es klang wie eine Reminiszenz an die gute alte Zeit, als die Grünen noch gegen die  überall drohenden Umweltkatastrophen und die böse, Umwelt zerstörende Industrie auf die Straße zogen – als sie noch nicht gewaltig desillusioniert waren durch sieben Jahre rot-grüner Koalition im Bund und die schwierigen Kompromisse mit den Sozialdemokraten und der Wirklichkeit. Wohin aber wollen die Grünen jetzt marschieren? Wie wollen sie wieder in Regierungsverantwortung kommen, um ihre Ziele durchzusetzen (und mit wem?),  und was sind denn heute noch ihre Ziele?

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Der Kongress gab darauf wenig Antworten. Es sollte ja aber auch erst der Auftakt der innerparteilichen Standortsuche sein. Immerhin diskutieren die Grünen wieder grundsätzliche Fragen, das hat es in den vergangenen acht Jahren kaum gegeben, und sie hatten sich dazu viele Sachverständige eingeladen.

Wenn man den mehr als 1.500 Abgeordneten, Funktionären und einfachen Mitgliedern auf der Tagung in Berlin zuhörte, konnte man viele Selbstzweifel spüren. Sollen die Grünen wieder „richtige“ Opposition betreiben, so wie es war, bevor Joschka Fischer vor mehr als zehn Jahren begann, sie auf Regierungs- und Koalitionstauglichkeit im Bund zu trimmen? Oder bleiben sie Regierungspartei im Wartestand, die auf eine baldige Rückkehr an die Macht hofft, vielleicht auch an der Seite der CDU, und die deshalb nicht hinter die Erkenntnisse und Zugeständnisse zurückfallen will, die die Regierungsverantwortung mit sich gebracht hat?

Eine vorsichtige strategische Antwort darauf hatten die Parteiführung und die Bundestagsfraktion schon im Vorfeld gegeben. Man will sich wieder auf den „Markenkern“ als Ökopartei konzentrieren. Denn all die Wirtschafts-, Steuer- und Sozialreformen, die die Grünen in der Schröder-Regierung mitverantworteten, haben ihnen außer bei Leitartiklern wenig eingebracht, sondern ihr - auch bei den eigenen Anhängern - eher geschadet. Und damit sich die Grünen auf dem Umwelt-Feld, das ja inzwischen auch die anderen Parteien besetzt haben, unterscheiden, soll es wieder „radikaler“ zugehen. Von Verzicht ist wieder die Rede, auf dem Kongress wurde wie in den Anfangszeiten der Partei – wenn auch zaghaft – über die „Grenzen des Wachstums“ diskutiert.

Nur, was radikalere Umweltpolitik bedeuten soll, blieb weit gehend offen. Von strikteren Rahmenbedingungen wurde gesprochen; zu sehr habe man auf die Steuerung durch Preise und den Markt gesetzt, kritisierten die einen. Andere, wie der Vorstand der Grünen-nahen Böll-Stifung, Ralf Fücks, glauben an die ökologischen Selbstheilungskräfte des Kapitalismus. Eine „grüne Marktwirtschaft“ haben die Grünen als neues Leitbild ausgegeben. Einige sprechen sogar von „Öko-Kapitalismus“, manche lieber von ökosozialer Marktwirtschaft, weil man dem Eindruck entgehen will, Umweltpolitik nur für die zu machen, die es sich leisten können.

Der eigentliche Begriff freilich bleibt schillernd.  Wollen die Grünen, wenn sie irgendwann wieder mitregieren, mit oder gegen die Wirtschaft den Ressourcenverbrauch und die Erderwärmung eindämmen, dieses nach ihrer Ansicht zentrale Zukunftsproblem der Menschheit? Mit mehr Staat oder mehr Markt? Vordenker Fücks setzt auf „neue Allianzen“ mit der Wirtschaft, den Gewerkschaften und Verbraucherverbänden, um die „Entwicklungsdynamik des Kapitalismus in eine nachhaltige Richtung zu lenken“.  Er ist da recht fröhlich optimistisch. Schließlich habe sich der Kapitalismus als ein ungeheuer flexibles, anpassungsfähiges und deshalb überlegenes System erwiesen, das auch mit der „ökologischen Transformation“ fertig werde.  

Andere votierten für mehr Regulierung. Man müsse „der Liberalisierung Fesseln anlegen“, forderte Sven Giegold, einer der Sprecher von Attac, in einem der Workshops. Reinhard Loske, einer der prominentesten Umweltpolitiker der Partei, meint, kurzfristig könne die „Ökologisierung der Wirtschaft“ zwar gewaltige Investitionen und viele Arbeitsplätze schaffen. Langfristig werde das Wachstum aber sinken müssen, um den „Stoffverbrauch“ radikal zu kürzen – das wird zusammen mit der Wirtschaft kaum gehen.

Wo also stehen die Grünen? Noch irgendwo im Niemandsland zwischen der einstigen, vielleicht für immer verlorenen rot-grünen Heimat und den damit verbundenen Gewissheiten, und einer (noch) ungewissen Zukunft. Gleichwohl sind die Grünen nicht aus der Welt und keineswegs abgeschrieben. Vieles, was sie erreicht haben und auf das sie zu Recht stolz sind wie der Atomausstieg, der Verbraucherschutz und die stärkere Integration der Zuwanderer, bleibt, auch unter Schwarz-Rot. Und sie werden weiter ernst genommen. Auf dem Zukunftskongress diskutierten mit ihnen Utz Claassen, Chef das Energie- und Atomkraftkonzerns EnBW, der Präsident des Automobilverbands und IG-Metall-Vizechef Berthold Huber, neben vielen anderen.

Es gab durchaus Übereinstimmungen. So sieht auch Claassen im Klimaschutz „die Überlebensfrage“ der Menschheit. Allerdings glaubt er nicht, dass sich mit den von den Grünen propagierten alternativen Energien in den nächsten Jahrzehnten der „gewaltig wachsende Energiehunger“ der Welt wird befriedigen lassen. Und er forderte – unter Protesten natürlich – den Atomausstieg hinauszuschieben, um ein „Zeitfenster“ zu gewinnen für die Entwicklung regenerativer Energien.

Wie also geht’s zur Zukunft der Grünen? Neben der Führungsfrage nach dem Weggang von Joschka Fischer und den nicht aufgearbeiteten Gründen für die Wahlniederlage 2005 bleibt  vieles ungeklärt. Vor allem, mit wem die Grünen künftig ihre Politik durchsetzen wollen. Die Koalitionsfrage wurde auf dem Strategiekongress bewusst ausgeklammert („Inhalte zuerst“, so Parteichef Bütikofer), aber sie schimmert unterschwellig überall durch.

Zunächst aber setzt die Partei die Hoffnung auf die Wahl in Berlin in zwei Wochen. Sollte dort eine Koalition mit der SPD gelingen, säßen die Grünen nicht nur erstmals wieder in einer Regierung. Rot-Grün wäre dann auch ein wenig revitalisiert, man müsste fürs erste nicht zu neuen Horizonten aufbrechen. Jamaika bliebe ein fernes Land. Vielen bei den Grünen wäre das, bei allem Abschiedsschmerz von der Macht, im Moment wohl am liebsten.

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Leser-Kommentare
  1. Mich widert dieses pseudo-intelektuelle Gekeile an.

    • ibm
    • 06.09.2006 um 8:27 Uhr

    Dafür, dass Ihnen die Grünen "piepschnurzegal" sind, haben Sie aber einen ganz schön langen Sermon hier abgelassen ;-)

  2. Ich habe manchmal den Eindruck dass es den Gruenen am liebsten waere wenn Deutschland auf Pferd und Wagen und die gute,alte Kerze umsteigen wuerde-alles andere ist nicht akzeptabel oder alternative fuer diese gruenen Wichte.

  3. Herrlich! "...auf Verdeih und Verderb ausgeliefert..." sind wir also dieser Bande von ölexportierenden Staaten.

    Gegenfrage: Wächst Uran eigentlich auf Bäumen? Wenn ja, wachsen diese Bäume in Deutschland??? (Oder haben die Grünen sie bereits ausgerottet...??? So wie den Genmais?)

    Ich bin kein Gegner der Anwendung von Kernkraft. Aber sie ist kein deus ex machina, der alle Versorgungsprobleme löst.

  4. 5. @ibm

    Da liegen Sie aber falsch. Die dem Atomausstieg zugrundelegende Ueberlegungen hat nicht irgendein boeser Energiekonzern durchgefuert, sondern die damalige rot-gruene Bundesregierung.

  5. Tja, warum werden Sie eigentlich kaum nachvollziehbar persönlich?
    Sie sind aber kein Einzelfall. Scheint der Umgangsstil zu sein. Und so selten ich schon mal hier bin und ab und zu durchblättere: aus der Anonymität heraus frotzelt sichs mutiger, meinen wohl manche, gell ! :) :) :)
    Nette Grüße, Jürgen E. Gesang, Hamburg

    • ibm
    • 04.09.2006 um 12:37 Uhr

    Da bin ich aber froh, dass Sie mir wenigstens das zugestehen.

    Gut, kommen wir mal auf den Nutzen der Kernenergie zu sprechen:
    - Klimaschutz:
    Bei einem Anteil von 6% an der Weltprimärenergieproduktion ist der Beitrag der Kernenergie eher zu vernachlässigen. Eine wesentliche Erhöhung dieses Anteils ist mit gigantischen Investitionen verbunden, die anders angelegt einen wesentlich größeren Nutzen fürs Klima hätten.
    - Versorgungssicherheit:
    Es ist schon auffällig, dass nach dem durch einen einfachen Kurzschluss in einem Umspannwerk verursachten Störfall in Forsmark die Hälfte aller schwedischen Atomkraftwerke bis auf Weiteres abgeschaltet wurde, weil die Sicherheit nicht gewährleistet war. Wenn das Versorgungssicherheit sein soll...
    - Sicherheit im Allgemeinen:
    Es handelt sich bei Kernkraftwerken, wie man an diesem Störfall auch sehr gut sehen kann, um Maschinen, die so kompliziert sind, dass niemand mehr vollständig überblicken kann, was in ihnen alles vorgehen kann. Damit bewegt sich die Behauptung, dass Kernenergie sicher sei in etwas auf dem selben Niveau wie die Aussage, dass die Concorde das sicherste Flugzeug der Welt sei. Das war es genau so lange, bis mal eine abgestürzt war. Danach war das Betriebsrisiko offensichtlich nicht mehr tragbar.

    Dass ich unter diesen Umständen mein persönliches Leben auch im Hinblick auf die Kosten/Nutzen Abwägung von Kernenergie gegenüber der Allgemeinheit höher bewerte, ist hoffentlich verständlich.

    So, muss jetzt leider etwas arbeiten. War mal ganz interessant mit Ihnen zu diskutieren.

    • ibm
    • 04.09.2006 um 10:39 Uhr

    Naja, Sie werden mir doch hoffentlich zugestehen, den Preis, den mein Leben für mich hat, selber zu bestimmen?
    Außerdem, ich bin nicht der Pressesprecher der ehemaligen Bundesregierung.

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