Interview Angst um Mami und Papi

Manche Kinder leiden extrem, wenn sie auch nur für einen Moment von den Eltern getrennt werden. Silvia Schneider beschreibt die emotionale Störung im Gespräch.

DIE ZEIT: Was verstehen Sie genau unter Trennungsangst?

Silvia Schneider: Wir sprechen von einer "Emotionalen Störung mit Trennungsangst", wenn jede Trennung von den Eltern das Kind in übertriebene Sorge und Panik versetzt. Es denkt, die Trennung wäre von Dauer, weil ihm oder den Eltern etwas zustoßen könnte. Manche Kinder zeigen in Trennungssituationen auch starke körperliche Symptome, einige erbrechen sogar.

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ZEIT: Was ist die Folge?

Schneider: Oft gelingt es ihnen, entsprechende Situationen zu vermeiden. So schlafen manche Kinder nur im Zimmer der Eltern oder können nicht ein paar Stunden bei den Großeltern verbringen, obwohl sie diese sehr gut kennen.

ZEIT: Ist solch ein Verhalten in manchen Entwicklungsphasen nicht normal?

Schneider: Richtig, im ersten Lebensjahr etwa "fremdeln" viele Kinder. Bei einem Kind mit Trennungsangst hält dies jedoch später an. Es kann offenbar die Phase des "Fremdelns" nicht überwinden, diese Entwicklungsaufgabe nicht bewältigen, aus verschiedenen Gründen.

ZEIT: Und wenn die Kinder älter werden?

Schneider: Dann verschwindet Trennungsangst nicht zwangsläufig von selbst. Uns wurde einmal eine Sechzehnjährige vorgestellt, die noch unter Trennungsangst litt und daher nie regelmäßig zur Schule gehen konnte. Sie wird keinen Schulabschluss bekommen. Trennungs-angst ist oft Wegbereiter für andere Erkrankungen. So konnten wir nachweisen, dass 90 Prozent der Kinder mit Trennungsangst auch als Erwachsene eine psychische Störung haben, eine unglaublich hohe Zahl. Trennungsangst sollte daher möglichst früh behandelt werden, etwa durch kognitive Verhaltenstherapie.
Die Fragen stellte Anke Weidmann.

Silvia Schneider, selbst Mutter von zwei Kindern, erforscht an der Uni Basel Angststörungen im Kindesalter.

 
Leser-Kommentare
    • soeur
    • 11.09.2006 um 9:16 Uhr
    1. Frage

    Ab wann sollte man beginnen, sich über solche Sympome ernstlich Sorgen zu machen? Was kann man als Eltern tun (ausser Regelmässigkeit und die Sicherheit, dass man wiederkommt, zu bieten), bevor man sich gleich in irgendwelcheTherapien stürzt?

  1. Ich würde gern eine Untersuchung sehen, wie sich dieses Phänomen auf die verschiedenen Familienformen verteilt. Prognose meinerseits: der Anstieg solcher Psychosen hängt stark mit dem steigenden Anteil von Alleinerziehenden und Patchworkfamilien zusammen. Sprich: es ist ein nur allzu verständliches Symptom bei Kindern, die den Verlust eines Elternteils bereits durchgemacht haben. Unter den übrigen dürfte der Anteil dann erhöht sein, wenn die Eltern nur noch eine Pro-Forma-Beziehung führen und stark zerstritten sind.

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  • Quelle ZEIT online, 07.09.2006
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  • Schlagworte Angst | Familie und Partnerschaft | Kinder
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