Japan Erzwungene Freude

Die Geburt eines Thronfolgers in Japan stoppt die Reformen am ältesten Kaiserhaus der Welt.

Ganz Japan freut sich über die Geburt des ersten Thronfolgers seit mehr als 40 Jahren. Ganz Japan? Wer es heute, an seinem Geburtstag, in Japan öffentlich wagte, den Prinzen anzuschwärzen und wohlmöglich gar sein Geschlecht zu bedauern, etwa weil mit seiner Geburt auch die Debatte um eine zuletzt denkbare weibliche Thronfolge in Japan erstirbt, der lebte gefährlich. Denn die radikalen Nationalisten und Kaiseranhänger sind in Japan wieder im Kommen.

Erst kürzlich brannte einer von ihnen das Haus des liberalen Abgeordneten und ehemaligen Generalsekretärs der liberaldemokratischen Regierungspartei (LDP), Koichi Kato, in Tokio nieder. Kato erhielt anschließend keinen Beistand von seinen mächtigen LDP-Kollegen. Genauso würde es dem ergehen, der heute etwas Schlechtes über den neugeborenen Prinzen sagte und dafür morgen von den Nationalisten in Lynchjustiz bestraft würde. Er könnte nicht mit offizieller Unterstützung rechnen. Deshalb freut sich heute also ganz Japan.

Anzeige

„Man fühlt sich so frisch wie unter einem schönen Herbsthimmel“, begrüßte der Noch-Regierungssprecher und designierte neue LDP-Parteichef und Premierminister
Shinzo Abe die Geburt des Thronnachfolgers. Der amtierende Premier Yunichiro Koizumi (LDP) sagte nur: „Prima.“ Auch in diesen beiden Antworten spiegelt sich der Trend zum Nationalismus in Japan: Der künftige Premier Abe will den Respekt vor Kaiser und Tradition wieder stärker pflegen lassen, besonders an Japans Schulen. Koizumis sehr eigenwilliger Konservatismus kam dagegen ohne viel Anlehnung ans Kaiserhaus aus.

Das Neugeborene steht nun in dritter Reihe der Thronfolge. Vor ihm rangieren sein Vater Akishino und dessen älterer Bruder Naruhito. Kaiser Akihito und Kronprinz Naruhito aber gelten als eingefleischte Liberale, die der neuen Kaiserhuldigung im Wege stehen. Akihito deutete zuletzt in einer aufsehenerregenden Stellungnahme an, dass ihm die gesetzlichen Pflichten der Kaiserehrung an den Schulen schon jetzt zu weit gingen. Auch verwies er vor einigen Jahren zum großen Ärger seiner radikalen Anhänger auf die eigenen koreanischen Vorfahren.

Sicher wäre Akihito auch ein Befürworter der weiblichen Thronfolge gewesen, die einzuführen ein zu Jahresbeginn vorgelegter Gesetzentwurf der Regierungspartei vorsah. In der Kaiserfamilie wurden zuletzt neun Mädchen in Folge geboren. Die Gleichberechtigungspläne fürs Kaiserhaus waren dank Koizumi bereits weit gediehen. Dann aber kam die Nachricht vom zukünftigen Nachwuchs des Kaiserhauses. Und weil es heute ein Junge wurde, liegt der Gesetzesentwurf nun auf Eis.

Darf man das wirklich nicht beklagen? Jedenfalls nicht im modernen Japan.

"Ein Prinz ist geboren": Die Bildergalerie zum Ereignis

 
Leser-Kommentare
  1. Schon mal was von Königin Elisabeth I, Katherina der Großen oder Marie Antonette gehört? Warum nicht auch in Japan?

    • FURIO
    • 07.09.2006 um 17:27 Uhr

    Wie kann noch das Volk so etwas wie Monarchie tolerieren? Wirklich absurd und naiv! Diese FAmilienmitglieder, die keine Ahnung vom wirklichen Leben haben, die sich seit Jahrhunderten alles leisten konnten, waehrend die meisten anderen kaum ueberlebebten. Und wie waren sie reich und wichtig geworden? Krieg, Gewalt, Kriegsbeuten, usw.
    Monarchie? NEin, Danke!

  2. 3. \N

    Warum soviel Intoleranz anderen Kulturen gegenüber?
    Schliesslich ist das japanische Kaisertum etwas älter als das europäische Mittelalter. Und rein auf Legenden bezogen stammen die japanischen Kaiser von einer Göttin ab. ;-)
    Schon mal was von der Meiji-Restauration gehört?

  3. Der Autor beklagt also, das die Thronfolge in Japan nur männlichen Nachfahren vorbehalten ist. Ich frage mich, was kümmert es den Autor überhaupt wie die Thronfolge in Japan geregelt ist? Mag es viellicht daran liegen, das es sich um eine seit Jahrtausenden erhaltene Tradition handelt, die sich jetzt nicht im Eilverfahren aufklärerischen oder demokratischen Prinzipien anpasst? Warum tobt sich der Autor nicht an entsprechenden Traditionen hier in Europa aus? Ach richtig, es gibt ja gar keine mehr. Diese wurden ja von gutmeinenden Menschen wie unserem Autor beseitigt, da sie mit modernen Vorstellungen inkompatibel waren (Außnahme höchstens der Vatikan, der sich einer weiblichen Papstnachfolge weiterhin widersetzt). Auch wenn es mir persönlich herzlich egal ist, wie die Nachfolge in Japan geregelt wird, kann ich die Gegner einer Modernisierung sehr gut verstehen. Geben sie den Forderungen nach, wird früher oder später von der Jahrtausende alten Tradition nichts mehr übrig geblieben sein.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT online
  • Kommentare 4
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Japan | Shinzo Abe | Geburt
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service