Libanon

Verstreuter Tod

Während die Staatengemeinschaft über Wiederaufbauhilfen für den Libanon berät, bedrohen Streubomben und andere gefährliche Überreste des Krieges dort noch immer die heimkehrenden Flüchtlinge

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen liegen im Libanon bis zu 100.000 Schrapnelle aus von Israel abgeworfenen Streubomben herum, die noch nicht detoniert sind und bei der leisesten Berührung jeder Zeit detonieren können - mit verheerender, oft tödlicher Wirkung. Der UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, Jan Egeland, verurteilte den Einsatz dieser heimtückischen Waffen durch Israel am Donnerstag als "schockierend und absolut unmoralisch". Er kritisierte besonders, dass die israelische Luftwaffe 90 Prozent der Streubomben in den letzten drei Tagen des Konflikts abgeworfen habe - obwohl zu der Zeit bereits eine UN-Resolution vorgelegen habe, von der man gewusst habe, dass sie die Kämpfe binnen kurzem beenden würde.

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Die Streubomben seien nun auf ein großes Gebiet verteilt und würden noch "viele Monate, vielleicht sogar Jahre" die Menschen gefährden. "Täglich werden Menschen versehrt, verwundet und durch diese Waffen getötet, es hätte nicht passieren dürfen", sagte Egeland.

Neben den Streubomben gibt  es noch andere gefährliche Überreste des Krieges, die die zurückkehrenden libanesischen Flüchtlinge ebenfalls bedrohen. Etwa 200.000 Flüchtlinge könnten nicht in ihre Häuser zurück, weil diese entweder zerstört oder wegen Blindgängern unbewohnbar seien, sagte Egeland.

Streubomben wird zwar weithin geächtet, völkerrechtlich verboten sind sie jedoch nicht. Die israelische Armee wies Egelands Vorwürfe denn auch sofort zurück. Alle eingesetzten Waffen und Munition seien nach internationalem Recht "legal" gewesen, ihre Verwendung entspreche "internationalen Standards".

Streubomben ( Cluster Bombs ) bestehen aus einem Behälter, der nach dem Abwurf bis zu Hunderte kleine konventionelle Sprengkörper (Bombletten) freisetzt. Streubomben können aus Flugzeugen abgeworfen oder mit Raketen und als Granaten verschossen werden. Militärexperten schätzen sie, weil sie großflächig wirken. Die Gegner wenden vor allem ein, dass viele zunächst nicht explodierte Sprengkörper wie Landminen wirken und so zur dauernden Gefahr für die Zivilbevölkerung werden.

Im Libanon stellen sie die Helfer vor eine lebensgefährliche Herausforderung: Sobald sie in den südlibanesischen Dörfern ein Schrapnell finden, sprayen sie einen roten Kreis darum. Experten müssen dann entscheiden, ob der kleine Sprengkörper eine unmittelbare Gefahr darstellt und an Ort und Stelle zur Detonation gebracht werden muss, oder ob er entschärft und zunächst an einen sicheren Ort gebracht werden kann.

"Wir sprengen normalerweise so 25 bis 30 am Tag", sagt der deutsche Sprengstoffexperte Frank Masche, der seit 1992 für die britische Hilfsorganisation MAG (Mines Advisory Group) arbeitet. Seit dem Ende des Krieges zwischen Israel und der radikal-islamischen Hisbollah gehen Mitarbeiter des MAG-Teams von Haus zu Haus und suchen nach Streubomben-Überbleibseln und anderen Blindgängern. Demnächst sollen sie Unterstützung von 19 irakischen Sprengstoffexperten erhalten. "Wir versuchen, in zwei bis vier Tagen jeweils ein Dorf zu säubern", sagt Masche. In den vergangenen Tagen fand er nach eigenen Angaben besonders viel amerikanische M-42-Streubombenmunition.

Chris Clark, der Leiter des UN-Koordinationszentrums gegen Minen (MACC) schätzt, dass bisher 2000 der tödlichen, oft nur faustgroßen Schrapnelle von den Sprengstoffexperten zerstört wurden - ein winziger Bruchteil. "Die Lage ist viel ernster als die, die wir im Irak, in Afghanistan oder im Kosovo hatten", sagt MACC-Pressesprecherin Dalya Farran.

Nach Angaben der UN starben seit Kriegsende 13 Menschen bei Explosionen von Blindgängern; etwa 50 wurden schwer verletzt. Die meisten Opfer sind Kinder, die die kleinen Minibomben finden und aufheben, sowie Dorfbewohner, die darauf treten. Wer nicht stirbt, verliert meist Arme oder Beine.

Das UN-Koordinationszentrum hat inzwischen knapp 400 Einschlagstellen von Streubomben im Südlibanon ausgemacht. Marc Garlasco, ein Experten der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, geht davon aus, dass die Israelis "höchst unzuverlässige Munition aus der Zeit des Vietnamkriegs einsetzten. Wir haben Granaten gesehen, auf denen das Herstellungsjahr 1973 eingeprägt war."

Für Frank Masche und die anderen Minenräumer bleibt noch viel zu tun. Neben den Zehntausenden Streubombenüberbleibseln gibt es im Südlibanon noch schätzungsweise 400.000 Landminen, die meisten davon wurden von den Israelis zurückgelassen, als sie das seit 1985 besetzte Gebiet 2000 räumten.

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  • Datum 13.6.2008 - 12:34 Uhr
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  • Quelle ZEIT online, dpa
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