Wie würde sich das anfühlen, wenn der Nachfolger von Ulrich Wickert in den Tagesthemen nicht Tom Buhrow hieße sondern beispielsweise Mehmed Güzül? Es wäre eine ähnliche Sensation wie die in Frankreich diesen Sommer: Der Journalist Harry Roselmack durfte als Urlaubsvertretung die 20-Uhr-Nachrichten im Privatsender TF1 präsentieren. Das erste Mal sahen die Zuschauer einen schwarzen Sprecher in der populären Nachrichtensendung. Er moderiert schon im deutschen Fernsehen: Cherno Jobatey Bild

Dabei ist auch Deutschland ethnisch und kulturell vielfältiger als angenommen. Zu diesem Ergebnis kam der Mikrozensus, den das Statistische Bundesamt im Juni dieses Jahres vorstellte. Nach der Erhebung für das Jahr 2005, in der erstmals auch nach einem ausländischen familiären Hintergrund gefragt wurde, kommen von den insgesamt 82,4 Millionen Menschen in Deutschland 15,3 Millionen aus dem Ausland oder sind Nachkommen von Einwanderern. Damit hat ein knappes Fünftel unserer Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Der Anteil derjenigen, die hier geboren sind, nimmt dabei zu.

Wirft man jedoch einen Blick auf Institutionen, Medien, Lehrerkollegien, Hochschulen, Ministerien und Gerichte, so bleibt die Zuwanderung der letzten 50 Jahre unsichtbar. „Je höher ich die Treppe der beruflichen Qualifikationen aufgestiegen bin, desto seltener war ich von Kollegen umgeben, die nicht in die deutsche Staatsangehörigkeit hineingeboren wurden“, stellt die promovierte Politikwissenschaftlerin Nevim Çil fest, deren Eltern aus der Türkei einwanderten. „Bislang geht das Potenzial der deutschen Migranten-Elite aus Frust über mangelnde Aufstiegschancen verloren oder wandert aus“, so Çil. Doktoranden- oder Professorenstellen sind mit ihr nicht besetzt.

Viel Talent bleibt meist schon viel früher auf der Strecke, denn spätestens seit der PISA-Studie ist klar, dass es Kinder von Migranten in deutschen Schulen ungleich schwerer haben als ihre deutschen Mitschüler. Die Zahlen sprechen für sich: Von den insgesamt 9,9 Prozent als ‚ausländisch’ aufgeführten Schülern an deutschen Schulen besuchen 18,7 Prozent die Hauptschule, 13,1 Prozent die Gesamtschule und nur 4,1 Prozent das Gymnasium.

Die Politik steht unter Zugzwang. Die Bundesregierung kündigte auf dem Integrationsgipfel im Sommer an, das Thema Bildung in den Mittelpunkt ihrer Integrationsbemühungen zu stellen. Wissenschaftler betonen seit langem, dass sich auch die Einstellungspolitik öffentlicher Institutionen und privater Unternehmen ändern muss, um Menschen mit Migrationshintergrund für die Bandbreite aller Berufsfelder zu gewinnen.

Seltsamerweise wird ein Thema in der Debatte bislang sorgsam umschifft: Positive Diskriminierung. Hierzulande ist sie etwa in der Frauenquote oder der bevorzugten Einstellung von Menschen mit Behinderungen bereits von einer breiten Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert.

Wie Einwanderer oder deren Nachkommen systematisch bevorzugt werden und was das bewirken kann, machen die USA vor. Dort folgt die berufliche Rekrutierung bis in die Eliten der Gesellschaft schon seit langem einer quotierten Vergabe von Stipendien, Arbeitsplätzen und Sitzen in Institutionen. Berücksichtigt werden Ethnie, Hautfarbe und Geschlecht. Sie ist nicht unumstritten, da natürlich eine Quote die Verfahren kompliziert. Entscheidungen fallen später, die Bürokratie wird verschärft. Viele der unter den Schlagwörtern „Affirmative Action“ und „Equal Opportunity“ bekannten Programme sind massivem konservativen Widerstand ausgesetzt, einige wurden sogar eingestellt. Die meisten Vertreter benachteiligter Bevölkerungsgruppen sind von ihrem Nutzen jedoch ebenso überzeugt wie viele Unternehmen, die die ethnische Vielfalt der amerikanischen Gesellschaft auch als Standortvorteil im Zeitalter der Globalisierung begreifen und Mitglieder von Minderheitengruppen aggressiv umwerben.