Entführungsfall Stark aus sich selbst

Gefestigt gibt sich Natascha Kampusch in ihrem wohl einzigen Fernsehinterview. Und spricht davon, wie ihr Entführer sie durch seinen Tod zuletzt noch zur "Mörderin" machen wollte

Wie muss es sein, zu wissen, dass sich die ganze Welt um einen dreht? Diese Frage stellt man sich unweigerlich nach dem Interview mit Natascha Kampusch, jener jungen Frau, die als Zehnjährige auf dem Schulweg entführt wurde und der erst nach mehr als acht Jahren die Flucht gelang. Soeben zeigte der österreichische Fernsehsender ORF das erste – und wohl für längere Zeit – einzige Fernsehgespräch der heute 18-Jährigen.

Als junge, gefestigte und durchaus mit ihrer Umgebung kokettierende Frau zeigte Kampusch sich. Die Sprache für österreichische Verhältnisse ungewöhnlich gespreizt, mit Formulierungen, denen man die psychologische Betreuung der vergangenen zwei Wochen geradezu anhört. Während des Interviews sitzt auch einer ihrer Psychiater genau neben der Kamera – im weißen Kittel, damit man auch wirklich merkt, dass er der Arzt ist.

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Manches, was Natascha Kampusch sagt, klingt beinahe auswendig gelernt, viele Formulierungen sind für ein Mädchen ihres Alters ungewöhnlich und ein Gegensatz zu den bunten Armbändern, die sie trägt. Sie erzählt, dass sie ihren Entführer geradezu dazu gezwungen habe, mit ihr Geburtstag und Weihnachten zu feiern, ihr Geschenke zu machen. Man kann sich nach kurzer Zeit gut vorstellen, dass sie ihre Stärke nicht erst nach der Flucht eintherapiert bekommen hat, sondern über die ganzen achteinhalb Jahre entwickeln konnte. Schon im Lieferwagen, Minuten nach ihrer Entführung, habe sie Wolfgang Priklopil zurechtgewiesen: „Unrecht Gut gedeiht nicht.“

Nach der langen Zeit, in der Kampusch nur eine einzige Bezugsperson hatte, genießt sie sichtlich die Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird. Immer wieder leitet sie Fragen an die im Hintergrund sitzenden Betreuer weiter, als ob sie sich die Arbeit des Denkens nicht antun wollte. Ihren Betreuer Max Friedrich, den Mann im weißen Mantel, bezeichnet sie vor laufender Kamera als denjenigen, der sie dazu gebracht habe, in jenem Brief an die „Weltöffentlichkeit“ ihr Verlies als „meinen Raum“ zu bezeichnen: „Verlies passt da besser."

Hin und wieder gerät ihr eine Formulierung etwas aus dem Lot. Sie habe sich stricken „im Selbststudium“ beigebracht, erzählt sie. Und man fragt sich nicht nur bei der Charakterisierung ihres Entführers, wie sie es ohne Beistand formuliert hätte: „Er hatte eine labile Persönlichkeit. Ich hatte früh ein sehr gesundes soziales Umfeld, diese Geborgenheit hatte er nicht."

Natascha Kampusch erzählt erstaunlich unbeeindruckt davon, wie Polizisten ihr berichtet hätten, dass sie erst wenige Tage vor ihrer Flucht um die Genehmigung ersucht hätten, „nach meiner Leiche zu graben“. Richtige Emotionen zeigt sie gegen Schluss, als sie sagt, dass sie mit ihrer Flucht wissentlich auch Priklopil „zum Tode verurteilt“ habe. Und wie er nicht nur den Fahrer der Regionalbahn, vor die er sich Stunden danach geworfen hatte, sondern auch sie selbst „indirekt zu Mördern“ gemacht habe.

Erst an dieser Stelle kann man langsam ermessen, welch langen Weg dieses kleine, 18-jährige Mädchen noch vor sich hat.

Der Fall Kampusch: Was fasziniert uns so an ihm? Ein Essay von Robert Misik

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Leser-Kommentare
  1. warum erstaunen die Formulierungen? was ist denn "altersgerecht"? Erstens scheint Frau Kampusch sehr sprachbegabt zu sein - vermutlich hat sie ihre Eloquenz als Waffe gegen den Entfuehrer sehr bald entdeckt und eingesetzt - durch Rundfunk und Lektuere hat sie sich mit Sicherheit ein besseres Sprachgefuehl erworben als Gleichaltrige es durch eine TV-Sozialisation erreichen (dazu kommt ihre "Eindringlichkeit" - sowas erwirbt man sich nur als ein Blinder.... der sie ja in gewisser Weise dort in ihrem "Loch" war.....)

    Soll sich die Frau denn ausdruecken wie der "Faenger im Roggen" oder Charles Bukowski? Ist das vielleicht "altersgerechter"? Nein - das sind Klischees, die ueber 18-jaehrige verbreitet werden.....

    Ich denke mir, dass Frau Kampusch schon in den ersten Wochen stark seelisch-emotional gewachsen ist - sie musste in gewisser Weise im Zeitraffer erwachsen werden - was vielleicht auch - neben der Mangelernaehrung - ein Grund fuer ihre zarte Statur sein duerfte (aehnlich der Statur der um 1900 Geborenen, die zum Teil eben auch von jetzt auf nachher zu Erwachsenen wurden). Ich denke aber auch an Anne Frank in ihrem Versteck - und die Wortmaechtigkeit dieser kleinen Schreiberin. Nein, die Sprachgewandtheit von Frau Kampusch ueberrascht - wenigstens mich - nicht und ich finde es schrecklich, wenn diese Eloquenz jetzt abfaellig als "typisch eingetrichtert" abgetan wird. "labil" - diese Formulierung stammt moeglicherweise - obwohl es - wie im Artikel behauptet - "nicht echt" wirkt - tatsaechlich von ihr - die Quelle? Radio - Lexika.... sagt sie ja selbst. Vielleicht hat sie ihrem Entfuehrer sogar "gutgetan" mit ihrer Sprachgewandtheit - es ist so ungewoehnlich nicht, dass Kinder ihre Eltern "therapieren" - vielleicht hatte sie Aehnliches bei Priklopil bewirkt - und war so tatsaechlich "die Staerkere" - in gewisser Weise.

    Was ich aber eigentlich anmerken wollte: Da denkt ihr jemand den Hauptschlussabschluss zu (kostenlos - oh wie grosszuegig ;-)!!!! - sie aber traeumt von der Matura - ha! "Die Oeffentlichkeit" (Beraterteam inklusive) wird sich an der kleinen Dame noch die Zaehne ausbeissen wie einst Priklopil.... wie sie ihn zu Geburtstagsgeschenken gezwungen hat - wird sie sich Abitur und Studium zu verschaffen wissen - ich goenne es ihr!

  2. Beim After Work-Entspannungsfernsehen blieb ich bei der Übertragung des Interviews auf RTL "hängen". Erst erschrocken über diese Ausbeutung menschlichen Leids ,kehrte ich doch immer wieder fasziniert von der Persönlichkeit von N. Kampusch zum Gespräch zurück. Erstmals und nur durch das Wesen dieser Frau provoziert begann ich mich für das Geschehen zu interessieren.Ich verfolgte die anschliessende RTL-typische Aufarbeitung (Yoghurt first)und lese mich gerade durch die Kommentare diverser Zeitungen zum Thema. Ich bin empört über die Darstellung von Frau Neudecker Frau Kampusch fast ausschließlich auf die Opfer-Rolle zu reduzieren(Entführung u. Psychologen).Ich denke Frau Neudecker sollte nicht vergessen daß Frau Kampusch als 10-jährige aus Ihrem sozialen Netz herausgerissen und als "Prinzessin" im Turm gefangengehalten wurde. Diese Frau die man jetzt zu Gesicht bekommt hat Träume,Wünsche u. einen Drang zum sozialen Engagement der nicht erst in den letzten 2 Wochen via Gesprächstherapie entstanden sein kann. In der Zeit ,in der andere Kinder und Jugendliche bei der Entwicklung Ihrer Persönlichkeit von Familie,Freunden und Umgebung unterstützt und begleitet werden,hat diese Frau allein gelebt und trotzdem ein autarkes Wesen entwickelt.Für mich eine der imponierendsten Persönlichkeiten. Vielleicht sollte Frau Neudecker das nächste Mal ein anderes Thema wählen .Die Psychologie bietet sicher noch einfachere.

  3. beim Interview kamen mir die Tränen als Frau Kampusch den Hunger beschrieb. Ich denke, sie wolte uns damit mitteilen, dass der Verbrecher sie hat hungern lassen, um sie gefügig zu machen. Ein probates Zwangsmittel, dem auch viele Zwnagsprostituierte ausgesetzt sind.

    • chiron
    • 07.09.2006 um 17:41 Uhr

    Der idiosynkratische Artikel von Sigrid Neudecker ist nicht nur unsensibel, er ist auch perfid. So als ob er von zwei Journalisten geschrieben worden sei, berichtet er einerseits über die Berichterstattung, trägt Fakten vor, verliert dann aber aber den vorgetäuschten Abstand zur Geschichte, führt Beobachtungen an, die einfach beschämend kommentiert sind und unterschwellig gerade (!) Frau Kampusch einiges unterstellt: berechnend, täuschend, geldgierig... Wie eloquent darf die Sprache eines Oesterreichers - oder auch die eines Schweizers oder Bayern – sein? Wie gespreizt oder nicht darf sich eine achtzehnjährige Oesterreicherin äussern? Wie bitte darf sich eine junge Frau nach einem solch einschneidenden Abschnitt fühlen und ausdrücken? Wie gut darf es ihr überhaupt gehen? Oder wie schlecht muss es ihr gehen, damit es stimmt? Für wen stimmt: Journalisten, Auflage, uns? Wie muss sie angezogen sein? Der Artikel wirft ein weiteres beschämendes Licht auf die zunehmenden Selbstläufer von Journalisten, die unverantwortlich sind, weil sie mit dem, was sie zu vorgeben zu sein: verantwortungsvolle Berichterstattung in Tat und Wahrheit mit ihren persönlichen Ansichten Meinungen von Lesern und Zuschauern beeinflussen. Einem Journalisten sollte eigentlich schon bekannt sein, wie Fernsehsendungen ablaufen, wie und was alles – natürlich nur der Information wegen – so und so vorbereitet sein muss. Also bitte nicht Frau Kampusch irgendwelche berechnende Taten unterstellen. Berechnend, und zwar eiskalt, sind eher die Medien, die hier Information emotionsgerecht aufladen. Dafür wird schon auch einmal das eine oder andere Bild vertauscht oder gefälscht (...) Was hat das nun mit Frau Kampusch zu tun? Wir leben in einer Zeit, da können die meisten, wenn sie nicht gerade Franz Beckenbauer heissen, eigentlich tun und lassen, was sie wollen – es ist immer falsch. Würde Frau Kampusch schweigen, wäre es falsch; redet sie, ist es falsch – oder halt, nicht dass sie redet, sondern was sie redet. Vicor Frankl hat seine KZ-Erlebnisse erzählt, stärkend für Menschen, die würdevoll leben wollen. Nun gibt es wieder kritische Stimmen (...); Anne Frank hat über diese Zeit geschrieben und ist gestorben, was wird man bei ihr herausfinden? Es ist erschreckend, wie Menschen, die selbst Leid nicht erlebt oder verarbeitet haben, sich über andere äussern können. Ganz anders dagegen die meisten Kommentare hier: sie zeigen grosse Anteilnahme am Schicksal eines Menschen, der uns auch aufzeigt, wozu ein Mensch – und eben auch bereits ein sehr junger!! - fähig ist: würdevoll sein Schicksal zu tragen und zu gestalten. Das sie ganz nebenbei noch unser Bildungssystem hinterfragt, kann ihr ja nun nicht auch noch negativ angelastet werden, oder?

    Verrückt an dem Ganzen ist eigentlich wieder, wie sich nun bereits die Spezialisten um sie scharren und nun auf eine andere Weise etwas tun – wobei auch sie vorgeben, nur das Beste zu wollen -, was sie eben hinter sich zu haben glaubte: statt von Mauern ist ist nun von Beratern und Journalisten umgeben (...)

    Ganz nebenbei, Ataturkuaz, ist es überhaupt nicht absurd, wenn man um einen verrückten Menschen trauert, der einen Menschen hungern lies. Wenn wir uns nicht fragen, was daran absurd ist, sondern wie jemand solche Kräfte entfalten kann, dann findet der Mensch vielleicht sogar heraus, wie er konstruktiv mit Wut und Zorn umgehen könnte, statt ihn in Hass und Krieg zu verwandeln.

    • Anonym
    • 07.09.2006 um 1:34 Uhr

    alle medien mahnen und geben zu bedenken, dass diese junge frau der ruhe bedarf und "wir" unsere informationsgeilheit zügeln sollen - und dann machen alle ihre features - mal aufklärerisch (der bürger muß informiert werden), mal reißerisch, nach BILDung eben.
    Einfach mal den journalistischen (Wichs)Griffel mal zur Seite zu legen und NICHT zu berichten - auf diesen Gedanken kommt in unserer Mediendemokratie keine/r, oder traut sich nicht.
    Nach einer weiteren Stern-Stunde steckt mir noch reeichlich Jauch(e)im Hals - und endlich weiß ich, was Betroffenheits(ge)sülze ist: etwas, woran Opfer ersticken.
    Und die Zeit wohlfeil mittendrin. bäh!

  4. Zur Lösung des PISA-Problematik und zum Schutz der Öffentlichkeit vor den Nebenwirkungen der Pubertät fordere ich hiermit, Kinder in Zukunft grundsätzlich mit zehn Jahren statt in die Schule lieber für acht Jahre in ein Erdloch zu stecken. ;-)

    • cerna
    • 07.09.2006 um 10:47 Uhr

    mit dem sich der Therapeut Nataschas im Fernsehstudio präsentierte, der ganz offensichtlich von ihm und nicht von Natascha formulierte Brief an die Öffentlichkeit, der liebende Vater, der nicht zu seiner Tochter darf, und letzlich auch die anzunehmende Ermutigung des Mädchens, sich für dieses Fernsehinterview zur Verfügung zu stellen - all dies wirft doch die Frage auf, ob Natascha zur Zeit eine angemessene Betreuung erfährt oder sie nicht doch eher erneut Opfer geworden ist - eines nach Einfluss und Selbstdarstellung gierenden terapeutischen "Kompetenzteams".

    • Simt
    • 07.09.2006 um 18:13 Uhr

    Tief beeindruckt habe ich gesehen, wie Natascha Kampusch sich vor den Kameras der Neugier und dem Mitgefühl der Öffentlichkeit stellt. Sie sieht beeindruckend gut aus und spricht unglaublich gewählt. Können die Medien das nicht anerkennen, muss diese Frau jetzt auch noch durch die nächst Hölle - von jedem Blatt analysiert zu werden. Ich empfinde es als unerträglich wie auch in diesem Artikel einzelne Sätze und Geesten von Frau Kampusch hochmütig interpretiert werden.

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