Mein Leben mit Musik Ich verschwinde im ChorSeite 2/2
Als ich klein war, bestanden meine Eltern darauf, dass ich ein Instrument erlerne. Zuerst hatte ich einen Geigenlehrer, der irgendwann entfloh, dann kam der Klavierlehrer, der bald kein Geld mehr wollte, weil keinerlei Fortschritt zu erkennen war, es folgten Flöten- und Querflötenstunden, auch einen Gitarrenlehrer mit ungeschnittenen Fingernägeln brachte ich zur Verzweiflung. Ganz zum Schluß kam eine Klarinettistin, die mich immerhin zwei Jahre bei der Stange hielt. Aber auch von dieser Kunst ist nicht viel geblieben. Heute bedaure ich meine Faulheit und meinen Unverstand. Heute staune ich über die Menschen, die sich an ein Klavier setzen und ihm Harmonien entlocken. Dann stehe ich daneben und kann gar nichts. Das einzige, was ich habe, ist meine Stimme. Eine sehr schöne, sehr volle Sopranstimme. Mit ihr mache ich jetzt Musik.
Mein Chor hat sich dieser Tage mit dem Chor der Nachbargemeinde für ein Projekt zusammengetan. Wir werden Händels
Messias
singen. Durch die Fusion sind wir über 80 Sänger – gewaltig wird es klingen. Mich freut das. Obwohl ich ein Individualist und ein Egomane bin, und obwohl ich eine so wunderschöne Stimme habe, hat mich das Vorsingen, das musikalische Sich-Hervortun nie gereizt. Im Gegenteil, es ist das Untergehen im großen Strom der Musik, was ich am Chorgesang so liebe. Alle Müh und alle Sorge, aber auch aller Geltungsdrang und alle Eitelkeit fallen von mir ab. Ich bin nur noch ein Instrument im großen Orchester. Nicht mehr als eine Biene im Schwarm, ein Stein im Mosaik, ein rauschendes Blättchen am Baum.
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- Datum 04.10.2006 - 10:38 Uhr
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bringt, ganz unauffällig, dass Nebeneinander von Größenwahn und in-der-Menge-aufgehenwollen eines jeden zum Ausdruck.
wird die Aufnahmen von Guttenberg bei Phillips besonders lieben.
Schönen Gruß aus dem Bass. Allons!
Danke für diesen treffenden Erfahrungsbericht, er könnte bis in die Details von mir sein. Ja, nach der Sommerpause muss ich diese Woche unbedingt zur Chorpobe.
Für jemanden wie mich, die nicht einmal in der Badewanne singen konnte, ohne von der Familie dafür auf den Arm genommen zu werden, ist seit einem halben Jahr der Chor hier im Ort sowas wie eine herrlich wohltuende warme Dusche. Ich habe nie ein enges Verhältnis zur Musik entwickeln können, kein Instrument und nie Noten lesen gelernt. Und selbst die Kindheitserinnerungen geben nichts außer ein paar Weihnachtsliedern her. Während mich Farben und Bilder und Malereien immer leicht ansprachen und begeisterten und ich Nächte lang ohne ohne Ende lesen mochte, vermisste ich jeden Zugang zur Musik.An meinem Mann und den Kindern erst habe ich gesehen, was Musik sein kann und ich habe nach Musik gesucht. Das meiste war nicht mehr als eine Geräuschkulisse für mich oder es blieb stur im Kopf und ging nirgendwohin weiter. Vor ein paar Jahren bin ich allein für einige Wochen durch Brasilien gezogen und habe am Amazonas beim Sonnenaufgang zum ersten Mal etwas gehört, dass mich so berührt hat wie ich glaube nur Musik das kann. Es hat etwas mit Harmonie zu tun, mit dem Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein, zu schwingen, die Schwingungen tatsächlich zu spüren, zu hören, zu empfinden, vielleicht sowas wie den großen Kreislauf des Leben mit allem Drumherum anzunehmen. Im Chor erlebe ich das hin und wieder so ähnlich. Schön ist das.
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