Sofern politische Theorien eine Adresse haben, lautet die Anschrift des Neokonservatismus 1150, 17th Street NW, Washington DC. Dort residieren im fünften Stock ein halbes Dutzend Rechtsintellektuelle in ziemlich gewöhnlichen Büros und liefern beständig Argumente für die Ausbreitung der Demokratie und zugleich für die amerikanische Weltherrschaft. Project for the New American Century heißt der kleine Klub. Das Gründungs-Papier aus dem Jahre 1997 haben fast alle wichtigen Neokonservativen Amerikas unterzeichnet. Was hier gedacht wurde, zirkulierte auch im Freundeskreis des think tank . Mit der Wahl George Bushs zum Präsidenten und erst recht mit dem Terroranschlag vom 11. September 2001 wuchs die Bedeutung der Denkfabrik, auch wenn die Zahl der Mitarbeiter klein blieb. Der Neokonservatismus gewann Einfluss auf die amerikanische Außenpolitik und der Freundeskreis wurde zu einem Netzwerk der Macht.

Jetzt, neun Jahre später, soll das Project for the New American Century zumachen – aus Geldmangel, wie es heißt. Die verbliebenen Mitarbeiter suchen Jobs. Die Reihen schließen sich. Das neue amerikanische Jahrhundert lässt auf sich warten. Eine Ideologie packt ein, in Umzugskisten. Symbolträchtiger geht's nimmer.

Den Grund für die Krise des Neokonservatismus' muss man nicht lange suchen. "Irak" heißt das Zauberwort. Das zentrale Projekt dieser außenpolitischen Schule, die demokratische Umgestaltung des Zweistromlandes, entwickelt sich nicht wie erhofft. Weil die Theorie der Realität nicht standhielt, schwemmt die Realität nun manchen Theoretiker hinfort. Und dabei entsteht so manches lesenswerte Traktat.

Das Gedankengebäude des Neokonservatismus fußt auf einer scharfsinnigen Kritik der etablierten Außenpolitik in Amerika und Europa, besonders nach dem 11. September. Die NeoCons lehnten die gängige linksliberale Theorie über die Ursachen der Anschläge ab, wonach Ungerechtigkeit und Modernisierungsdefizite im Nahen Osten die Attentäter motiviert hätten. Stattdessen sei das Demokratiedefizit der Urgrund des Terrors. Die Attentäter hätten die Zweigesichtigkeit des Westens erkannt, der im Nahen Osten nur das Öl wolle und deshalb trotz seiner demokratiefreundlichen Rhetorik in einem Teufelspakt die autoritären Herrscher der Region stütze. Diese Heuchelei attackierten die Terroristen.

Für die Neokonservativen war Stabilität in der Region die Friedhofsruhe der Diktaturen. Sie wollten den Westen, zuvörderst Amerika, davon überzeugen, sich auf eine Politik jenseits des Öls einzulassen. Nicht die Diktatur, allein die Demokratie werde langfristig Sicherheit vor dem Terror schaffen. Und notfalls müsse amerikanisches Militär eingesetzt werden, um der Demokratie zum Durchbruch zu verhelfen: Waffen als Macht der Moral und Amerika als gütiger Hegemon, der ein öffentliches Gut für die ganze Welt zur Verfügung stellt.

Diese Theorie stand immer schon unter Feuer. Aber es gelang ihren Anhängern, ein Bündnis mit traditionellen Konservativen zu schmieden und ihr zentrales Projekt durchzusetzen – die gewaltsame Amtsenthebung des Diktators von Bagdad und den Versuch, den Irak zu demokratisieren. Danach werde die ganze Region von der Attraktion der Demokratie ergriffen. Soweit die idealistische Dominotheorie.

Die Realität einer übertriebenen Bedrohung durch den Diktator, einer schlecht geplanten Besatzung, eines Aufstandes, einer neuen terroristischen Bedrohung, aller möglichen Verletzungen von Menschenrechten durch die eigenen Truppe und wachsender Radikalisierung in der gesamten Region lässt manchen Neokonservativen zweifeln. Der erste war Francis Fukuyama, Professor an der Johns Hopkins University. Ein anderer, Andrew Sullivan, folgte. Beide benannten, was sie als die wichtigsten Irrtümer des Neokonservatismus sahen:

1. Übermäßiges Vertrauen in die Fähigkeiten der amerikanischen Regierung. Der Glaube, man wisse genau, was in den Waffenarsenalen Iraks lagere, habe sich als verfehlt erwiesen. Der Schock des Anschlages vom 11. September 2001 habe eine Überbewertung der Bedrohung erzeugt. Zweifel an den Bedrohungsszenarios seien zu schnell verworfen worden.

2. Übermäßiges Vertrauen in die Unausweichlichkeit der Demokratisierung. Das wunderbar friedliche Ende des Kalten Krieges habe den Irrtum befördert, die Demokratie sei eine Art Naturzustand des Menschen oder lasse sich doch jedenfalls mit geringer Anstrengung einrichten. Fukuyama erinnert daran, dass gerade die frühe neokonservative Kulturkritik der sechziger und siebziger Jahre Amerikas regierende Linksliberale auf die Grenzen sozialer Ingenieurskunst innerhalb Amerikas hingewiesen habe. Nun seien sie selbst Opfer der Annahme geworden, man könne im Handumdrehen Gesellschaften verändern.

3. Übermäßiges Vertrauen in die Reputation Amerikas und seiner Machtmittel. Dass Amerika nur Wächter über die liberale Ordnung der Welt sei, aber kaum eigene Interessen verfolge, sei für Ausländer schlicht unglaubwürdig. Die Neokonservativen hätten unterschätzt, wie viel Widerstand amerikanische Vorherrschaft erzeuge. Denn letztlich handelt es sich beim Neokonservatismus um eine Vermählung von Universalismus mit amerikanischem Nationalismus. Nach Fukuyama besteht das Drama der NeoCons darin, die Unverträglichkeit des amerikanischen Nationalismus' für andere Völker übersehen zu haben.

Fukuyamas Essay ( America at the Crossroads – Democracy, Power and the Neoconservative Legacy ), Sullivans Analyse ( What I got wrong about the war ) sowie einige weitere Mea-Culpa-Aufsätze haben nun eine scharfe Antwort gezeitigt. Sie stammt von Norman Podhoretz, einer lebenden Legende des Neokonservatismus und einem ihrer Gründerväter. Nachzulesen ist sie in der September-Ausgabe des rechten Intellektuellenblattes Commentary .

Podhoretz fragt darin, ob die Bush-Doktrin tatsächlich tot sei. Nein, sei sie nicht, alles nur ein Missverständnis, eine Fehlinterpretation der Person des Präsidenten, schreibt der Altmeister. Dahinter steht die Ansicht, der ganze Neokonservatismus sei keineswegs verblichen. Allerdings ist Podhoretz die Enttäuschung anzumerken, dass sich immer mehr Weggefährten abwenden: die einen, weil sich die eigene Theorie im Nahen Osten als wirklichkeitsfremd erwiesen habe; die anderen, weil die Politik des Präsidenten nicht mehr hinreichend neokonservativ sei. Zu letzteren ist Richard Perle zu zählen, der frühere Pentagon-Berater, der dem Präsidenten weiterhin mehr Härte gegenüber den Diktatoren des Nahen Ostens empfiehlt. Zu ersteren ist David Frum zu rechnen, der einst für George Bush die Formulierung von der "Achse des Bösen" erfand und nun desillusioniert ist.

Podhoretz bestreitet den Ausgangspunkt der neokonservativen Selbstkritik, dass nämlich die Bush-Doktrin im Irak ihren Test nicht bestanden habe: "Immerhin wurde der Irak von einem der schlimmsten Tyrannen des Nahen Ostens befreit; drei Wahlen wurden abgehalten; eine vernünftige Verfassung ist verabschiedet; eine gewählte Regierung arbeitet; die Bürger genießen zuvor unvorstellbare Freiheiten. Nach welcher bizarren Arithmetik addiert sich das alles zu einem Scheitern?" Der Aufstand der irakischen Nationalisten und die Attacken der Terroristen sind für Podhoretz ein Beweis für den Erfolg der amerikanischen Strategie. Denn wären die Aufständischen überzeugt, dass "die Demokratisierung schon gescheitert sei, warum würden sie dann so intensiv kämpfen, die Demokratie zu besiegen?"

Für Podhoretz gibt es keine Veränderung der amerikanischen Außenpolitik, kein "Ende der Cowboy-Diplomatie" ( Time ). Er sieht nicht "das geringste Anzeichen" dafür, dass Bush sich von den Grundprinzipien der nach ihm benannten Doktrin entfernt habe. Allerdings übersähen jene Neokonservativen, die Bush aufgegeben hätten, eine einfache Tatsache: "dass er ein Politiker ist". Als Präsident lasse er sich ständig auf taktische Kompromisse ein. Aber die Geschichte werde in Bush dereinst einen gradlinigen Mann sehen. Bei Podhoretz gibt es keinen Machtverlust Amerikas, keine Ermüdung der Armee, keine Rückzugs-Sehnsucht der amerikanischen Bevölkerung und konsequenterweise auch keine veränderte Außenpolitik der Regierung Bush. Wer Podhoretz liest, muss annehmen: Es gibt mindestens noch zwei Neo-Konservative in Amerika. Und auf den einen kommt es an.

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