Buchvorstellung Wider die "German Angst"Seite 2/2

Vor allem ein Argument aus dem Buch kommt Steinbrück sehr zupass. Die Deutschen, behauptet nämlich Bode, hätten ihre Ängste nur deswegen so lange unter der Decke halten können, weil Wirtschaftswachstum und Sozialstaat ihnen ein größtmögliches Gefühl von Sicherheit verliehen hätten. Jetzt, wo beides brüchig geworden sei, kämen die alten Traumata zum Vorschein und blockierten Veränderungen.

Das ist Wasser auf Steinbrücks Mühlen. Früher, sagt er, habe man mit Reformen Verbesserung assoziiert, heute sei das Gegenteil der Fall. Wie allergisch die Öffentlichkeit auf die Ankündigung von Veränderungen reagiert, hat er ja gerade selbst erlebt. Dabei hatte er doch lediglich auf die Frage, was er im Moment für nicht mehrheitsfähig halte, geantwortet, dass man den Urlaub für die Altersvorsorge streiche. Dass daraus in der Presse eine Forderung wurde, findet der Finanzminister nicht nur unfair. Es ist für ihn auch der Beleg dafür, dass die Medien Ängste durch eine hysterische Berichterstattung noch schüren und Reformen dadurch behindern. Wenn in Deutschland Kompromisse geschlossen würden, seien es immer „faule Kompromisse“, empört sich der Finanzminister. Das sei in anderen Ländern nicht so.

Eine grundsätzliche Neigung zum Pessimismus, ein Hang, die Probleme zu übertreiben und eine daraus resultierende Veränderungsfeindlichkeit: Das scheint für Steinbrück die Quintessenz der „German Angst“ zu sein. Die Autorin geht in ihren Schlussfolgerungen dagegen weiter.

Da gibt es zum Beispiel das Kapitel „Können Vaterlose führen?“. „Nein“, glaubt Bode und belegt dies anschaulich an der Lebensgeschichte von Altkanzler Gerhard Schröder. Der Finanzminister guckt leicht indigniert. Er dürfte in diesem Moment sehr froh darüber sein, dass Schröder in der SPD keine Rolle mehr spielt. Kanzlerin Angela Merkel ist übrigens nicht ohne Vater aufgewachsen.

Die Regierenden mögen sich durch Bode zwar bestätigt fühlen, helfen kann ihnen der Befund dagegen kaum. Eine ganze Gesellschaft lässt sich nun mal nicht auf die Couch legen. Wenn es die „German Angst“ wirklich gibt, sollte die Politik wohl eher versuchen, mit ihr umzugehen. Angst muss ja nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Denn wie sagt Erich Kästner? „Wer keine Angst hat, hat keine Phantasie.“

Das Buch "Die deutsche Krankheit - German Angst" von Sabine Bode ist im Verlag Klett-Cotta erschienen und kostet 19,50 Euro

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Leser-Kommentare
  1. ...und ist ein tolles Thema für die Medien, denn das kann man herrlich ausweiten und wie eine Mayonnaise hochrühren !

    Die von kb genannten Probleme gibt's weltweit, man wird ihrer sicher nicht Herr werden, wenn man sie ängstlich anstarrt...Ich glaube nicht, dass die Deutschen ängstlicher sind als andere Völker, nur werden sie sich langsam bewusst, dass sie nicht auf einer Insel der Glückseligen leben und von dieser die Welt in Ruhe betrachten können. Ihre Sicherheit war der Wohlstand, mit dem sie sich vieles erkaufen konnten (auch politisch), und die Generation, die jetzt am lautesten klagt, ist mit Selbstverständlichkeiten aufgewachsen, die nun in Frage gestellt werden...das ist aber nicht das erste Mal in der Geschichte und "die" Deutschen sind mit derartigem mehrmals gut fertiggeworden ( denken wir an die Generation, die zwei Weltkriege durchgemacht hat !)...oder brauchen wir nun Psychiater an der Spitze des Staates falls die durch die Medien gesteuerte Massenhysterie ausbrechen sollte ?

    • Anonym
    • 15.09.2006 um 11:30 Uhr

    Wer sich mit Geschichte beschäftigt kommt sehr schnell auch zu den Ursachen dessen, was hier mit deutscher Angst tituliert wird.
    Kulturelle kollektive Mechanismen sind dabei häufig viel langlebiger als deren Ursachen.

    1. These: Die Deutschen sind kein Demokraten, sie erwarten die Lösung der Probleme von der Obrigkeit.
    2. These: Die Obrigkeit leitet aus dieser Haltung ihren Anspruch ab, das Volk sei unmündig und müsse geführt werden, dies Unmündigkeit sei auch ein wesentlicher Grund für die Katastrophe des 3. Reiches.

    Der Schlüssel zur Risikoarmut der Deutschen liegt in der 1. These. Die Revolution 1848 in Deutschland ist u.a. deshalb gescheitert, weil die Bevölkerung die Exzesse der französischen Revolution fürchtete. Das Bismarck´sche System des Sozialstaates schuf hier Abhilfe und ermöglichte der Bevölkerung zunächst sehr erfolgreich auf Selbstverantwortung zu verzichten.
    Veränderungen kamen deshalb in Deutschland immer dem Druck der Strasse zuvor von oben. Sei es wie bei Bismarck oder Adenauer durch starke Führung, oder wie bei vielen Kanzlern der Weimarer Republik, Hitler und der Bundesrepublik durch anbiederden, der Verantwortung enthebenden Populismus damit die Bevölkerung das Gefühl behält der Verantwortung enthoben zu bleiben.

    Dieses System der paternalistischen Bevormundung zieht sich durch die Geschichte Deutschlands seit 1848 wie ein roter Faden und hat alle deutschen Verfassungen geprägt.

    Nachteil dieses Systems ist es aber, dass in weit geringerem Maße als anderswo, es in Deutschalnd höchst unfein ist, zu opponieren oder jemanden wegen Unfähigkeit oder Lüge bloßzustellen.
    Das ist in revolutionären Staaten dazu im Gegensatz fast Volkssport. Immer wieder fallen dort Einzelne dadurch auf, das sie Mächtige heftig ins Straucheln bringen, gerade durch Ignoranz gegenüber den "guten Sitten"
    Eine wichtige Vorbedingung für eine Demokratie, in der nur der Bürger als Souverän Mißwirtschaft korriegieren kann.

    Die Angst der Deutschen ist die Angst vor dem Verlust der Unschuld, die Angst vor der persönlichen Verantwortung, der Angst das richtige zu wollen, aber das falsche zu erreichen. Verkennend, das die Katastrophen der Deutschen gerade auch auf diese Verweigerungshaltung beruhen.
    Hier reit sich nahtlos die deutsche Friedensbewegung, der Sozialstaat, der breite populistische Pazifismus, die Grünen ein, die jede konsequente Auseinandersetzung an dem Punkte abbrechen, wo der Nutzen offensichtlich Nachteile oder Opfer für eine Minderheit bedeuten.
    Die Verweigerung, diese Tragik menschlichen Seins zu akzeptieren, das Beste daraus zu machen im Sinne des Gesamten ist Grund und Gegenstand der deutschen Angst.
    Zusätzlich ist Deutschland bereits überaltert, ältere und alte Menschen legen auf Sicherheit zunehmenden Wert, ihre alterbedingte zunehmende Unflexibilität erhöht auch tatsächlich das persönliche Risiko.
    Wenn dann die eigenen veraltenden Maßstäbe immer noch mehrheitsfähig sind, verlangsamen sich notwendige Veränderungen.

    B Grabe

    • RalphS
    • 14.09.2006 um 19:50 Uhr

    dann Steinbrücks Selbstgerechtigkeit,seine Selbstüberschätzung in wirtschaftlichen Fragen und seine verzweifelten Bemühungen sein neoliberales Weltbild in die Tat umzusetzen.

    • jaso
    • 14.09.2006 um 9:27 Uhr

    Ekelhafte Schlüsse. Wie ja schon die Psychoanalyse in der Biosoziologie Probleme hat, ist ihre Anwendung auf menschliche Gruppenformationen im hist. Kontext spekulativ, allenfalls appelativ. In solchen Fällen frage ich mich, wie naiv die Autoren sind, das Verfasste zu glauben oder anwenden zu wollen. Eine empirischen Analyse halten solche Haarspaltereien nicht stand, da allzu leicht widerlegbar. Denn wo da auf die Angst der Deutschen durch den Zweiten Weltkrieg schließen, wo schon die Aussagen: Alle Deutschen haben ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis, oder: Die meisten Menschen einer bestimmten Gesellschaft seien grundsätzlich ängstlich, unhaltbar sind.

    • timto
    • 14.09.2006 um 10:16 Uhr
    5. Angst

    Angst ist an sich nichts Schlechtes. Es ist ein Warnsignal, ein Sinneseindruck der einem die Sinne schärft oder aber eben diese lähmt.

    Angst wird durch das Gefühl bestimmt man könnte etwas verlieren - die Liebe, das Leben, das Geld - was auch immer.

    Wie überwindet man nun diese Angst?

    Man beginnt zu reagieren - Offensiv, Defensiv, Resignierend.

    Ich habe nicht gelesen was die Autorin schrieb und weiß nicht wie sie die German Angst definiert.

    Allerdings verbinde ich damit die Frage, wie sich das deutsche Volk in unserer Welt positioniert.

    Unsere Geschichte - unser Trauma spielt dabei gewiss eine große Rolle. Nichts desto Trotz - in unserer schnellen, globalisierten Welt in der sich so schnell soviel ändern kann, kann es doch nur von Vorteil sein besonnen und behutsam mit den Problemen umzugehen.

    Zurückhaltung und Demut werden da oft als Angst gebrandmarkt und der, der nicht sofort losschlägt, der nicht von seinem Platz weicht und niemanden schlagen mag, als Angsthase verurteilt.

    Wenn man unter vermeintlich Starken ist (ob nun USA oder England - von wem sonst soll dieses Sprichwort kommen) - und nicht das Gebaren eines Starken annimmt und sich nimmt was man haben möchte und zerstört was sich gegen einen erhebt, dann verliert man schnell seinen Status.

    Ich nehme an es ist im Kleinen wie im Großen.

    Es ist nun zu sagen das die deutsche Haltung, niemanden verletzen zu wollen und die daraus resultierende Zurückhaltung ein Gut ist.

    Wir suchen nicht die Stärke des kämpfenden Vaters - vielleicht die Autorin.

    Diese Zurückhaltung wird oft als Schwäche mißverstanden, der welcher nicht schlägt als Angsthase verurteilt.

    Für den der den anderen schlägt ist es ein leichtes sich vermeintlich über andere zu erheben.

    Aber was für eine Illusion von Stärke ist das?

    So komme ich zu dem Schluss das die German Angst mehr gutes zu tun vermag als ein German Mut.

    Wir nehmen die Probleme um uns wahr und agieren Zurückhaltend, nicht schlagend, nicht raubend um so die Balance in unserer Welt zu wahren.

    An die Autorin kann ich nur sagen - suchen Sie die Mutter und finden Sie Ihren Frieden.

    timto - [Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion]

    • keox
    • 14.09.2006 um 13:46 Uhr
    6. \N

    "Dieses Mißtrauen muß von der Politik und Wirtschaft erst einmal abgebaut werden, bevor sich am Verhalten der Mehrheit der Deutschen etwas ändern wird."

    mein lieber ironicus, das war ein schöner satz wider die angst. lachen hilft immer etwas gegen die angst. spontan fiel mir dazu der alte kalauer ein:"ich würd mich ja auch gern mal emanzipieren, aber mein mann erlaubt das nicht"

    politik, staat und wirtschaft sind lediglich teilfunktionen einer gesellschaft. wer sich von seinen lakaien vergewaltigen lassen muß, der ist wahrlich übel dran.

    der, mein lieber wilbur, spricht dann schon mal vom rundumversorgungsstaat, wenn es dem pack gefällt, dem arbeitenden volk, dem souverain also, ein paar krümel mehr zu überlassen von dem, was es geschaffen hat.

    was immer also auch gemeint sein mag mit "german angst", es ist leider kein problem unserer eliten.

  2. Meiner Ansicht nach ist die Angst in Deutschland groesstenteils wirtschaftlicher Natur. Waehrend die Angst vor Unfaellen oder Kriminalitaet in den USA meiner Meinung ebenso uebertrieben ist. Einher geht das mit der entsprechenden Berichterstattung. In D: Arbeitsplatzabbau, die neue Angst vor den "Asiatischen Horden" die uns jetzt nicht den Lebensraum sondern die Arbeit wegnehmen. In den USA nehmen Berichte ueber Kriminalitaet und Terror und Unfaelle einen grossen Platz im Fernsehen ein und genau in dieser Hinsicht ist das Sicherheitsbeduerfnis besonders ausgepraegt. In beiden Faellen gilt: Angst laehmt, nimmt Lebensfreude und verschlimmert die Probleme nur!

  3. Sie hacken so auf 1848 herum.

    Meines Wissens beginnt die deutsche Geschichte viel früher. 962 n.u.Z wird oft genannt. Es gab vor 1871 kein zentralstaatliches deutsches Reich.

    Ganz schlaue beziehen ihre geschichtliche Weisheiten sogar auf lediglich zwölf Jahre des Dritten Reiches und bilden daraus universelle Konklusionen. Damit kann man heutzutage sogar Außenmister werden.

    Zu Abrundung möchte ich noch sagen, dass wir Bauernaufstände hatten und die Reformation, nur um zwei Beispiele zu nennen.

    Ich glaube, die "German Angst" ist auf neuere idiotsiche Erziehungsmethoden zurückzuführen: Unser Bildungswesen "produziert" einfach keine auf Wissen und Können begründete selbstvewußte und geistig autonome Individuen. Wenn früher viellicht Duckmäußertum das Ergebnis von Erziehung war, so ist es heute mit großer Wahscheinlichkeit eine Kombination aus Selsbstüberschätung, Political-Correctness-Gefangenschaft und Der-Staat-sorgt-für-mich-Mentalität.

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