Montagskolumne Wir sind Papst - wieder einmal!

Feste sind schön! Und Massenerlebnisse? Braucht der Mensch gar das Kollektive?, fragt sich Robert Leicht.

Feste braucht der Mensch offenbar – und feste Anhaltspunkte. Insofern darf man sich über den Papstbesuch in Bayern freuen. Auch wundern – wenigstens etwas? Jedenfalls staune ich immer wieder über das kollektive Bedürfnis so vieler Menschen, sich an einer doch auch nur menschlichen Gestalt aufzurichten – wenn es nicht überhaupt ein gar nicht so geheimes Bedürfnis nach Kollektivität an sich ist, das sich in solchen Zusammenkünften zum Vorschein bringt. Was veranlasst einen im Alltag scheinbar so rational handelnden Menschen, sich in Massen stundenlang anzustellen, um einen Amtsträger für wenige Sekunden in einem Papamobil vorbeirollen zu sehen?

Die Sache hat ihre religiöse Seite – in diesem Fall nur zu offenkundig. Doch die Frage, ob die massenpsychologische Dimension des Vorgangs auf den Kern der religiösen Botschaft hinführt oder doch auch von ihr ablenkt, die darf ja wenigstens gestellt werden. Der Einzug des Joshua von Nazareth in Jerusalem auf einem Esel fand doch mit vergleichsweise bescheidenerem Aufwand und Medienrummel statt – und vor einer außerordentlich begrenzten Öffentlichkeit. Und ganz ohne die im Lichte der ankommenden Person sich sonnende (Polit)-Prominenz inklusive Großfamilienanhang.

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Apropos! Ein wenig wunderte ich mich über Medienberichte, wonach der Papst auf die Worte des Bundespräsidenten (wacker die Ökumene zwischen Katholiken und Protestanten anmahnend) spontan und positiv geantwortet habe. Für jemanden, der in diesen weithin fruchtlosen Dialogen zuhause ist, konnte die Antwort (trotz des Appells an die heißen Herzen) nur kühl aufschiebend klingen – und etwas anderes war ja auch kaum zu erwarten. Und dabei wäre dies das einzige Thema auf der ganzen Papstreise, bei der sich etwas sagen ließe – jenseits des ansonsten durchwegs Erwartbaren.

Also, keine Spielverderberei und Festverbitterung. Nur eine kleine Bitte um jenes Quäntchen nüchterner Vernunft, das zugleich den wieder folgenden, auch den kirchlichen Alltag in den Blick nimmt, ein wenig Distanz auch zum Massenerlebnis. Ich für mein Teil denke dann auch ein wenig zurück an Martin Luthers Schrift an den christlichen Adel deutscher Nation, nämlich an den folgenden Satz: „Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei…“

Immerhin fügt der Reformator an: „... obgleich es nicht einem jedem ziemt, solch Amt auszuüben.“ Insofern stimmte es schon, was die Bild-Zeitung nach der Wahl Benedikts XVI. getitelt hatte: „Wir sind Papst!“ – Freilich nicht wir Deutschen, sondern – alle.

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Leser-Kommentare
  1. „Wir sind Papst“, so titelte nach der Wahl die Zeitung mit den blutroten Buchstaben. Der Papst, Vertreter Christi auf Erden. Der Fels, auf dem die christliche Kirche stehen sollte, nach der Reformation allerdings nicht mehr die ganze christliche Kirche. Reformation bedeutete einmal die Rückkehr zu den Wurzeln. Nun, der Papst ist jetzt bei seinem Besuch in seine Heimat zurückgekehrt und wurde gefeiert, so wie bei dem Jugend-Event in Köln.

    Beides waren millionenschwere Veranstaltungen. Und wenn man heute in den deutschen Tageszeitungen das Titelbild sieht, dann strahlt uns ein Papst in seinem ganzen Glanze entgegen, stellvertretend für die katholische Kirche, die wie keine andere Organisation in Jahrhunderten gelernt hat, die Insignien der Macht zu inszenieren.

    Ist das die Botschaft Christi? Sicher beeindruckt der mediengerechte Auftritt die Menschen, und viele fühlen sich in so mächtiger Gesellschaft geborgen und gut aufgehoben; sicher sind auch viele stolz auf so viel Größe und hoffen, dass ein kleines Stück des Glanzes auch auf sie fällt. Ist das aber die Botschaft Christi an die Welt?

    Lesen wir doch einmal nach wie Christus seine „Auftritte inszenierte“. Hat er nicht seinen Jüngern die Füße gewaschen? Hat er sich nicht mit den „Geringen“, den von der Gesellschaft Ausgestoßenen gemein gemacht? Wie würde er wohl heute neben dem Papst aussehen?

    Der Papst agiert mit seinem „Auftritt“ - wie seine Vorgänger - in einer machtpolitischen Szene und beeinflusst so natürlich die politische Welt mit dem Gewicht der Weltkirche. Wollte Christus die politischen Verhältnisse verändern? Damals wie heute erwarten das natürlich die Menschen. Christus hat diese Erwartungen aber gerade nicht erfüllt und ist zum Kreuz gegangen.

    Es ist uns beim Abendmahl viel Schuld zu vergeben – auch dem Papst!

    • Anonym
    • 11.09.2006 um 23:46 Uhr

    Sorry, bei den "Gestalten" hast du Kant vergessen. Würde sein kategorischer Imperativ konsequent befolgt, käme Menschlichkeit auch ohne Gottesverstellungen zu Stande.

    MfG

    • hines1
    • 11.09.2006 um 18:53 Uhr

    Als streng-erzogener (Ex-)Katholik freue ich mich in diesen
    Tagen wieder einmal, dass wir (meine Frau und ich) gegen schier unüberwindbare Widerstände gegenüber der Verwandtschaft unsere beiden Söhne nicht haben taufen lassen.- Es gab auch mit den Schuldirektoren ein paar "eigenartige" Gespräche.
    Meine Söhne sind weder Rowdies geworden, noch ziehen sie über die "Religiösen" her, der Ethikunterricht scheint gut gewesen zu sein.
    Aber - obwohl sie Plätze wie Kathedralen zu schätzen wissen- fallen sie auf keinen vor-aufklärerischen Mummenschanz und unzeitgemäße Moralvorschriften herein.Darüber freue ich mich.

  2. Hiermit erkläre ich das Ruhrgebiet, den Niederrhein, die ostfriesischen Inseln und andere Teile Deutschlands zu papstfreien Zonen.

    Herr Prof. Dr. Ratzinger hat ja den Wunsch geäußert, bei der nächsten Reise nach Deutschland auch Berlin zu besuchen.

    Wie wird er dann Wowi begrüßen?

    Ich würde Herrn Prof. Dr. Ratzinger raten, eher nach Warschau oder Moskau zu fahren.

    Berlin sollte auch papstfreie Zone werden.

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