Echolot Nie wieder Dieter?
Die Hamburger Morgenpost lässt ihre Leser abstimmen: Soll über Dieter Bohlen weiterhin berichtet werden? Der Spiegel lässt leider nicht abstimmen und zeigt einmal mehr Paris Hilton. – Unsere Musikpresseschau
Dieter Bohlen, bekannt geworden als Schlagerlude von Modern Talking, macht seit Jahren mehr Schlagzeilen als Musik. Die
Welt
meldet jetzt: Dieter Bohlen stellt seine Neue vor" – und wieder ist es keine Platte. Soll das immer so weitergehen? Das fragte sich die
Hamburger Morgenpost
, ein schrumpfformatiges Boulevardblatt, und reichte die Frage durch an ihre Kunden. Die Leser durften im Internet abstimmen: Sollen wir weiter über die Possen des Schlagerproduzenten und seine 30 Jahre jüngeren Lebensabschnittsgefährtinnen berichten?"
Das eindeutige Ergebnis nach zwei Tagen: 2000 zu 500 gegen weitere Berichterstattung. Nie wieder Dieter! Donnerwetter! Dafür hätte die Redaktion einen Boulevardpreis verdient!
Nie wieder Dieter? Kaum hat die Mopo das Ergebnis mitgeteilt (Bye-bye Bohlen!"), rudert sie schon zurück: Wirklich überraschende Nachrichten" aus dem Leben Bohlens müssten auch in Zukunft eingehend geprüft" werden. Sollte Bohlen sein Vermögen einem Frauenhaus spenden, will die Mopo nicht zurückstehen.
Wie peinlich! Das hätte man sich also alles sparen können. Der Spiegel ist da ehrlicher. Er fragt seine Leser nichts, sondern kommt einmal mehr mit dem, was er für Musik hält, diesmal mit Janet Jackson und den Geschwistern Hilton.
Janet Jackson habe – nach überstandener Diät nun wieder 26 Kilo leichter" – einen neuen Song aufgenommen namens Do It To Me, was das Nachrichtenmagazin munter mit Besorg's mir" übersetzt. Es sei das Hohelied auf einen guten Freund, der in der Not, selbst mitten in der Nacht", angerufen werden könne, um eine Besorgung zu erledigen. Um diese Aussage visuell abzustützen, lächelt Janet Jackson dem Leser erwartungsfroh entgegen, den Daumen in die Öse ihrer Hose gehängt.
Auf der gegenüberliegenden Seite setzt der Spiegel noch eins drauf: Der 61-jährige Elliot Mintz, der einst John Lennon in PR-Dingen beraten haben soll, zeigt sich inmitten der Geschwister Hilton, links Nicky, rechts Paris. Inhalt des fast eine Spalte füllenden Artikels: Mintz betreue jetzt die beiden Damen. Na, so was! Aber im Spiegel kann man ein Bild eben noch nicht ganz ohne Text veröffentlichen.
- Datum 12.09.2006 - 06:02 Uhr
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Kann man überhaupt verantworten, der kaufwütigen Kaste von Kitschlesern Knüller wie Paris/Bohlen vorzuenthalten, ohne dabei in eine Bildungsdiktatur abzugleiten? Werden sich die Betroffenen sicher ernsthaft überlegen. Vielleicht ist es an der ZEIT, das zu ändern und Boulevardiges nur durch den SPIEGEL lesen zu lassen - erhebender Gedanke ;-)
Es war einmal, da hatten "seriöse" Zeitungen den Anspruch, hier zu berichten und da zu kommentieren. Unter den Kommentaren stand ein Name, unter den Berichten stand eine Agentur. Leider konnte der Leser mangels einschlägiger Schulbildung Bericht und Kommentar in seinem Kopf nicht immer sauber von einander trennen. So geschah es, dass im Volke alsbald das Gerücht aufkam, ein Kommentar sei der Versucht der Zeitung bzw. ihrer Macher, die öffentliche Meinung nach eigenem Gusto zu manipulieren, ein Bericht hingegen wäre der Versuch, vermeintliche Fakten als "materielle Basis" für besonders hinterhältige Manipulationsversuche zu missbrauchen. Wie jedes Gerücht verdichtete sich auch dieses umso mehr, je häufiger und vehementer es dementiert wurde.
Eines Tages aber beschloss die Presse sich dem Gerücht zu stellten - und zwar jede auf ihre Weise. Blätter wie Bild gaben sich Volksnah und sprachen: "Was das Volk will, das soll es haben - hauptsache die Kasse stimmt!" Dieser Teil widmete sich alsbald ausschließlich Männern von Bedeutung. Männern, wie Dieter Bohlen also. Der wiederum war Mann genug, sich das gefallen zu lassen. War er doch in der Tiefe seiner schwarzen Seele mit den Bild-Produzenten eins in der Überzeugung, das Volk sei im Grunde unrettbar dämlich und das Beste an ihm sei noch immer sein Geld. Blätter wie die FAZ hingegen fühlten sich ob der Unterstellung des Lesers an ihrer selbst in den Wirren des 20. ahhunderts stets hoch und heilig gehaltenen Ehre gekratzt und verteidigten sich eben so wortreich wie wirkungslos. Immer bestrebt, sich bei der Gelegenheit gleich als absolute Antipoden des Boulevards darzustellen, beschoren sie die stark gefährdeten "alten Tugenden". Wichtig, so diese Blätter, sei einzig und allein die Qualität des Journalismus - man müsse ja schließlich nicht von jedem verstanden werden. Ein Teil des Volkes, so die Annahme dieser Presse, sei womöglich nicht nur zu retten, sondern sogar berufen, den Rest aus seiner dumpfen Plumpheit ans Licht der Erkenntnis des Wahren und Schönen zu fühern - notfalls auch gegen seinen Willen. In derartigen Blättern übersah man Herrn Bohlen geflissentlich und widmete sich eher solchen Themen wie der Musik von Pur. Mit dem Ergebnis, dass das Volk "Uns Dieter" zwar nach wie vor als bedeutende Persönlichkeit der Popkultur, Pur allerdings als gescheitertste Band der deutschen Nachkriegsgeschichte erinnerte. (Vielleicht, grübelt der sympathisierende Leser an dieser Stelle, wäre es für die Jungs von Pur besser gewesen, sie hätten nie den Versuch unternommen, 11-jährige und ihre Väter singend vor der Bühne zu vereinen, sondern statt dessen gleich medienwirksam ihre Frauen und Freundinnen verprügelt. Dann hätten sie ja wenigstens weder in der qualitäts-versessenen, bürgerlich-korrekten FAZ Erwähnung gefunden, noch in der Bild.)
So also behandelte die Presse über Jahr und Tag ihre Themen und ihre Leser. Bei diesem Tun aber wurden die einen wie die anderen nach und nach immer weniger. Bis eines Tages im Volk der Verdacht aufkam, die Presse sei insgesamt überflüssig und das Geld, welches Monat für Monat ins Abo floss, zum Fenster hinausgeworfen. Es staunte der Laie und der Fachmann wunderte sich - vermutlich nicht. Dem Fachmann nämlich hat man den Glauben an den Sinn des eigenen Tuns bereits vor Jahren auf einem Fachseminar us-amerikanischer Top-Manager ausgetrieben. Damals, in grauer Vorzeit, als noch das Gerücht von der allein selig machenden Kraft der Dividende seine Runden gedreht hatte im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Im Eifer der Legendenbildung hatte man seinerzeit dort leider vergessen, dass Neutralität eine Medaille mit zwei Seiten ist. Wie alles in dieser Welt. Die zweite Seite der Neutralität aber hießt: Engagement.
Und wenn sie damals nicht begriffen haben, so sterben sie noch heute.
Ich stimme schon lange gegen diesen Unsinn von Bohlen,Hilton und wie sie alle heissen in dem ich diese Blaetter nicht kaufe - aber da so viele Leute ohne den Klatsch ueber diese sogenannten Prominente nicht leben koennen werden Zeitungen auch wohl weiter ueber sie berichten.
endlich wird man als leser gefragt, ob man eigentlich mit dem klatschg und tratsch der journalisten behelligt werden möchte. das kommt wahrlich selten vor und ich kann das nur begrüßen. ganz oft habe ich das gefühl, dass der leser als alibi herhalten muss, damit sich die gelangweilte und überdrüssige jounaille ihr junkfood-bedürfnis abdecken kann.
aber in wirklichkeit ist der markt abgedeckt mit dieser sorte von bunten blättern und wer das will, kauft sich diese. da weiß man, was man kriegt. aber den versuch, klatsch auf höheres niveau zu transportieren, finde ich verlogen und nervig. verschont die leser, die das nicht wissen wollen!
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