Gesundheitsreform Völlig verrannt

Erst stimmte CSU-Chef Stoiber zu. Jetzt will er den Gesundheitsfonds platzen lassen. Scheitert die ganze Reform? Besser wäre es, kommentiert

"Ich kenne keinen aus der Koalition, der sagt: Der Gesundheitsfonds ist toll", sagte Fritz Kuhn, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, während der Haushaltsdebatte in der vergangenen Woche. "Ich auch nicht", wird die Kanzlerin gedacht haben. Gesagt hat sie es aber nicht. Dafür schimpfte Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber im Koalitionsausschuss umso mehr, berichtet an diesem Montag die Berliner Zeitung . Der Fonds werde die gesetzlich Versicherten zusätzlich belasten, die Krankenkassen würden ihre Beiträge nochmals stark erhöhen, neue Bürokratie werde ins Chaos führen, und zu leiden habe: er selbst. Denn 2008, wenn das Gesetz zur Gesundheitsreform in Kraft treten soll, wird in Bayern gewählt. Armer Stoiber.

Nun könnte man sagen, der CSU-Vorsitzende tut eben, was er immer tut: gegen Berlin stänkern, gegen die große Schwersternpartei und insbesondere gegen Angela Merkel, die erreichte, was ihm selbst versagt blieb den Einzug ins Kanzleramt. Doch dass ausgerechnet Stoiber durchsetzte, dass der Beschluss der Reform um mindestens drei Monate verschoben wird, wirft abermals ein grelles Licht auf den bedauernswerten Zustand der Großen Koalition.

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"Ich darf Ihnen verkünden, dass wir über die Zukunft unseres Gesundheitssystems eine Einigung erzielt haben." Mit diesen Worten trat die Bundeskanzlerin am 3. Juli vor die Presse, neben sich die Vorsitzenden von SPD und CSU. Vorangegangen war eine elfstündige Nachtsitzung, in der Merkel, Stoiber und der Sozialdemokrat Kurt Beck immer wieder unter sechs Augen zusammensaßen, um doch noch einen Kompromiss zu finden. Wären sie bei dieser wichtigsten Reform gescheitert, hätte das wohl das Ende von Schwarz-Rot bedeutet. Was übrig blieb, war das Ergebnis eines Abnutzungskampfes, in dem jeder die Angriffe des anderen abgewehrt hatte, ohne selbst Erkennbares erreicht zu haben.

Seither kommt die Diskussion um die Gesundheitsreform nicht mehr ohne bellizistische Metaphern aus. Da wirft der SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck Verbandsvertretern vor, sie führten einen "Partisanenkampf" gegen die Reform. Sein Stellvertreter Ludwig Stiegler spricht von einem "Häuserkampf um Paragrafen und Details". Offenbar ist in der Koalition ein Bürgerkrieg ausgebrochen, in dem Bündnisse je nach Lage und persönlichem Vorteil zu wechseln scheinen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass Stoiber den von ihm selbst ausgehandelten Kompromiss derart untergräbt; genauso, wie Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) einen ersten Entwurf für das Gesetz vorlegte, der grundlegende Interessen der Union außer Acht ließ. Und Struck warnt vorsorglich, dieser Konflikt sei nicht durch ein Machtwort zu lösen. Wer sollte es auch sprechen? Die Kanzlerin jedenfalls steht wie vordem eingemauert da, zwischen SPD-Forderungen und den Wünschen ihrer Parteifreunde und Ministerpräsidenten.

Merkel bleibt nur, an den Eckpunkten festzuhalten, die sie an jenem denkwürdigen Sommermorgen verkündete. Dasselbe tut der SPD-Vorsitzende Beck. Und beide tun es wohl nicht, weil sie von jenem Plan so überzeugt sind, sondern vielmehr, weil der Koalition ihre wichtigste Legitimation abhanden käme, bräche die Reform in sich zusammen: dass die großen Probleme des Landes nur durch ein großes Bündnis zu lösen seien.

Vielleicht liegt aber gerade hierin der größte Fehler der Koalitionsstrategen: Dass sie so vehement darauf aus waren, ausgerechnet auf jenem Gebiet eine umwälzende Reform zu erreichen, auf dem sie sich zwar nicht inhaltlich, wohl aber ideologisch am weitesten voneinander entfernt hatten. Das Aufgabentableau enthielt ja schon die Überarbeitung der Arbeitsmarktreformen, die Unternehmenssteuerreform, die Mindest-Kombi-Lohndebatte. Genug Material zum Streiten, genug auch, bei Erfolg viel zu gewinnen. Doch niemals war das Eingeständnis zu hören, in der Gesundheitsfrage werde man sich nicht einigen können. Nie sagte jemand laut: Besser die kleinen Dinge tun und es 2009 dem Wähler überlassen, was er an großen Schritten will.

So droht jetzt manches Gute, was mit den Eckpunkten auch erreicht werden könnte, zusammen mit dem unseligen Fonds verloren zu gehen. Ausgerechnet einer der schärfsten Gegner des Fonds, der SPD-Gesundheitsfachmann Karl Lauterbach, fühlt sich deshalb bemüßigt, den Plan zu verteidigen, weil mit ihm mehr Wettbewerb bei Arzneimitteln erreicht werde und die Krankenhäuser für die ambulante Versorgung geöffnet würden. Wenn der Fonds zurückgenommen oder abgeschwächt würde, könne man "aus dieser Reform noch ein schönes und feines Werkstück machen", zitiert die Rheinische Post den streitlustigen Professor. Verkehrte Welt.

Der ganze Streit lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Solange die Große Koalition regiert, wird es nichts werden mit einer großen Gesundheitsreform, welche die entscheidenden Probleme löst. Das wissen die Bündnispartner selbst, sonst hätten sie den Fonds nicht so gemacht, wie er sich nun präsentiert: ein wenig Bürgerversicherung, ein wenig Kopfpauschale, und beides so, dass nach der nächsten Wahl eine neue Mehrheit entscheiden kann, in welche Richtung dann endgültig marschiert wird. Nur leider funktioniert das nicht, auch wenn Ministerin Schmidt im Oktober gegen alle Widerstände einen Gesetzentwurf vorlegen will. Besser, Rote und Schwarze machten sich ehrlich, brächen den Streit ab und überließen es der folgenden Regierung, neu anzusetzen.

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Leser-Kommentare
  1. ..der CDU ist ganz eindeutig, dass die schlechteste aller Lösungen Kanzlerin geworden ist, die besten leute: Wulff; Stoiber; Koch, sitzen in den Ländern und führen diese zu Wohlstand, die Dame Merkel dümpelt mit ihrer Girlytruppe im Kanzleramt herum und bugsiert die CDU an die 35%Marke.

  2. ...besser, als irgendein unausgegorner Murks, der lediglich dazu führt das der Verwaltungswahnsinn weiterhin Arbeitsplätze in der Bürokratie schafft. Hieß es nicht vor kurzem im Wahlkampf noch "Mehr Freiheit wagen?" und Bürokratieabbau forcieren? Die GKV ist auf der Basis eines
    aufgekündigten Gesellschaftsvertrages zwischen Jung/Alt
    sowie Wirtschaft/Bürger nicht mehr finanzierbar. Die Folgen des heutigen Gesundheitssystems für niemanden rational erklärbar, die Versicherten zur Melkkuh von Pharma-Ärztelobbys verkommen. Wer nicht bereit ist Vorsorge zu betreiben (gesunde Ernährung, Lebensweise und Risikoverhalten) darf nicht durch die Solidargemeinschaft belohnt werden. Eine Grundversorgung für den "Eckpatienten" genügt vollkommen zur Basisabsicherung. Für weitergehende Lebensrisiken muss individuell "Privat" vorgesorgt werden. Ob man in "Guten" Zeiten in selbstgenutzte Sachanlagen wie Immobilien etc. investiert oder einen "Gesundheitskapitalfonds" mit einer garantierter "Gesundheitsrendite" sollte jedem selbst überlassen werden. Ein Harz IVler muss sein Vermögen bereits heute bis zur Freigrenze ebenfalls aufbrauchen. Die Solidargemeinschaft der Arbeitslosenversicherung finanziert nicht das individuelle Risiko im Erwerbsleben. Das heißt dort private BU mit entsprechend saftigen Prämien! Im Verkehrswesen überläßt man dem "freien Bürger freie Fahrt" ohne Rücksicht auf Verluste, warum dieses Prinzip nicht ebenfalls im Gesunsheitswesen anwenden? Wer Risiken eingeht, muss für die Folgen selbst aufkommen. Wir brauchen keinen Gesundheitstüv. Selbstverantwortung und wahrhaftig unabhängige Pflicht!-Beratung reicht vollkommen aus!

    Delta-Bravo-Whisky

    • self22
    • 11.09.2006 um 19:33 Uhr

    Von welcher Gesundheitsreform sprechen denn die Medien ständig? Ich sehe keine! Ich sehe eine Einnahmenanpassungsänderung, um die steigenden Kosten zu decken. Eine Reform könnte das zweitteuerste Gesundheitssystem der Welt zum zweitbesten machen oder das mittelmäßige Gesundheitssystem zum mittelmäßig teuren, aber von einer Gesundheitsreform hat bisher keiner gesprochen. Sie haben es nur so genannt und die die Medien verbreiten diesen Schwachsinn weiter...

    • WillyF
    • 11.09.2006 um 18:53 Uhr

    Wir können froh sein, dass wir den Stoiber haben. Auch wenn er manch politische Pirouette gedreht hat, zieht wenigstens er die Reißleine, bevor ein solcher Unsinn Gesetzeskraft erlangt, der uns abermals ohne jeglichen Nutzen Milliarden Euro gekostet und ein weiteres Bürokratiemonstrum beschert hätte.

  3. Das Modell der SPD bietet mehr Gerechtigkeit, aber führt nicht zu mehr Effizienz, das der CDU ist ungerechter als das bestehende, und das Koalitionsmodell kann einem schon Angst machen in seiner Intransparenz. Der Ansatz der FDP ist zwar noch keine Reform, man könnte aber eine gute Reform daraus machen. Immerhin ist er elegant genug um darüber nach kurzer Auseinandersetzung zu diskutieren.

  4. Erst will Herr Stoiber ins Kabinett
    ("Kompetenzteam" ;-) !?!) dann verlässt ihn die Zivilcourage. Dann bespricht er mit seinen Kollegen die "Eckpunkte" der Reform - jetzt ist er dagegen.
    Warum ? - weil in Bayern 2008 Landtagswahlen sind. Nicht etwa aus sachlichen Gründen, nein, die Furcht vor Machtverlust ist die Triebfeder.
    Wenn es nicht eine ernsthafte Komponente hätte, wir werden schliesslich von solchen Zeitgenossen ohne Rückgrat und mangelder Charakterfestigkeit regiert, würde ich
    sagen - Stoiber in die Muppet-Show.
    Das müsste man lamgsam sogar in Bayern merken!

  5. Die Vorstellung in einem Unternehmen die Fehlkalkulation an den Kunden durch Nachbelastung einzufordern,nennt die Koalition Reform. Die Ursache liegt im System! Wer ein Unternehmen nicht leiten kann muss sich vor Gericht verantworten. Ich als Bürger und chronisch Kranker habe es satt immer wieder für die Fehlführung durch Politik jeder Richtung zur Kasse gebeten zu werden.Verwaltung und Misswirtschaft in dem System sind die Ursache für immer höhere Kosten! Schauen Sie doch mal in die Niederlande Frau Schmidt! Die Gesundheitsreform benutzt den Patienten als Prellbock in der Mitte,wenn zwei Züge aufeinander zu rasen. Don Quichote macht nochmal eine Runde auf der Windmühle und wird dabei immer wütender.

  6. Man mag über die Gesundheitsreform durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Den Kritikern geht sie zu weit oder nicht weit genug - und das auch noch in entgegegesetzter Richtung. Also das hebt sich auf.

    Das Herzstück der Reform jedoch, nämlich der Gesundheitsfonds, ist nichts als Technik und das Beste, was man sich zur Ablösung der bisherigen undurchsichtigen und ungerechten Finanzierung der GKV hat einfallen lassen können. Es ist wie bei der Umstellung vom ptolomäischen Weltbild auf das kopernikanische: die Planeten sind vorher und nachher in den gleichen Bahnen gelaufen, und berechnen konnte man es vorher auch - nur umständlicher.

    Durch den Gesundheitsfonds wird nichts teurer; das Geld wird nur anders verteilt. Beim Systemübergang von einer auf die andere Finanzierungsart wird es allerdings Übergangsprobleme und Kosten geben. Deshalb sollte man ein solches Unternehmen nur wagen, wenn man es nicht mehr verantworten kann, im alten System weiterzuwursteln. Aber genau der Punkt ist schon seit langem erreicht.

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