Ein Besuch in der Teheraner Tageszeitung Shargh , das war schon etwas Besonderes. Während den Gast manch anderer Redaktion der Geist der strengen Observanz anwehte, bis dass der Chefredakteur gravitätisch zum Tee bat und zu Vorträgen anhub, herrschte in den Räumen des gemäßigt reformorientierten Blattes ein viel versprechendes Gewusel wohlverschleierter, aber keineswegs mucksender Kolleginnen und originell bebrillter oder frisierter Kollegen, die den Fremden sogleich in Diskussionen verwickelten. Einer sah dem jungen Trotzki ähnlich, bezeichnete sich als Marxist und kannte Hegel und all die anderen im Original, eine fließend Brooklyn-Englisch sprechende Kollegin wiederum rechnete vor, unter welchen Bedingungen sich wie viel Megawatt installierte Kernenergie-Leistung rechnen würde – und so ging es rundum, Individualisten allesamt, auch jener Kollege, den das Regime schon mehrmals in den Knast gesteckt hatte und der dennoch offen sagte: „Nur wenn der Westen Druck ausübt, haben die Menschenrechte hier eine Chance.“

Der Druck des Westens hat nachgelassen. Menschenrechte in Iran sind kein Thema mehr. Und seit Wochenbeginn heißt es sogar, die jüngsten Atomverhandlungen des Regimes mit dem Vertreter der EU, Xavier Solana, weckten Hoffnungen und würden den Sinn von Sanktionen infrage stellen. Eine Gelegenheit für das Regime, einmal auszuprobieren, was geht: Am Montag machte Irans Pressekontrolleur Shargh dicht. Und zwar, wie er im Staatsfernsehen verkündete, wegen fortgesetzter Nichtbefolgung von Anordnungen, etwa derjenigen, sich einen konservativeren Chef zuzulegen. Ausdrücklich bezog der Oberzensor sich auf eine Karikatur, die ein Schachbrett zeigte, darauf einen schwarzen Esel und einen weißen Läufer als Figuren.

Irans Presse muss derlei Repressionen immer wieder gewärtigen. Shargh -Redakteure wissen auch von einer besonders perfiden Art der Unterdrückung zu berichten: „Mehrmals wurde uns bedeutet, wir würden eine rote Linie überschreiten, und das sollten wir besser nicht tun. Auf die Frage, wo die Linie denn verlaufe, erhielten wir aber nie eine Antwort.“ Das ist die zweite Zutat: Willkür.

Der Vorgang sollte nicht ohne Antwort aus dem Westen bleiben. Denn sonst erfüllte sich die düstere Prophezeiung, die in Teheran zu hören ist: „Der Westen einigt sich mit dem Regime in der Atomfrage – und vergisst darüber die Menschenrechte. Dann sind wir allein.“

Ein Kollege von Shargh war im vergangenen Jahr Gast von ZEIT online. Lesen Sie seinen Bericht über den musikalischen Underground in Teheran (mit Musikvideos).