Bundeswehr
Westerwelle auf Abwegen
Der Bundestag hat mit großer Mehrheit den Bundeswehreinsatz in Nahost beschlossen. Die Presse ist ebenfalls dafür und kritisiert das Nein der FDP. Ludwig Greven kommentiert das Meinungsbild
Der Bundestag stimmte am Mittwoch nach zweitägiger Debatte mit mehr als Zwei-Drittel-Mehrheit für die Entsendung von bis zu 2400 Soldaten vor die Küste Libanons. In namentlicher Abstimmung votierten 442 Abgeordnete vor allem von Union, SPD und Grünen für die Mission, 152 Parlamentarier stimmten dagegen, 5 enthielten sich. Es wird damit gerechnet, dass die ersten deutschen Marine-Schiffe an diesem Donnerstag auslaufen und in etwa 10 Tagen im Einsatz vor der Küste Libanons sein werden. Sie sollen dort den Waffenschmuggel für die radikal-islamistischen Hisbollah-Milizen unterbinden.
Vor der Abstimmung hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für breite Zustimmung zu dem Militäreinsatz geworben. Es sei eine Entscheidung von »historischer Dimension«. Der deutsche Einsatz sei gerade wegen des besonderen Verhältnisses Deutschlands zu Israel nötig. Für die FDP lehnte Fraktionschef Guido Westerwelle die Entsendung jedoch ab. SPD-Abgeordnete und Grüne warfen ihm deshalb »Demagogie« vor. Links-Fraktionschef Oskar Lafontaine begründete die Ablehnung seiner Partei auch mit möglichen Terroranschlägen in Deutschland als Folge eines Bundeswehr-Einsatzes im Nahen Osten.
Inzwischen sind auch die Zeitungen durchweg für den - durchaus zu Recht - als historisch eingestuften Einsatz. Anfangs waren sie, wie die Mehrheit der Bevölkerung, zum Teil skeptisch bis ablehnend. Doch mittlerweile hat sich auch bei ihnen die Meinung durchgesetzt, dass sich Deutschland der Bitte Israels (und Libanons), sich an der UN-Friedensmission zu beteiligen, nicht entziehen kann und nicht entziehen sollte. Trotz oder gerade wegen der historischen Belastungen.
Die
Welt
sieht sogar ein "nationales Interesse", sich in Nahost militärisch zu engagieren: "Wenn Israel und der Libanon eine deutsche Beteiligung erbitten und die große Mehrheit der Israelis dies befürwortet, wäre es fadenscheinig, sich unter Berufung auf Geschichte aus konkreter Verantwortung zu stehlen. Natürlich sind es historische Gründe, die das Einstehen für das Existenzrecht Israels zu einem zentralen Bestandteil deutscher Staatsräson gemacht haben. Aber dieser Verpflichtung sich bei der ersten Probe aufs Exempel zu entziehen, würde die Glaubwürdigkeit Deutschlands weltweit erschüttern", glaubt die
Welt
.
Die
Neue Presse Hannover
meint ebenfalls: Wir dürfen nicht Nein sagen. "Seit 60 Jahren kämpfen die Juden im Nahen Osten um Frieden für ihren eigenen Staat. Sie haben Anspruch auf unsere Hilfe." Zwar seien die Bedingungen für Frieden durch das militärische Geschick und das politische Ungeschick Israels nicht besser geworden. Aber wenn die UN rufe, wenn Israel und der Libanon deutsche Hilfe wollten, dann dürfe Deutschland nicht auf andere zeigen, "auch wenn der Einsatz mit großen Risiken behaftet ist".
Die
Märkische Allgemeine
verweist als zusätzliches Argument auf das länger währende Engagement der EU, und damit auch Deutschlands als größtem EU-Land, für den Friedensprozess in Nahost: "Noch ist offen, ob die militärische Präsenz der EU im Nahen Osten auch größeren politischen Einfluss in der Region mit sich bringt. Doch selbst wenn die Chance klein ist, dass Europa einen neuen Friedensprozess zwischen Israel und seinen Nachbarn in Gang bringen kann - einen Versuch ist es wert."
- Datum 20.9.2006 - 04:23 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 3
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Ich weis ja nicht wo die Presse (Hr.Greven) den Meinungsumschwung in der Bevölkerung ausgemacht hat, zum Thema Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ich habe meine grundsätzliche Meinung zu diesem Wahnsinn jedenfalls nicht geändert und kann es auch nicht ausmachen im Kollegen und Freundeskreis. Und hören sie/Sie Bitte endlich auf mit dem Historischen Hintergrund als Alibi rumzufuchteln, dass hängt mir und sehr vielen zum Hals raus.
Gruß ARON
Ich halte das Argument, dass Deutschland seine Neutralität einbüßen könnte für absurd. Denn allein die Tatsache, dass man eher darüber diskutiert, dass man auf israelische Soldaten schießen könnte als überhaupt in militärische Auseinandersetzungen, zeigt wie neutral der deutsche Standpunkt wirklich ist. Wie so oft stehen eher wirtschaftliche und bündnissstragtegische Interessen für einen einsatz der Bundesmarine als als der Schutz von Unschuldigen. Wie sonst soll man sich die mangelnden gegen den Einsatz von Streubomben in bewohnten Gebieten, den Angriff auf UN-Soldaten ,Rotkreuzeinrichtungen und wichtige Einrichtungen der Libanesischen Infrastruktur erklären. Deutschland muss -auch militärisch aktiv- im nahen Osten werden, allein um Israelische UND libanesische Zivilisten zu schützen. Jedoch ist das meiner Ansicht nach nur als wirklich neutraler Partner möglich.
Ich gehöre ja gewiss nicht zu den FDP-Wählern ...
... aber ...
... der Einsatz wurde mit mehr als deutlicher Mehrheit durchgewinkt, also wo genau liegt das Problem? Warum wird auf die Opposition eingeschlagen, blos weil die das tut, was die Aufgabe der Opposition ist?
Sollte beim Libanoneinsatz alles gut gehen: Wunderbar! Sollte aber irgendwas böse schief laufen, wird man sich an die FDP erinnern. Natürlich wäre es dann für die heutigen Befürworter viel schöner, wenn dann für die eintreffenden Zinksärge alle zusammen verantwortlich wären, also keiner.
(Wer jetzt auf den doch so ungefährlichen Auftrag im Libanon verweisen möchte, der erinnere sich bitte an die Mutation der Bundeswehr in Afghanistan, von "Wiederaufbauhelfern" im "befriedeten Norden" im Auftrag der "Weltgemeinschaft" zur baldigen Kriegspartei im Rahmen der NATO im Süden.)
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren