Die Welt der Nachschlagewerke kommt nicht zur Ruhe: Nachdem das freie Onlinelexikon Wikipedia die Verlage das Fürchten lehrte, droht dem Pionier nun selbst Konkurrenz: Der Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger will die positiven Eigenschaften des Massenwerks übernehmen, die Nachteile aber ausmerzen . So sollen Anonymität und Vandalismus weitgehend verschwinden. Das so genannte Citizendium wird auch für Wissenschaftler attraktiver werden, hofft Sanger.

Am Freitag hat der Philosoph sein neues Projekt auf der OpenSource-Konferenz Wizards of OS in Berlin vorgestellt. Fünf Jahre nach dem Start der Wikipedia sei es an der Zeit, den nächsten Schritt zu gehen: "Wir können es als frühen Prototyp verstehen", sagt Larry Sanger, "einen, der uns die Möglichkeiten gezeigt hat." Sanger war einer der beiden Gründer der Wikipedia und schied 2002 aus dem Projekt aus - im Streit.

Nun will er nicht alles anders, aber einiges besser machen: Anonymität sei eines der Grundübel des Onlinelexikons, Vandalismus gehe zum Großteil darauf zurück, sagt er. Und auch, dass "echte" Experten fehlen, die sich um die Artikelqualität kümmern, bemängelt Sanger. Dies in der Wikipedia noch ändern zu wollen, hält er allerdings für Zeitverschwendung: "Es gibt wenige Hinweise darauf, dass die Wikipedia-Gemeinde die Probleme im selben Maße wahrnimmt wie ich." Sanger ist als Qualitätsverfechter bekannt. Qualitativ schlechte Wikipedia-Artikel bereiteten ihm schon früher Kopfschmerzen.

Anders als beim bekannten Onlinelexikon soll Citizendium auch die intellektuellen Eliten einbinden: Wer sich aktiv an der Entstehung von frei verfügbarem Wissen beteiligen möchte, sei herzlich eingeladen. Für ausgewiesene Experten ist ein Sonderstatus vorgesehen: Als Redakteure sollen sie im wikibasierten System nicht, wie jeder andere Autor, nur beitragen, sondern darüber hinaus auch die inhaltliche Qualität sicherstellen - und im Streitfall eingreifen.

Derlei Kompetenzen sind im beliebten Original nicht vorgesehen, dort diskutieren die Nutzer oft über Monate hinweg, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Angesehene Wissenschaftler haben in der Wikipeda denselben Status wie Grundschüler - was nicht immer Qualität garantiert. Dennoch soll das Citizendium keine "Expertedia" werden. Schreiben darf auch hier jeder, der sich mit einer gültigen E-Mailadresse und einem Namen anmeldet.

Bei Null anfangen will Sanger jedoch auch nicht: Was die Wikipedia-Nutzer bislang erreicht haben, soll die Grundlage für das neue Nachschlagewerk sein. Die Inhalte der Wikipedia darf er einfach weiternutzen, weil sie unter der sogenannten GNU-FDL-Lizenz veröffentlicht wurden. Das erlaubt die freie und nichtkommerzielle Weiterverwertung. Und schließlich soll auch Sangers neues Projekt gemeinnützig sein – Spenden dafür sind bereits jetzt auf der Website des Projekts möglich. Ende September wird die englischsprachige Version starten, ob es eine deutsche Version geben wird, steht derzeit noch nicht fest. Bei den Wikipedianern löst das neue Projekt eher Kopfschütteln aus: die Onlineenzyklopädie sei gut so, wie sie ist – trotz mancher Fehler.