Trendforschung Den Freaks auf der Spur

Der kalifornische Trendguru Tim O'Reilly über Leuchtröhren in der Hose, menschliche Kühlschrankmagneten und Angeberhandys

O'Reilly gilt als ein führender Trendforscher im Silicon Valley und leitet seit 1978 den Magazin- und Computerbuchverlag O'Reilly Media. Im Augenblick sagt er zum Beispiel eine Welle neuartiger und erfolgreicher Internet-, Medien- und Technologieunternehmen voraus - und die Geburt einer elektronischen "Do It Yourself"-Wirtschaft für die Massen.

DIE ZEIT: Sie erforschen neue Trends, indem Sie den "Alpha Geeks" auf die Finger schauen, den ersten Benutzern neuer Technik. Was treiben die im Augenblick?

O’Reilly: Eine Sache, die jetzt auf uns zurollt, ist das Design und die Fertigung von Gegenständen durch jedermann. Wir sprechen von der digitalen Fabrikation. Die ersten Geräte und Programme dafür sind da: Man entwirft etwas am eigenen Computer, und dann stellt eine Maschine es her. Ein anderer Trend ist das Ende der Elektronik-Wegwerfgesellschaft. Jedermann kauft sich alle paar Jahre eine neue digitale Kamera, aber Hackertypen werfen ihre alten Kameras nicht mehr weg, sondern bauen etwas Neues daraus. Eine Webkamera zum Beispiel, oder einen Sensor.

DIE ZEIT: Das klingt nicht nach einem Massenphänomen, sondern nach einer Freizeitbeschäftigung für hartgesottene Computerfreaks.

O’Reilly: Nichts startet als ein Massenphänomen. Das World Wide Web war kein Massenphänomen, als es damals neu war. Was diese Computerfreaks anstellen, ist ein Frühindikator. Wenn Sie zum Burning Man Festival gehen ...

DIE ZEIT: ... ein jährliches alternatives Treffen in der Wüste von Nevada ...

O’Reilly: ... sehen Sie Kleidungsstücke mit elektronischen Komponenten. Da gibt es Leute, die mit Leuchtdiodenfäden visuelle Effekte in ihre Kleidung weben.

DIE ZEIT: Eine neue Moderichtung?

O'Reilly: Das werden Sie in ein paar Jahren auch in den Straßen von New York sehen. Sie bekommen auch Körpermodifikationen zu sehen. Ich kenne Leute, die sich Magneten unter die Fingerspitzen einsetzen lassen, um elektrische Felder erspüren zu können.

DIE ZEIT: Übersetzen Sie das bitte noch für einen Wirtschaftsredakteur. Kameras hacken, Kleider beleuchten und Magneten in den Fingerspitzen, wie soll daraus ein Geschäft entstehen?

O’Reilly: Das ist doch offensichtlich. Denken Sie an die Schönheitschirurgen, die künftig vielseitigere Angebote zur Verbesserung Ihres Körpers machen können. Da geht es um bessere Funktionalität, und es wird in der Mode neue Wege geben, Ihr Äußeres auffälliger zu machen.

DIE ZEIT: Zu einem Geschäftsmodell gehört noch die Bereitschaft der Leute, dafür Geld auszugeben.

O’Reilly: Da mache ich mir keine Sorgen. An dieser Stelle ist eine Einsicht in unsere Kultur wichtig. Kürzlich sprach ich mit Branchenvertretern über die Entwicklung des Online-Musikmarktes. Die verstanden nicht, warum die Leute am liebsten gar nichts für Online-Musik bezahlen wollen, aber bereitwillig 40 Dollar im Monat für neue Klingeltöne für ihr Handy ausgeben.

DIE ZEIT: Das ist in der Tat ein Paradox.

O'Reilly: Scheinbar, aber ich habe eine Erklärung. Musik wird konsumiert. Klingeltöne werden nach außen dargestellt. Sehen Sie den Unterschied? Die Leute haben schon immer viel Geld bezahlt, um aufzufallen und anzugeben. Das bietet Technologieunternehmen jetzt wunderbare Geschäftschancen.

Die Fragen stellte Thomas Fischermann

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