Papstbesuch Zu nonchalant

Ein Papst darf mit seinen Äußerungen nicht provozieren. Ein Kommentar zur Debatte um die Rede von Benedikt XVI.

Ist das der nächste Karikaturenstreit, ein neuer globaler Kultur- und Religionskonflikt wie der Skandal über die respektlosen satirischen Darstellungen des Propheten Mohammed in einer dänischen Zeitung? Papst Benedikt XVI. ist unter massive muslimische Kritik für seine Regensburger Äußerungen über den Islam geraten. Der Papst will im November in die Türkei reisen; im Augenblick muss man zweifeln, ob der Besuch zustandekommen kann. Joseph Ratzinger ist dort ohnehin nicht sonderlich willkommen, weil er sich noch als Kardinal ungewöhnlich deutlich gegen eine türkische EU-Mitgliedschaft ausgesprochen hat. Die Sorge reicht aber weit über irgendwelche diplomatischen Verstimmungen hinaus; die Angst geht um, es könne der Startschuss für eine gefährliche nächste Runde im „clash of civilizations“ gefallen sein.

Es ist wichtig festzuhalten, was der Papst gesagt und was er nicht gesagt hat. Benedikt XVI. hat einen byzantinischen Kaiser der Zeit um 1400 mit feindseligen Bemerkungen über Mohammed zitiert; er hat sich diese Bemerkungen nicht zu eigen gemacht. Der Papst hat auf seiner Bayern-Reise Respekt vor der Religion gefordert, auch vor der Religion der anderen; seine Appelle zu mehr Ehrfurcht vor dem Heiligen waren ganz offenkundig eine nachträgliche pro-muslimische Stellungnahme zum Karikaturenstreit.

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Trotzdem ist die jetzige Aufregung keineswegs grundlos. Der Papst mag den ruppigen Angriff auf Mohammed nur zitiert haben. Dass er das Christentum dem Islam für überlegen hält, versteht sich von selbst. Aber er hat diese Überlegenheit mit der Vernünftigkeit des Christentums begründet, und er hat umgekehrt eine gewisse Irrationalität im Gottesbild des Islam mit dem Problem der religiös motivierten Gewalt in Verbindung gebracht. Mohammed – Heiliger Krieg – Terror: die Verbindungslinien wurden nicht wirklich anklägerisch gezogen, aber doch gewissermaßen schraffiert. Das war provozierend.

Und provozieren darf ein Papst nicht. Es ist durchaus nicht verkehrt, den Dialog der Kulturen und Religionen auf eine etwas realistischere, härtere Basis zu stellen als unter Johannes Paul II., der hier ein bisschen zu großzügig weltumarmend war. Es ist auch nicht verkehrt, die christliche Identität zu stärken und zu meinen, dass man mit Andersgläubigen nur ins Gespräch kommen wird, wenn man selbst an etwas glaubt. Seine Weltreligionspolitik in diesem Sinne neu auszurichten, ist offenbar eine bewusste Entscheidung von Benedikt XVI. Aber die nonchalante Art, mit der er in seiner Regensburger Vorlesung gelehrten Religionsvergleich getrieben hat, hätte ihm nicht unterlaufen dürfen. Ein Papst kann nicht einfach wieder in die Professorenrolle schlüpfen und die Unverbindlichkeit der akademischen Freiheit genießen, ein Papst ist immer der Papst und muss seine Worte wägen. Man kann nur hoffen, dass kein größerer Schaden daraus entsteht.

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Leser-Kommentare
  1. Bevor die erste Botschaft gestürmt wurde, ist die Schuldfrage schon präventiv geklärt worden:

    "Man kann nur hoffen, dass kein größerer Schaden [durch die päpstlichen Äußerungen] entsteht."

    Ich da hätte auch einen Satz:

    "Man kann nur hoffen, dass durch Israels Nahostpolitik in Deutschland nicht der Anti-Semitismus zunimmt."

    'Argumente' wie dieses kann man auf wohl vielen NPD-Flugblättern lesen und dadurch, dass man sie auf das den Papst ummünzt werden sie weder vernünftig noch anständig.

  2. es ist schon enervierend, wenn man sich permanant Beleidigungen und Diffamierungen der islamischen Welt anhören muss und diese schon als gegeben hinnimmt, während eine schon sehr professoral gehaltene Rese eines Intellektuellen (ob man ihn mag oder nicht, aber das ist Georg Ratzinger ganz sicher) wieder einmal Aufruhr verursacht.
    Hier herrscht Meinungsfreiheit gerade auch in Glaubenssachen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Religion und Gewalt darf gerade nicht durch jene mundtot gemacht werden, die diese Vebrindung für legitim halten (siehe die Abstimmung im Hamas-dominierten Palästinensischen Parlament).
    Es tut not, das Thema anzusprechen, denn die Verbindung zwischen islamischen Fanatismus und Gewalt ist nun mal eines der Hauptprobleme unserer Zeit.
    Den islamischen Gesellschaften täte es gut, auch wieder mehr auf Intellektuelle zu hören denn auf Aufhetzer.

    • Kos
    • 15.09.2006 um 15:11 Uhr
  3. Den Gipfel der Ignoranz schießt mal wieder mal Volker Beck von den Grünen ab, indem er dem Pabst Geschichtsblindheit vorhält.

    Ich glaube, Herr Beck hat keine Zeile der Vorlesung nachgelesen oder keine einziges Wort verstanden.

  4. Es wäre wünschenswert, dass sich die Kritiker des Papstes die Rede durchlesen, bevor sie giftige Kommentare über die vermeintliche Islamfeindlichkeit und Unkenntnis Ratzingers abgeben. Allerdings hat die Debatte (wieder) einmal gezeigt: In Äußerungen über Mohammed und den Islam kann man nicht vorsichtig genug sein, auch weil es Kräfte gibt, die nur auf einen Anlass warten, den "Westen" als Aggressor und Kreuzzügler darzustellen.

  5. Jan Ross hat in der ZEIT von gestern unter der Überschrift "Benedikt im Spielzeugland" über die Rede des Papstes in der Uni Regensburg ganz anders - ziemlich unkritisch - berichtet. Warum einen Tag später dieser völlig andere Ton nach der Kritik aus islamischen Kreisen?

  6. Die Vorlesung von Benedikt XVI. in Regensburg war weder nonchalant noch provozierend. Es waren klare und gelehrte Worte, mahnend an den Westen gerichtet, aber die Wahrheit nicht verleugnend. Und dieses Wahrheit ist nunmal die Tatsache, dass es schon zu Lebezeiten Mohammeds und vor allem dann in seiner direkten Nachfolge zwei Phasen gibt, eine friedliche und eine kriegerische. Der Mann war defacto Religionsstifter und er war erfolgreicher Kriegsherr. Der Koran ist erkennbar und belegbar - genau wie die Bibel - in mehreren Phase entstanden. Wenn alles, was darin steht von Allah dem Propheten persönlich diktiert worden sein sollte, hätte Mohammend mehrere hundert Jahre alt werden müssen.

    Der wesentliche Unterschied zwischen Islam und dem Christentum liegt tatsächlich im logos - damals wie heute. Das Christentum hat mehr oder minder erfolgreich eine Phase der Aufklärung hinter sich gebracht. Der Islam hatte ebenfalls eine Phase der Aufklärung zwischen dem zehnten und 14. Jahrhundert, hält aber seine Gläubigen heute wieder in der mittelalterlichen Beschränktheit des wortgetreuen Glaubens eines Buches, dessen Sprache 90 Prozent der Gläubigen weder lesen noch sprechen noch verstehen können.

    Von daher ist ein Dialog schlechterdings nicht möglich. Nur soll deshalb ein inteligenter Mann wie Benedikt XVI. schweigen. Nur weil er Papst ist? Ich denke nein! Er hat den Namen Benedikt gewählt, weil er sich ganz offenbar in der nachfolge des Hlg. benedikt, des Pater Europae sieht. Und als solcher hat er nur seine Pflicht getan.

  7. Der Papst hat eine Vorlesung über den Widerstreit von Logos und Voluntarismus in den Religionen gehalten und kam letztlich zum Schluß, dass für einen Dialog zwischen den Religionen der Logos förderlich, der Voluntarismus eher nicht geeignet ist.

    Er vedichtet diese Sicht am Schluß seiner Vorlesung wie folgt:

    "„Nicht vernunftgemäß, nicht mit dem Logos handeln ist dem Wesen Gottes zuwider“, hat Manuel II. von seinem christlichen Gottesbild her zu seinem persischen Gesprächspartner gesagt. In diesen großen Logos, in diese Weite der Vernunft laden wir beim Dialog der Kulturen unsere Gesprächspartner ein."

    Ich selber zähle mich zu den Agnostikern und glaube von ganzem Herzen nicht an den abrahamitischen Gott, sei nun Voluntarist, oder sei er Intellektualist.

    Im Übrigen, der islamische Gott ist eher voluntaristisch, der römisch-katholische erher intellektualistisch, der evangelische eher antihellenistisch strukturiert.

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