Sie wollte mit ihrer Militäruhr am Arm begraben werden, im Kostüm gekleidet, als sei sie unterwegs zu einem Interview. Bis zu ihrem Tod wusste Oriana Fallaci, wie man Akzente setzt. Kurz bevor die 77-Jährige in Florenz starb, war jener Kardinal bei ihr, dem Oriana Fallaci die Audienz mit Papst Benedikt verdankte: Monsignor Rino Fisichella. Sie wollte keine letzte Ölung, sondern, dass er ihr die Hand hielt: „Ich will so sterben, wie ich gelebt habe, als christliche Atheistin.“ Dann bat sie darum, während ihrer Beerdigung Glocken zu läuten. Die Fallaci auf einem Foto von 1963 BILD

Was von ihr bleibt, sind Erinnerungen: An eine große Polemikerin, Kettenraucherin, Antifaschistin, verhasste Apologetin des Untergangs, gefeierte Visionärin, Egomanin, Schriftstellerin, Liebende –- an eine Legende. Oraiana Fallaci war die berühmteste Journalistin Italiens, wenn nicht der Welt.

Sie kehrte zum Sterben nach Florenz zurück, dort wo sie als Tochter eines Partisanen aufgewachsen war - eines Vaters, der von den Deutschen gefoltert wurde, und der seiner Tochter sagte: "Mädchen weinen nie."

Seit 1993 wusste sie, dass sie an Lungenkrebs litt. Seither rauchte sie keine Zigaretten mehr, sondern Zigarillos. Sie betrachtete ihre Krankheit wie einen Krieg: Er will mich umbringen, ich will ihn umbringen. Für den Feind in ihrem Körper machte sie Saddam Hussein verantwortlich – weil sie im Golfkrieg die Luft der von ihm in Brand gesetzten Ölfelder habe einatmen müssen.

Bis 2001 lebte sie in New York wie eine Greta Garbo des Journalismus, versteckt hinter den suppentassengroßen Gläsern ihrer Sonnenbrille, getragen von einem Ruhm, den sie nicht dem Fernsehen, sondern dem geschriebenen Wort verdankte: ihrer Arbeit als Kriegsreporterin in Vietnam, ihren Reportagen über Aufstände in Lateinamerika, den legendären Interviews, die sie mit den Mächtigen der Welt führte. Sie sprach mit Gadhafi und Deng Xiaoping, und mit Khomeini, dem sie den Schleier vor die Füße warf. Weil ihr zu warm war, sagten die anderen. Weil sie den Schleier als mittelalterlichen Lumpen verachte, sagte sie.

Das Interview mit Henry Kissinger machte sie in Amerika zur Ikone: Sie brachte ihn dazu, den Vietnamkrieg als sinnlos zu erklären. Er dementierte, aber da war es schon zu spät. Oriana Fallaci hatte ihre Bänder bereits einem Kollegen von CBS gegeben, der sie umgehend sendete. In seinen Memoiren bezeicnete Kissinger das Interview mit Oriana Fallaci später als größtmögliches Desaster im Umgang mit der Presse . Noch viele Jahre später wurde Oriana Fallaci dagegen bezichtigt, ihre Interviews interessant geschrieben zu haben, in keinem anderen Interview sei Den Xiaoping so charmant, Khomeini so eloquent gewesen. Die Fallaci beschied dazu kühl: „Ich schreibe das Interview zuerst ab. Dann arbeite ich damit wie ein Regisseur: Ich schneide, lösche, stelle zusammen.“

Ihre Bücher wurden von den Lesern verschlungen, von der Kritik verschmäht, in dreißig Sprachen übersetzt und mehr als 20 Millionen mal verkauft. Wenn Oriana Fallaci schrieb, schrieb sie immer über sich selbst, egal, ob es die Mondlandung war oder der Mann, den sie geliebt hatte: Alekos Panagulis, jener griechische Widerstandskämpfer, den sie interviewte, als er aus der Haft entlassen wurde. 1976 kam er bei einem Autounfall ums Leben –- für die Fallaci ein Attentat des griechischen Geheimdienstes. Seither betrachtete sie sich als seine Witwe – wenngleich sie ihn auch verlassen hatte, nachdem er es wagte, sie darum zu bitten, ihm die Socken zu waschen.

Mit der ihr eigenen leidenschaftlichen Wucht meldete sie sich im September 2001 wieder zurück, in jenem Augenblick, als in der Luft von New York noch die Rauchschwaden des World Trade Centers hingen: Aus einem Artikel im Corriere della Sera ging ihr Buch „ Die Wut und der Stolz“ hervor, auf das noch „ Die Kraft der Vernunft“ folgte – Pamphlete gegen den arabischen Terrorismus, den religiösen Fanatismus des Islams und den Gleichmut des Westens, der seine Werte nicht mehr verteidigt.

In Italien wurde Oriana Fallaci seither von der Rechten instrumentalisiert und von den Linken dämonisiert – die dagegen protestierten, als ihr der toskanische Regionalpräsident Anfang des Jahres in New York die toskanische Ehrenmedaille überreichte. Kurz darauf gab die Fallaci dem New Yorker ein letztes Interview mit dem Titel „ The Agitator “, in dem sie mexikanische Einwanderer verwünschte, Romano Prodi und Silvio Berlusconi als "two fucking idiots" bezeichnete und androhte, jede Moschee in der Toskana in die Luft zu sprengen.

Sie sei eine große Schriftstellerin gewesen und eine große Journalistin, sagte der Vorsitzende der islamischen Kulturzentrums Italiens, wenngleich ihre Islamkritik in den letzten Jahren etwas exzessiv gewesen sei. Der Präsident der moslemischen Union Italiens, der die Fallaci wegen "Verunglimpfung der islamischen Religion" angezeigt hatte, bedauerte, dass sie ohne Erlösung gestorben sei.

Oriana Fallaci bedauerte vor allem, nicht mehr ihre Nachrufe lesen zu können: „Sie werden mich wie einen griechischen Heilgott preisen, sie werden das betonen, was ihnen am bequemsten ist und nicht die unangenehmen Dinge, die ich denke und die ich gesagt habe.“