statt ihre Deutung Diplomaten und Sicherheitsbeamten zu überlassen , zum Ausgangspunkt eines konstruktiven Streitgesprächs werden zu lassen?

Was hat die Vernunft mit Religion zu schaffen? Sind die modernen Wissenschaften überhaupt noch empfänglich für die vielzitierte "Wiederkehr der Religion"? Und wenn ja: Ergeben sich von dort womöglich Anknüpfungspunkte, die umstrittene Islamkritik des Heiligen Vaters,

Ökonomisch betrachtet scheint sich die Funktion spätmoderner Religionen darin zu erschöpfen, die Nachfrage nach symbolträchtigen Sonntagsreden, folkloristischen Pop-Events und der religiösen Überhöhung biografischer Lebenswenden zu bedienen. Soziologisch betrachtet nehmen sie aber zugleich eine Aufgabe wahr, die durch die Professionalität symbolkompetenter Marktanbieter nicht zu bewältigen ist: Sie müssen in der Lage sein, im ganz normalen Chaos des Lebens Orientierung zu stiften, und zwar unterschiedslos in allen Funktionsbereichen moderner Alltags- und Expertenkulturen.

Genau an diesem Punkt bringt der Heilige Vater die Vernunft ins Spiel. Es geht, idealtypisch gesprochen, um Orientierungsmaßstäbe, über die sich ein gläubiger Christ im Zweifelsfall sogar mit seinem schiitischen Psychotherapeuten oder seiner atheistischen Kindergärtnerin verständigen kann. Gibt es solche Maßstäbe?

Das Spektrum möglicher Antworten lässt sich an den Diskussionsbeiträgen von drei zeitgenössischen Intellektuellen zu diesem Thema ablesen: Richard Rorty , Jürgen Habermas und Josef Ratzinger alias Benedikt XVI. Rorty reduziert die Religion auf ein subjektives Phänomen, das zwar persönlich zu respektieren, nicht aber mit einem rationalen Wahrheitsanspruch zu verbinden ist. Unter den Bedingungen einer säkularen Gesellschaft entziehe sich die metaphysische Frage nach dem "Ganzen" von Gott, Welt und Mensch dem Zugriff wissenschaftlichen Denkens – die Antwort auf obige Frage lautet also: Nein!

Anders Habermas. Er hält daran fest, die Religionen als kompetente Gesprächspartner im Streit um die Wahrheit in Betracht zu ziehen. Imame, Rabbis und Päpste können zwar kein Vorrecht gegenüber wissenschaftlichen Experten oder Frau Müller und Herrn Meier von nebenan beanspruchen. Sie haben aber die Möglichkeit (etwa im Kontext bioethischer Debatten), sich mit rationalen Argumenten in die Diskussion einzuschalten und Kompetenzen einzubringen, die durch säkulare Expertenkompetenzen nicht ohne weiteres zu ersetzen sind – die Antwort lautet also: Jein (das muss von Fall zu Fall entschieden werden)!

Wie nicht anders zu erwarten geht Ratzinger am weitesten. Er hält nicht bloß am Wahrheitsanspruch der philosophisch-metaphysischen Tradition fest. Er ist auch überzeugt, die philosophische Vernunft mit dem christlichen Glauben versöhnen zu können – trotz der metaphysikkritischen Wende der Reformation und der auch unter katholischen Theologen verbreiteten Kritik an der "hellenistischen Überformung" biblischer Quellen.

Was also hat ein Christ mit der "Hure Vernunft" (Luther) zu schaffen? In gewisser Weise markierte diese Frage den Brennpunkt der Regensburger Papst-Vorlesung vom 12. September. Die Tendenz, diesen Text als einen (verunglückten) Beitrag zum christlich-islamischen Dialog zu lesen, beruht auf einem Missverständnis – und doch haben beide Problemfelder miteinander zu tun.