Schweden Der Persson-Faktor
Wirtschaftlicher Erfolg allein ist nicht alles: Der amtierende schwedische Premier genoss immer weniger Sympathien. Nun hat er die Wahlen verloren.
Der von vielen erwartete schwedische Machtwechsel wird tatsächlich stattfinden. Die Sozialdemokraten unter dem seit zehn Jahren amtierenden Ministerpräsidenten Göran Persson haben am Sonntag eine deutliche Niederlage erlitten und sind auf etwas mehr als 35 Prozent zurückgefallen - es ist ihr schlechtestes Wahlresultat seit neunzig Jahren. Wegen der Verluste für die postkommunistische Linkspartei und einer unwesentlichen Verbesserung des Stimmenanteils der Umweltpartei ist der Linksblock (Rot-rot-grün) daher insgesamt in die Minderheit gerutscht. Die alleinregierenden Sozialdemokraten hatten sich in den vergangenen vier Jahren auf ein parlamentarisches Koalitionsabkommen mit der Linkspartei und den Grünen gestützt.
Die bürgerliche Allianz aus den reformierten Neuen Moderaten, der liberalen Volkspartei, der agrarischen Zentrumspartei und den religiös geprägten Christdemokraten wird im schwedischen Einkammer-Parlament nun über eine knappe absolute Mehrheit verfügen; nach dem Stand der Hochrechnungen kurz vor Mitternacht kommt das Bündnis auf 178 Sitze, drei mehr als die nötigen 175. Ihr gemeinsamer Spitzenkandidat, der 41 Jahre alte Volkswirt Fredrik Reinfeldt, hat sich vor Parteifreunden noch in der Wahlnacht zum Sieger erklärt. Göran Persson kündigte etwa zur gleichen Zeit an, dass er die Parteiführung auf einem Parteitag im März abgeben will.
Der große Wahlsieger ist also eindeutig der Chef der konservativen Moderaten, Reinfeldt, dessen Partei auf Basis der Hochrechnungen mit einem Ergebnis um etwa 26 Prozent rund zehn Punkte dazu gewonnen hat der größte Zugewinn einer einzelnen Partei in der Geschichte der modernen schwedischen Demokratie. Reinfeldt und eine kleine Gruppe von Gleichgesinnten hatten die Konservativen gleichsam im Handstreichverfahren entideologisiert, zur neuen Arbeiterpartei erklärt, in Neue Moderate umbenannt und sich programmatisch zum schwedischen Sozialstaatsmodell bekannt. Sein erklärtes Vorbild bei dieser Aktion war der britische Premierminister Tony Blair und dessen Umbau der alten Labour-Party zu New Labour. Wie Blair steuert Reinfeldt einen politischen Reformkurs, die Inhalte des Dritten Wegs beispielsweise des legendären Schröder-Blair-Papiers könnte Reinfeldt jederzeit unterschreiben.
Innerhalb der Allianz hat die liberale Volkspartei deutlich an Stimmen verloren, was mit dem Skandal um den Hacker-Angriff auf den zentralen sozialdemokratischen Wahl-Computer zu tun haben könnte. Diese Aktion war von einem führenden Jugendfunktionär der Liberalen ausgegangen und von leitenden Parteileuten zeitweise gedeckt worden. Das führte zu Rücktritten knapp vor der Wahl, und sorgte damit für einige Unruhe. Die verlorenen Stimmen sind aber offenkundig an die liberalisierten Moderaten gegangen und für die Allianz nicht verloren. Insgesamt war die Wahl, darüber sind sich die schwedischen Wahlbeobachter einig, ein persönliches Votum gegen Göran Persson.
Nach zehn Jahren im Amt war der zusehends autoritär auftretende Parteichef der Sozialdemokraten trotz unübersehbarer ökonomischer Erfolge - starkes Wachstum, Haushaltsüberschüsse, stabile Preise - in der Öffentlichkeit, besonders unter den Jungwählern, zunehmend unbeliebt. Manche Analytiker sprechen daher auch von einem Persson-Faktor im Wahlergebnis. Obwohl der persönlich etwas blasse Reinfeldt in Vergleichsumfragen auf dem Feld der politischen Erfahrung klar hinter Persson lag, kam er dessen ungeachtet auf höhere Sympathiewerte. Die Warnung der Sozialdemokraten, das Bekenntnis Reinfeldts zum schwedischen Sozialstaat sei nur Wahltaktik, nach der Wahl würden die altkonservativen Kader in der Partei wieder das Sagen haben, blieb offenbar ohne Wirkung.
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- Datum 18.09.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Die Schweden haben nicht "rechts" gewaehlt, und schon gar nicht "konservativ".
Gerade eher umgekehrt ist der Fall.
Der Sozial-Demokrat Persson ist hier der Konservativer.
Er war es, der verneint, es gebe Arbeitslosigkein in Schweden gibt.
Die gibt es aber viel mehr, als die offizielle Statistiken zeigen.
Und es ist gerade die sozial-demokratische Gesetzgebung, die Schuld daran ist, weil die Schwedische Steuer-Politik es fast unmoeglich macht ein eigenes Betreib zu oeffnen, und die Sozial-Abgaben es umoeglich machen fuer Unternehmer, um neue Leute zu rekrutieren.
Und die arrogante und diktatorialische Stil, met welchem er in 12 Jahre regiert hat, zeigt sehr viel abstossende Aehnlichkeiten mit den Zeiten des "ewigen" Kohls in Deutschland 1982-1998.
Die Leute sind diese Diktatur der Sozial-Demokratischen Nomenklatura einfach satt (!), wollen aber deswegen noch nicht die gite Errungenschaften dessen wegwerfen.
Einen "Neo-Thatcherismus" braucht man von die buergerliche Koalition - zum Glueck - nicht zu fuerchten.
Aber es wird gehofft, dass es mal wieder Arbeit geben wird fuer alle die sie suchen.
Und das man vielleicht ab jetz endlich Mal wieder normal atmen kann in diesem Lande.
Werner A. Pergers Schnellanalyse der schwedischen Reichstagswahlen greift nur zum Teil. Richtig ist, dass viele traditionelle Wähler der Sozialdemokraten nach zehn Jahren mit Göran Persson als Ministerpräsident müde waren. Das Kohl-Syndrom führte letztlich auch in Deutschland nach sechzehn Jahren zur Abwahl unseres Altkanzlers.
Ähnlich wie Helmut Kohl hatte Göran Persson in der Tat in letzter Zeit beinahe eine Ein-Mann-Regierung etabliert, die ihm selbst in eigenen Kreisen den Beinamen "HSB" (Han som bestämmer - Der, der entscheidet) eingetragen hat. Er hat den Machtanspruch nicht nur nach außen gegenüber dem politischen Gegner, sondern auch nach innen manifestiert. Dass er mit seiner Frau Anitra Steen (Generaldirektorin des schwedischen Alkoholmonopols Systembolaget) einen ehemaligen Reiterhof mit Riesengrundstück gekauft hat, haben ihm ebenfalls viele Genossen übel genommen.
Die schwedischen Wahlen aber dokumentieren auch einen erschreckenden Ruck nach rechts in Teilen der Bevölkerung. Bei den Kommunalwahlen, die landesweit ebenfalls am Sonntag stattfanden, wurden mehr als 200 Rechtsextreme in Kommunalparlamente gewählt. In der Stadt Landskrona im Süden des Landes erreichten die ultrarechten Schwedendemokraten gar 22,3% der Stimmen bei der Kommunalwahl.
Die Taktik der Konservativen, sich als "neue Konservative" zu etikettieren und sich den Stempel der "Arbeiterpartei" zu geben, ist aufgegangen. Sie profitierten dabei aber auch von der Tatsache, dass die meisten Menschen keine Wahlprogramme lesen. Die Unterschiede zwischen den beiden großen Parteien werden in vielen Analysen als nicht so groß beschrieben. Doch wenn die Arbeitslosenunterstützung nun bald wesentlich verschlechtert wird, weil das angeblich neue Arbeitsplätze schafft und wenn viele Sozialleistungen gekürzt oder zurückgenommen werden und sich die gesellschaftlichen Spaltungen im Lande noch weiter vertiefen, weil die versprochenen Steuersenkungen gegenfinanziert werden müssen, wird die Opposition wieder Zulauf bekommen. Leider aber vermutlich auch die bereits jetzt schon stark gewordenen Rechtsextremen.
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