Eigentlich mochte Matthias Engelsberger die Grünen nicht, doch diesmal sprang er über seinen Schatten. Er hatte einen Plan, und dafür brauchte er einen Verbündeten. Als der CSU-Abgeordnete seinen Kollegen Wolfgang Daniels von den Grünen ansprach, beschäftigte ihn die Idee für das Stromeinspeisegesetz schon eine Weile. Doch wusste er nicht, wie er sie verwirklichen sollte. Es war 1990, das letzte Jahr seiner letzten Legislaturperiode im Bundestag. Dort hatte Engelsberger 21 Jahre im Hintergrund gewirkt, war selten aus dem Schatten getreten. Nun wollte er nicht gehen, ohne etwas zu hinterlassen. Durch das Stromeinspeisegesetz konnte sich Windkraft gegen konventionelle Energieträger durchsetzen

Das Strom-Einspeise-Gesetz, wie Engelsberger es entwarf, gibt es zwar nicht mehr. Aber seine Idee bildete den Anfang einer außerordentlichen Erfolgsgeschichte. Als Grundlage für das Erneuerbare-Energien-Gesetz setzte sie international Maßstäbe zur Förderung des Ökostroms. Bis heute wurde das Modell von Matthias Engelsberger in 19 EU-Staaten kopiert.

Viele Jahre lang hatte sich der CSU-Mann aus Siegsdorf bei Traunstein im Streit mit den Stromversorgern aufgerieben. Für den Verband der bayrischen Wasserkraftwerke verhandelte er die Preise, die die Netzbetreiber für Strom aus Wasserkraft bezahlen sollten. Dabei feilschten die Stromkonzerne unerbittlich um Minimalbeträge. Engelsberger fühlte sich unfair behandelt. Schon vor der Jahrhundertwende hatte das Kraftwerk, das damals noch seinem Vater gehörte, die kleine Gemeinde Siegsdorf mit Elektrizität versorgt. Doch die großen energiepolitischen Themen jener Tage hießen Kohle-Verstromung und Atomkraft. Strom aus Wasserkraft wurde kaum beachtet.

„Wir waren der billige August der Stromindustrie“, sagt Markus Engelsberger, der Sohn des 2005 verstorbenen Politikers. Die Versorger scheuten sich damals nicht, ihre Preise durchzusetzen. Rund acht Pfennig gab es für eine Kilowattstunde Strom aus Wasserkraft – „weniger als die Stromkonzerne für ihren eigenen Strom ausgeben mussten“, sagt Markus Engelsberger.

Der Grüne Wolfgang Daniels und der CSU-Mann Engelsberger hatten zwei Gemeinsamkeiten: Beide hatten ihre Wahlkreise in Bayern und beide waren Naturwissenschaftler, damals noch eine Seltenheit im Bundestag. Daniels, der gerne einmal im Pullover im Parlament saß und über die Proteste gegen die atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf zur Politik gefunden hatte, ließ sich schnell von der Idee einer Festvergütung für ökologischen Strom begeistern. Das ungleiche Paar arbeitete einen Entwurf aus.

Als der fertig war, wusste Engelsberger nicht, wie er das Gesetz einbringen sollte. „Schreib doch einfach alles auf und nimm es zu einer namentlichen Abstimmung mit“, empfahl Daniels seinem neuen Partner. Als sich nach der nächsten Fraktionssitzung 70 Namen unter dem kurzen Schriftsatz fanden, war Engelsberger „total überrascht“, erinnert sich Daniels. Die Fraktion zog mit, doch der damalige Fraktionsgeschäftsführer Jürgen Rüttgers wurde unruhig. Ein Grüner und ein Unions-Mann machten gemeinsam Politik! Er zitierte Daniels und Engelsberger zu sich und fragte sie, worum es ihnen ginge. „Nur um die Sache“, sagte Engelsberger. Rüttgers wunderte sich und stimmte zu. Doch er verlangte, dass das Gesetz als Antrag der CDU/CSU-Fraktion in den Bundestag eingebracht würde. Die Grünen mussten draußen bleiben!

Noch im selben Jahr wurde das Gesetz beschlossen und trat am 1. Januar 1991 als Stromeinspeisegesetz in Kraft. Zwischen den großen Debatten der Wiedervereinigung wäre es mehrfach fast von der Tagesordnung verdrängt worden. Die Stromversorger wurden verpflichtet, einen festen Preis an die Kleinanbieter zu zahlen. Die Förderung wurde auf Anlagen mit einer Maximalkapazität von 5 Megawatt beschränkt. Die Versorger durften die Kosten auf die Stromrechnungen der Verbraucher umlegen. Für jede Kilowattstunde Ökostrom, die in die Netze floss, gab es nun mindestens 13,84 Pfennig, für Strom aus Wind- und Sonnenenergie sogar 16,61 Pfennig.