Koalitionskrise Entscheidung vertagt

Die Große Koalition ist nicht geplatzt. Doch hinter den schönen Floskeln verbirgt sich noch immer der gleiche, ungelöste Konflikt.

Im schwarzen Hosenanzug trat Angela Merkel am Freitag vor die Mikrofone im Kanzleramt. Das wirkte sehr feierlich und hätte fast den Anschein wecken können, als wollten die Kanzlerin und der sie begleitende SPD-Chef Kurt Beck hier, in der Schaltzentrale der Macht, etwas sehr Ernstes mitteilen. Die vollkommen festgefahrenen Verhandlungen über die Gesundheitsreform wieder loszueisen, das war das erklärte Ziel des kurzfristig anberaumten Spitzentreffens. Doch es schien nicht ausgeschlossen, dass auch das Gegenteil dabei rauskommen könnte: nämlich das Eingeständnis des endgültigen Scheiterns.

Diesen Verdacht versuchten Merkel und Beck indes von der ersten Sekunde an durch eifriges Lächeln zu zerstreuen. Nein, versuchten die beiden unter heftigem Einsatz der Mundwinkel zu demonstrieren, wir verstehen uns ganz prima. Es sei ja nichts ungewöhnliches, dass die Parteichefs der Großen Koalition miteinander sprächen, versuchte Merkel die Bedeutung herunterzuspielen, und versprach: „Wir werden uns noch öfter treffen“.

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Spekulationen der vergangenen Tage über ein möglicherweise bevorstehendes Scheitern der Großen Koalition, die durch eine Anhäufung von Krisentreffen befeuert worden waren, versuchten beide mit größtmöglicher Entschlossenheit entgegenzutreten. Es bestehe der „absolute politische Wille“, die Arbeit an der Gesundheitsreform erfolgreich zu Ende zu führen, versicherten die Parteichefs. Dieser Wille, so Merkel, werde auch in die Arbeitsgruppen „hineingegeben“. Warum dies bisher nicht gelungen ist, blieb allerdings unklar.

In der Sache nämlich hat sich an dem Dissens bisher offenbar wenig geändert. Festgehakt haben sich die Verhandlungen in den vergangenen Wochen an der sogenannten Ein-Prozent-Klausel. Diese bedeutet, dass der Zusatzbeitrag, den die Kassen künftig von ihren Versicherten erheben können sollen, nicht höher sein darf als ein Prozent des Einkommens. An dieser Regelung, die so auch in den Eckpunkten steht, will die SPD unbedingt festhalten - Teile der Union allerdings nicht, da sie mittlerweile durchgerechnet haben, dass auf diese Weise zwischen den Kassen eher weniger als mehr Wettbewerb entstehen würde, als es heute schon gibt. Eines der erklärten Ziele der Union ist jedoch die Stärkung dieses Wettbewerbs.

Statt in dieser Frage eine Einigung zu finden, gelang es Merkel und Beck am Freitag lediglich, sich darauf zu verständigen, dass nun Sachverständige eine Lösung vorlegen sollen, die irgendwie beiden Seiten gerecht werden soll. Auffällig war jedoch, dass Beck nach wie vor davon sprach, dass für die SPD die Ein-Prozent-Regelung gesetzt sei, während Merkel lediglich von der „Überforderungsklausel“ sprach, die auch die Union wolle. Das heißt, irgendeine Deckelung des Zusatzbetrags wird es geben, in welcher Höhe aber, das ist weiterhin umstritten. Der kleinste gemeinsame Nenner, auf den beide sich hatten einigen können, bestand in der Forderung, der Entschluss müsse „praktikabel sein“.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, Carola Reimann, sah in dem Auftritt von Merkel ein deutliches Signal an die eigenen Ministerpräsidenten, sich an die Eckpunkte zu halten. Oppositionsvertreter wie Renate Künast oder Oskar Lafontaine vermuteten dagegen eher, dass Beck langfristig einem höheren Zusatzbetrag zustimmen werde.

Leser-Kommentare
  1. Ganz egal, ob es sich nun um die Stimme ungeduldiger Radikalreformer handelt oder nur die der angeblich Gestrigen, keiner der ehemaligen so "hochbegabten Hoffnungsträger" aus den Reihen der CDU wird sich noch je auf eine gesunde Vertrauensbasis bei den Bürgern stützen können. Allzu nassforsch wurden die Menschen in den letzten Jahren mit vagen Versprechungen angelockt und sehen sich diese nun um ihre "Stimmenrendite" geprellt.

    Damit wird nun offenkundig, dass auch die Expertokratie Farbe bekennen muss, die sich immens an den alten Leistungsgesetzen zu schaffen machte und die Hoffnung säte, durch deren Streichung entstehe die Zukunft von ganz allein. In den letzten Jahren hat sich kein Kapitalist, der von Pflichten befreit wurde, erkenntlich gezeigt, wodurch er ja leicht zu einem willkommenen Mitglied in der Verantwortungsgemeinschaft sozial denkender Unternehmer hätte werden können.

    Die Zukunft wird nur noch zu gewinnen sein, wenn sich eine Verantwortungsgemeinschaft jenseits profitmaximierender Wirtschaftsorientierungen bildet, die den so lange als Bremsfaktor geschmähten grünen Fortschritt verinnerlicht und zwar aus Überzeugung und nicht wegen eines Machtkalküls.

    Die Vernunft, die zuletzt unter dem Dauerbeschuss von Interessenverbänden in die Knie gezwungen wurde, wird siegen müssen, denn dass es auch ohne sie ginge, ist und bleibt der Wunschtraum von Renditejägern, die durch ihre persönliche Erfolgsbilanz die Rechte der Allgemeinheit meinen in Frage stellen zu dürfen.

    • Anonym
    • 26.09.2006 um 11:07 Uhr

    "Der CDU kann niemand mehr vertrauen"

    ein richtiger Satz, nur sind diesen Weg schon andere Parteien voraus gegangen, die nicht zurückgefunden haben, allen voran die SPD.

    B Grabe

    • WillyF
    • 22.09.2006 um 17:13 Uhr

    Was diese Herrschaften von sich geben, interessiert letztlich niemanden mehr. Ich will nur noch eins wissen: Wann gibt es Neuwahlen?

  2. So lasst den Zauberlehrling sprechen … (Demokratie auf dem
    Prüfstein)
    Ratlos in der Regierungs-Dauerkrise,
    so, als ob ihr Tun nur Job-Rotation hieße.
    So, als ob verkürzte Regierungszeiten,
    Frust und weitere Politikverdrossenheit einleiten.

    Wahlen, – angelegt auf vier Jahre regieren,
    will sich kein Politiker mehr zu Ende blamieren.
    Flexibilität, das Schlagwort hier in Bund und Land,
    hört man es an jedem Ort, zu jeder Stund genannt.

    Kaum liiert, wird wieder über Bruch debattiert.
    Für die FDP, die Grünen läuft es wie geschmiert.
    Plötzlich stehen an ehemals Feindes-Schwelle,
    Fritzchen Kuhn und Spaßmobil-Fahrer Westerwelle.

    Die große Koalition blockiert im großen Dauerstreit.
    Nie unerwähnt – die Paarung war keine Liebeshochzeit.
    Der Wähler bleibt hier wieder zweites Glied im Bunde.
    Auch so richtet man eine Demokratie zu Grunde.

    Hat sich die alte Regierungsriege geistig weg begeben.
    Sollen wir bald mit alten Lumpen in neuen Hüllen leben?
    Denn ihre Wort und Werke merkt ich und den Brauch.
    Und ihre Lügen vor den Wahlen auch!

    Wahrlich seid ihr Meister dieser Endlos-Debatten,
    stellt selbst Goethes Zauberlehrling in den Schatten.
    Willst am Ende gar nicht lassen. In die Ecke Besen! Besen!
    Abgesehen von großen Worten – wieder nichts gewesen.

    Und sie laufen! Ziellos, nass und nässer,
    ihre Gesichter blass und immer blässer.
    Ach, da kommt ja unser neuer Meister!
    Nein, ein Altgesicht – nur tapeziert mit frischem Kleister.

    Volk – erfülle schweigend unsren Willen!
    Wozu reichen wir euch diese Pharmapillen?
    Bist doch immer unser Knecht gewesen;
    dir die Pille, uns dafür Diäten zuzüglich Spesen.

    Fisch – du fängst am Kopfe an zu stinken,
    deshalb, bitte lass das Dauerwinken.
    Vor und nach den Wahlen und dazwischen,
    wollt ihr uns jetzt „Gammelfisch“ auftischen?

    Volke! Willst wohl gar nicht hören?
    Wie wir dich beschwören!
    Oben sei der Wasserkopf;
    unten stehst begossen – du mein Tropf!

    Meister – willst auf Volkes Stimme wohl nicht hören.
    Höre, wie wir dich beschwören!
    Schlucke selber deine Pillen.
    Wir erheben uns. Das Volk, hat seinen eignen Willen.

    Soll das ganze Volk in deinen endlosen Gesetzen ersaufen?
    Seh ich über jede Schwelle doch schon neue Steuerfluten laufen.
    Willst am Ende gar nicht lassen – wie ich mich bald auf dich werfe.
    Sollte ich dich fassen, trifft am Ende dich des Beiles glatte Schärfe.

    Wäge dich nicht allzu sicher in dem falschen Glauben,
    dass ein Volk sich nicht erwehren kann der Daumenschrauben.
    Denn das Volk nun spricht zu euch – das gab es schon.
    Des Zauberlehrlings neues Zauberwort heißt – Revolution!

    Baden-Baden, 25. September 2006
    (Bertram Schrag)

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