Berlin "Das ist verrückt"

Die Deutsche Oper hat die Mozart-Oper "Idomeneo" aus Sorge vor islamistischen Attacken abgesetzt. Das löste heftige Kritik aus

"Das ist verrückt", sagte Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU), als er von der Absetzung der umstrittenen Inszenierung aus Angst vor Islamisten erfuhr. Schäuble, der am Mittwoch erstmalig zu einer Islam-Konferenz in Deutschland einlädt, bezeichnete die Entscheidung der Deutschen Oper als "inakzeptabel". Auch Fraktions-Vizechef Wolfgang Bosbach (CDU) kritisierte die Absetzung der Opfer heftig. Das sei "die falsche Reaktion auf die Debatten, die wir in diesem Jahr geführt haben", sagte er und spielte dabei auf den Streit um die Mohammed-Karikaturen und die Vorlesung des Papstes an. Doch die Intendantin Kirsten Harms verteidigt ihre Entscheidung.

Schon im Juli habe das Berliner Landeskriminalamt nach Angaben aus Sicherheitskreisen vor islamistischen Anfeindungen bei einer Wiederaufnahme der Mozart-Oper "Idomeneo" gewarnt. Der Kulturverwaltung des Berliner Senats sei dazu eine so genannte Gefährdungsanalyse übermittelt worden, hieß es am Dienstag. Ausgelöst worden sei dies durch einen anonymen Hinweis.

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"Wir haben mitgeteilt, dass es bei der Aufführung zu Störungen kommen könnte", bestätigte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski. Die Polizei habe die Pflicht, die Lage in der Stadt zu bewerten. Vor allem wegen der heftigen Proteste, die die Mohammed-Karikaturen in dänischen Zeitungen im vergangenen Februar in islamischen Ländern ausgelöst hatten, seien die Sicherheitsbehörden zu ihrer Einschätzung gelangt. "Dies haben wir übermittelt, aber wir bestimmen nicht den Dienstplan der Deutschen Oper", betonte Schodrowski.

Um eine Gefährdung des Publikums und der Mitarbeiter auszuschließen, habe sich Intendantin Kirsten Harms entschlossen, von der Wiederaufnahme des "Idomeneo" am 5., 8., 15. und 18. November abzusehen, hieß es in der Mitteilung des Opernhauses. Bei der 1781 uraufgeführten Oper geht es um den Widerstand der Menschen gegen Opfergaben an die Götter.

In der Inszenierung von Hans Neuenfels, die bereits während der Premiere im Dezember 2003 auf heftige Publikumsproteste gestoßen war, präsentiert König Idomeneo die abgeschlagenen Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed und stellt sie auf vier Stühle. Die Szene hatte damals zu Tumulten im Opernhaus geführt. In den damaligen Besprechungen der Aufführung in Presse, Funk und Fernsehen war die Szene als radikale Abrechnung mit Religion und Religionskriegen verstanden worden. Neuenfels gilt als Regisseur, der gern das Publikum provoziert.

Neuenfels bezeichnete die Entscheidung der Intendantin als "vorausgeeilten Gehorsam und Hysterie". Schließlich gebe es seit der Premiere seiner Inszenierung 2003 weder konkrete Terrordrohungen noch Kritik von Seiten islamischer Organisationen, sagte der Regisseur im Gespräch mit NDR Kultur. Die Freiheit der Kunst sehe er durch diese Entscheidung allerdings nicht gefährdet.

Die Entscheidung der Deutschen Oper kommt nach Ansicht der CDU/CSU- Bundestagsfraktion einem "Kniefall vor Terroristen" gleich. "Aus Angst vor möglichen terroristischen Übergriffen eine religionskritische Inszenierung abzusetzen, schadet der Freiheit der Kunst", kritisierte der kultur- und medienpolitische Fraktionssprecher Wolfgang Börnsen am Dienstag. Nun gehöre die Gefährdungsanalyse des Berliner Landeskriminalamtes als Grundlage für die Entscheidung der Opernintendanz auf den Tisch.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hält die Absetzung für eine Fehlentscheidung. "Unsere Vorstellungen von Offenheit, Toleranz und Freiheit müssen offensiv gelebt werden", sagte er und fügte hinzu, dass eine freiwillige Selbstbeschränkung denjenigen Recht gebe, "die unsere Werte bekämpfen". Zudem sprach sich Wowereit trotz der Finanzmisere Berlins für den Erhalt aller Berliner Opern aus. "Jede Oper hat ihre jeweilige künstlerische Note, und die ist erhaltenswert", sagte er.


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Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 26.09.2006 um 18:40 Uhr
    1. @Zeit

    Zwischenzeitlich hatte Zeit-Online sich entschlossen, mich komplett zu sperren und keine Kommentare von mir mehr zuzulassen: Begruendung, ich wuerde beleidigen!

    Unter anderem schrieb ich von einer westlichen Kultur, die sich selbst aufgaebe und begoenne "Verrotungstendenzen" zu zeigen, wenn Sie noch nicht einmal die Kraft habe ihre Werte zu verteidigen!

    Hinzu kamen kritische Anmerkungen zum Islam, (habe aber sicher nicht gespart mit kritischen Anmerkungen zum Papst)!

    Ich habe Besserung gelobt, was ich auch so einhalten will, wenn denn zumutbar!

    Deswegen moechte ich nicht mehr von einer verrottenden Gesellschaft sprechen, sondern von einer feigen Entscheidung!

    Ich bilde mir ein, das sagen zu duerfen, da ich mit meinem wahren Namen zeichne, auch bei sehr islamkritischen Aeusserungen!

    Ich waere wahrscheinlich auch feige, wenn mich jemand direkt bedrohte, allerdings kann ich die direkte Bedrohung in diesem Fall nicht sehen!

    • Crest
    • 26.09.2006 um 23:52 Uhr

    Helmut Schoeck möge mir folgende literarische Anleihe genehmigen:

    "Als Präsident Kennedy im September 1962 das Gelände der Universität von Mississippi mit über 20000 Fallschirmjägern für einige Wochen zudeckte, um für einen einzigen Studenten die Benutzung der Universität einem gewalttätigen Studentenmob gegenüber durchzusetzen, war die publizierte Weltmeinung, je linker desto besser, hell begeistert. Damals zauderte und zeterte man nicht wegen der 'Eskalation'. Der Biograph der Kennedy-Administration, ... Th. Sorenzen, schrieb später voller Genugtuung, dass diese totale Präsenz der Majestät der US-Regierung (majesty of government) das Problem ein für allemal gelöst hatte. Kein einziger Negerstudent mußte danach irgendwo in den USA durch Polizei oder Militär vor seinen Mitstudenten geschützt werden.

    Ein einziges Exempel der Entschlossenheit, dem Recht Geltung zu verschaffen, hatte genügt." (Zitat-Ende)

    Die Aufführungen in der deutschen Oper also unter massivem Polizeischutz?

    Ja. (Und wenn ich Zyniker wäre, würde ich jetzt bemerken, dass man seit den Besuchen des derzeitigen US-Präsidenten doch auch hierzulande eigentlich wissen müsste, wie man sowas managen kann.)

    Herzlichst Crest

  1. Bei all dem Geschrei um die Freiheitsbeschneidung sollte man sich einmal in Erinnerung rufen, dass die Freiheit nur bis zur Nase des nächsten reichen sollte. Man kann die momentan sehr gespannte Situation nicht einfach ignorieren, weshalb ich die Entscheidung der Intendantin der Deutschen Oper für klug halte. Besonders vor dem Hintergrund, dass es sich mehr um eine Verschiebung als eine Streichung des Stückes handelt. Sie hat an die Medien appeliert, differenziert und besonnen mit der Sache umzugehen, stattdessen bricht das übliche Schwarz-Weiß-Denken über sie herein, alles ruft empört "Freiheitsberaubung" usw.
    Radikale und Terroristen differenzieren eben nicht in ihrem Urteil, sie haben ja ein ganz anderes Ziel, deshalb ist es an uns, an unserer Gesellschaft, den Dialog besonnen zu führen - und nicht, indem wir einfach weiter machen, wie bisher und uns dabei auf unsere tollen Freiheiten berufen.
    Mal ganz abgesehen davon, sehe ich von der Frage ab, wie denn die öffentliche Meinung zum Thema aussähe, wenn es denn tatsächlich einen Anschlag von radikaler Seite gegeben hätte - von Leuten also, die nur auf JEDE solcher Vorlagen warten.
    Ich beführworte keinesfalls ein Wegducken, im Gegenteil, aber ignorantes, ja desinteressiertes Verhalten gegenüber der aktuellen Situation ist völlig unangebracht.

  2. Auf keinen Fall potentielle Radikale provozieren! Sonst würde sich vielleicht unser Innenminister nicht auf die bevorstehende "Islam Konferenz" getrauen. Möglicherweise müsste er sich gar erst einmal "bei Allen" entschuldigen!

  3. was wird demnaechst abgesetzt oder gar verboten weil es ja die Muslime beleidigen koennte...Leute,sucht Euch schon die passende Farbe fuer die Burka aus und Rasierklingen werden auch abgeschafft denn 'Mann' wird bald Bart tragen.

    • RobR
    • 26.09.2006 um 13:56 Uhr

    Ein solch vorauseilender Gehorsam ist schon unglaublich: auch wenn man die Inszenierung vielleicht skeptisch gegenüber stehen mag, so gehört eine Auseinandersetzung, auch mit Religionen, zu den Grundfesten der Westlichen Kultur.
    Wenn wir jetzt schon im Voraus solche Aufführungen stoppen, geben wir ohne Not Teile unserer Kultur auf.

    • darum
    • 26.09.2006 um 15:03 Uhr
    7. @minya

    In diesem Fall sollte es wohl besser heißen: 'Die Freiheit des einen ist dort gefährdet, wo die Unfreiheit des anderen anfängt.'

    Die Nazis mußten kritische Theater noch gewaltsam schließen, die heutigen Kulturschaffenden scheinen da weniger Zivilcourage zu besitzen.

    • minya
    • 26.09.2006 um 14:46 Uhr

    Ein alter Spruch: "Die Freiheit des einen hört dort auf, wo die Freiheit des Anderen anfängt." Jene sich momentan religiös definierende und motivierte "islamische" Kultur steckt ihren Rahmen zur Zeit ein bischen enger. Es liegt nahe, dass ander Kulturen tolerant ein wenig zurück weichen. Warum auch nicht. Bleibt zu hoffen, dass morgen nicht irgendein Iman eine Fatwa gegen den Genuss von Schweineschnitzel ausspricht. Oder jemand feststellt, dass Mohammed auch in zeitlicher Entfernung sonntägliches Glockengeläute stören könnte. Bis sich die Situation entschärft hat, empfehle ich generell eine stärkere Zensur bei Buch-Neuerscheinungen, bei Kinofilmen - ja und eben auch bei Theaterstücken. Es ist einfach zu unübersichtlich, was potentiell irgendjemand stören könnte.

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