Zu der Konferenz hat Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble Vertreter der muslimischen Verbände und Repräsentanten der muslimischen Zivilgesellschaft eingeladen. Sie sollen bei dem Treffen sowie in anschließenden Arbeitsgruppen in den nächsten zwei Jahren, zusammen mit Vertretern des deutschen Staates, unter anderem Regeln für eine islamischen Religionsunterricht, die Ausbildung von Imamen in Deutschland und für eine gemeinsame Vertretung der hier lebenden 3,2 Millionen Moslems erarbeiten.

Eine der Teilnehmerinnen ist die Soziologin Necla Kelek, die seit Jahren gegen Ehrenmorde und Zwangsheiraten und für die Rechte der muslimischen Frauen und Mädchen kämpft.

ZEIT online: Welche Erwartungen haben Sie an die Islam-Konferenz?

Kelek: Ich erwarte, dass erstmal einiges geklärt wird. Die Konferenz ist ja so angekündigt, dass über die mehr als drei Millionen Moslems in Deutschland gesprochen wird. Da frage ich als erstes: Wer ist denn eigentlich ein Moslem? Wie wird man ein Moslem? Wo wird man registriert? Die zweite Frage lautet: Wen vertreten die eingeladenen moslemischen Verbände? Es gibt da ja sehr verschiedene Richtungen, was man auch daran sieht, dass sie untereinander nicht klar sind, wie sie den Islam leben und was sie predigen. Für mich ist entscheidend: Welches Menschenbild vermitteln diese Organisationen? Denn die muslimischen Verbände spielen inzwischen eine sehr große Rolle in der deutschen Migranten-Gesellschaft. Wir sehen das seit 20 Jahren, seit sie aktiv sind. Schon kleine Kinder tragen Kopftücher, die Verbände sind in den Koran-Schulen und in den Moscheen präsent.

ZEIT online: Ist der Einfluss der islamischen Organisationen, vor allem der strenggläubigen, in den vergangenen Jahren noch gewachsen? Welche Folgen hat das?

Kelek: Die muslimischen Verbände nehmen tagtäglich Einfluss in der deutschen Gesellschaft - nur die merkt das kaum. Wenn zum Beispiel in den Moscheen vermittelt wird, man hat nur mit "reinen" Menschen zusammen zu sein hat, mit "Unreinen", die Schweinefleisch essen und ihre Töchter unehrenhaft leben lassen, darf man nicht zusammenkommen, hat das natürlich Auswirkungen. Auf die Kinder wird schon früh eingewirkt, dass sie muslimisch sind, damit man sie nicht an die liberale deutsche Gesellschaft verliert. Das halte ich für sehr gefährlich.

ZEIT online: Und das führen Sie auf den Einfluss dieser Verbände zurück?

Kelek: Ja. Sie finden große Resonanz unter den hier lebenden Moslems, die ohnehin traditionell denken und aus den ländlichen Teilen der Türkei stammen. Diese Menschen suchen Orientierung, und die finden sie im Islam. Der Islam ist prädestiniert dafür, den gesamten Alltag, das ganze Leben zu bestimmen. Ich kann wunderbar nach dem Islam leben, ohne jemals Berührung mit der deutschen Gesellschaft zu haben.

ZEIT online: Was legitimiert eigentlich die moslemischen Verbände, bis hin zum Islamrat und Milli Görüs, die als islamistisch gelten, für die gut drei Millionen Moslems in Deutschland zu sprechen? Sie repräsentieren ja weniger als 20 Prozent von ihnen.

Kelek: Es gibt da eine wichtige Unterscheidung: Die eine Richtung, der Islamrat und auch Milli Görüs, vertreten einen fundamentalen, universalistischen Islam, der beansprucht, für die ganze Menschheit zu sprechen. Dagegen versuchen Organisationen wie die türkische Ditib, einen säkularen Islam weiterzugeben. Daher ist es für mich schwer vorstellbar, dass beide Richtungen zusammenkommen und gemeinsame Repräsentanten wählen. Die universalistisch Ausgerichteten haben den Anspruch, nach der Scharia, also nach islamischem Gesetz zu leben. Das lehren sie auch hier in Deutschland, schon bei den kleinen Kindern. Dazu gehört das Verbot von Körperlichkeit bei den Mädchen, sie dürfen nicht schwimmen, nicht turnen, nicht an Klassenreisen teilnehmen. All das, was eigentlich zur persönlichen Freiheit gehört.

ZEIT online: Können so Denkende an einem Dialog in einer demokratischen, säkularen Gesellschaft überhaupt teilnehmen?

Kelek: Das ist für mich der entscheidende Punkt: Wer sich nicht von der Scharia abwendet, nicht nur als Lippenbekenntnis, sondern im Alltagsleben, der ist kein Dialogpartner.

ZEIT online: Wird es an diesem Punkt Konflikte geben?

Kelek: Ich werde jedenfalls meinen Standpunkt darlegen. Und ich hoffe auf die Unterstützung durch die säkularen Verbände.