Gesundheitssystem Teure erste Klasse

Die gesetzlichen Krankenkassen reduzieren ihre Leistungen mehr und mehr. Private Versicherer bieten eine bessere Versorgung - die bessere Wahl sind sie dennoch häufig nicht.

Was die Rede von der „Zwei-Klassen-Medizin“ in Deutschland bedeutet, hat Bettina Ziegler selbst erlebt. Als Kind war die selbstständige Gebäudeenergieberaterin und Feng-Shui-Spezialistin über ihren Vater privat krankenversichert. „Da war es überhaupt kein Problem, Termine bei Ärzten zu bekommen. Und jede Menge Vorsorgeuntersuchungen wurden bezahlt.“ Als sie eine feste Stelle antrat, änderte sich das schlagartig: Bettina Ziegler musste zu einer gesetzlichen Krankenkasse wechseln. Doch nun will sie wieder bessere Leistungen und zurück zu den Privaten.

Die Suche nach dem passenden Angebot wird für sie zum Wochenendprojekt. „Die Versicherung soll ja fürs Leben halten“, sagt die 34-Jährige. Deshalb nimmt sie sieben Tarife von vier Anbietern genau unter die Lupe. Eine Auswahl zu treffen, ist nicht eben leicht, denn die Angebote der privaten Krankenversicherer unterscheiden sich häufig sehr und sind deshalb schwer vergleichbar.

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Nicht jeder kann wechseln

Bettina Ziegler ist selbstständig und kann deshalb frei wählen, ob sie sich gesetzlich oder privat versichert. Auch Angestellte können aus der gesetzlichen Kasse zu einem privaten Krankenversicherer wechseln, sofern sie mehr als 47.250 Euro im Jahr verdienen. Beamte schließlich erhalten eine staatliche Gesundheitsbeihilfe und ergänzen diese mit privaten Policen. In Deutschland sind einer Statistik des Verbandes der Angestellten-Krankenkassen (VDAK) zufolge nur zirka neun Prozent der Bevölkerung privat versichert, rund 88 Prozent gehören einer gesetzlichen Krankenkasse an.

Dabei handelt es sich um zwei völlig verschiedene Systeme zur Versorgung der Patienten: So garantieren die privaten Versicherer, ganz im Gegensatz zu den gesetzlichen Krankenkassen, ihren Kunden bis ans Lebensende gleich bleibende Leistungen, wenn diese nur ihre Prämie regelmäßig entrichten. Wie hoch die Beiträge sind, kalkulieren sie nach dem persönlichen Risiko ihres Kunden. Die gesetzlichen Kassen hingegen arbeiten nach dem Solidarprinzip und ermöglichen so einen Risikoausgleich über alle Versicherten. Außerdem werden die Beiträge einkommensabhängig kalkuliert, ihre Leistungen aber unterliegen dem politischen Wandel.

234 Milliarden Euro oder 10,6 Prozent des Bruttoninlandsprodukts wurden 2004 in Deutschland für die Gesundheit ausgegeben, sagt das Statistische Bundesamt . Jüngere Zahlen gibt es nicht, doch man darf annehmen, dass die Ausgaben seither nicht gesunken sind. Die hohen Kosten des Gesundheitssystems machen die Krankenversicherung zu einer elementar wichtigen Versorgungsform. Den privaten Versicherern eröffnen sie einen lukrativen Markt.

Fokus Private Krankenversicherung

„In der privaten Krankenversicherung kann man seinen Versicherungsschutz nach seinen individuellen Bedürfnissen und Präferenzen wählen“, beschreibt Sabine Heche, Pressesprecherin beim Verband der privaten Krankenversicherung . Das bedeutet: Es gibt Tarife, die lediglich einen Basisschutz bieten, und solche, die mit Rundumversorgung werben, Angebote mit einer geringen Prämie, aber einer hohen Selbstbeteiligung, und umgekehrt. Wer sich einmal für einen Tarif entschieden und einen Vertrag abgeschlossen hat, kann seinen Arzt und das Krankenhaus ebenfalls frei wählen. Nimmt er Leistungen nicht in Anspruch, kann er eine Beitragsrückerstattung erhalten, sofern vereinbart.

Leser-Kommentare
    • bierus
    • 27.09.2006 um 12:21 Uhr

    Naja, die Frage ist, wie man Solidaritär definiert. Nach meinem Verständnis ist Solidarität immer eher etwas persönliches als etwas anonymes vor allen Dingen aber etwas Freiwilliges. Aber lassen wir solche philosophischen Betrachtungen mal beiseite. das was Sie als Solidarprinzip bezeichnen ist weiter nichts als Umverteilung. Dagegen ist nichts zu sagen man soll es dann aber auch bitteschön so nennen. Zu fragen wäre natürlich, ob die Krankenversicherung ein geeignetes Umverteilungsinstrument darstellt oder ob dies nicht effektiver und zielgenauer über das Steuersystem zu realisieren wäre.

  1. Ein weiteres Problem der Privaten: Ist man einmal drin (jung, gute Gesundheit), kann man nur teuer von einer zur anderen wechseln: Der Beitragssatz richtet sich auch nach dem Einstiegsalter; will man nach 5 Jahren wechseln, kostet es woanders also mehr, selbst wenn der Gesundheitszustand der gleiche ist. Der Grund sind die Rücklagen, die die Privaten für das Alter anlegen, und die kann man nicht zur nächsten Privaten mitnehmen. Das sollte sich dringend ändern, damit die Privaten einen Ansporn haben, auch mit den älteren Patienten gut zu wirtschaften.

    • bierus
    • 27.09.2006 um 9:12 Uhr
    3. \N

    Ich halte es für groben Unfug zu behaupten, die GKV funktioniere nach dem Solidarprinzip, die PKV hingegen nicht. JEDE Versicherung, egal welches Risiko sie absichert verteilt dieses Risiko auf die Schultern ALLER Versicherungsnehmer, ist somit per se solidarisch. Die GKV funktioniert nach dem Prinzip des kalten Buffets. Hier wie dort ist es systemkonform, bei gleichem Einsatz möglichst viele Leistungen in Anspruch zu nehmen. Sparsames, und damit solidarisches Verhalten wird nicht belohnt.

  2. 4. \N

    Der wichtigste - für den Beitragszahler - Vorteil den private Krankenversicherungen bieten können wird kaum ausreichend beleuchted - der Preis.
    Es wird m.E. immer wieder von den chronisch Kranken, den Menschen mit so unwahrscheinlich vielen Arztbesuchen (und damit verbunden Kosten) gesprochen. Wie groß ist deren Anteil an der Gesamtbevölkerung - nicht an den Kosten. Der Krankenstand ist so niedrig wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Gehts es allen auf einmal so viel besser? Oder macht uns die Angst um den Arbeitsplatz, die uns vom Artzbesuch fernhält, so viel kränker?
    Ein Rechnbeispiel, für mich, PKV Versichert liegt der Beitrag um 350 EUR / Monat unter dem der GKV, bei besseren Leistungen (das war ein nachgeordnetes Kriterium). Die Einsparrung bei einer Laufzeit bis zur Rente beträgt damit knapp 140.000 EUR. Ab 65 bieten PKV als Option eine kostenfreie Versicherung an. Das kostet jetzt mehr, später dann nichts mehr.
    Jeder mag sich selbst überlegen wie viele Behandlungen für diesen 6 stelligen Betrag finanziert werden können. (Als Gedankenexperiment kann man das eingesparte Geld noch festverzinslich anlegen und das erhöht die garantierte Einsparrung).

    Weiterhin muss ich der Vorkommentatorin, der Ärztin, versichert in GKV aus Leidenschaft, recht geben, nicht jeder Eingriff ist notwendig, nicht jeder Artzbesuch sinnvoll. Ist das nicht ein Argument gegen die GKV? Ich meine ja, als GKV Versicherter sehe ich nicht was mich die Behandlung kostet, ist mir auch vollkommen egal ob 100 EUR oder 1000 EUR. Ich bezahle es ja anscheinend nicht. Bei der PKV sehe ich zumindest die Rechnung und kann mir überlegen ob ich diese an die Kasse weitergebe. (Wie viele Schadensfälle im Kfz Bereich werden nicht an die Versicherung gemeldet? Ist dies der Untergang des Abendlands?)

    Sicherlich ist die PKV nicht für jeden die erste Wahl, aber ganz sicher ist die auch nicht die GKV mit ihrem sozialistischen Verteilungsprinzip.
    An alle großen Fans der Verteilung auf möglichst viele Schultern - wäre das nicht auch eine gute Idee für alle anderen Versicherungen? Und warum herrscht in anderen Ländern nicht die blanke Barbarei trotz anderen Versicherungssysteme?

  3. Ob die PKV nach dem Solidarprinzip funktioniert oder nicht, ist keine Glaubensfrage:
    In der PKV trägt jeder sein eigenes Risiko und hat dafür eine Prämie zu bezahlen, die sich aus eben diesem Risiko ableitet. In der GKV hingegen zahlt jeder, der Einkommen hat einen Anteil seines Einkommens - unabhängig vom persönlichen Risiko. Ganz nach dem Motto: Wer viel verdient, soll auch viel einzahlen. Das ist mit dem Solidarprinzip gemeint.
    Dass auch in einer PKV natürlich das Kollektiv der versicherten Personen das Gesamtrisiko unter sich aufteilt ist lediglich das Prinzip einer Versicherung.

  4. Ich kenne Ihre persönliche Situation nicht, aber aus dem, was Sie schreiben müsste ich flogendes ableiten:
    Sie sind (höchstens) 34 Jahre alt, verdienen über 4000€ im Monat haben eine PKV mit einer monatlichen Prämie von rund 150 € (denn der Höchstbeitrag, den man z.B. bei der TK bezahlt liegt bei 502,32 €).

    Außerdem sind Sie ledig und haben keine Kinder und wollen auch nicht heiraten oder Kinder kriegen, denn Sie müssten ja Ihre Familienangehörigen mitversichern.
    Außerdem sind Sie sich sicher, nie Ihren Arbeitsplatz zu verlieren, denn Ihre Prämien laufen auch dann weiter.

    Ich möchte jetzt nicht den Eindruck erwecken, ich wäre ein Gegner der PKV. Ich möchte nur eine solche Milchmädchenrechnung nicht einfach stehen lassen.

    Die PKV hat durchaus seine Berechtigung und bietet seinen Mitgliedern einige Vorteile. Wer sich aber in jungen Jahren von niedrigen Beiträgen blenden lässt, erlebt später oftmals eine böse Überraschung, denn ein Wechsel zurück in die GKV ist eben nicht einfach so möglich (und das zu Recht).

  5. Natürlich ist das Vorziehen für mich persönlich praktisch, weil sofort behandelt werde und nicht lange im Wartezimmer rumsitze. Das bedeutet nicht, dass ich das generell gut finde.
    Ich denke, die meisten Ärzte handeln heute unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Heute wird kaum noch jemand Arzt, weil er seine soziale Ader ausleben möchte. Und die aktuellen Streiks zeigen deutlich, dass es insgesamt nur darum geht, ein Spitzeneinkommen zu erzielen. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich dann pauschal schlecht behandelt werde, aber mir geht diese Geldgeilheit vieler Ärzte auf die Nerven. Im Gesundheitssystem ist satt genug Geld, aber es wird einfach zu ungleich verteilt.
    Meiner Ansicht nach müssten die Praxen von den Kassen eingerichtet werden und die Ärzte für ein vernünftiges Gehalt festangestellt. Dann hört endlich diese Ansammlung von Gerätschaften zum reinen Abkassieren auf.

    • Anonym
    • 27.09.2006 um 12:23 Uhr

    Es hat sich eingebürgert die Subventionierung Einkommensschwächerer als Solidarleistung zu definieren.

    Ich halte das prinzipiell für falsch, weil auf die falschen Parameter abgestellt wird.
    Der einkommensabhängige Ausgleich ist nur von Fall zu Fall zufällig ein Solidarausgleich.

    Ähnlich häufig ist auch das Gegenteil der Fall, schon immer dann, wenn Vermögen vorhanden ist, gepaart mit niedrigeren Einkommen. (Keine Seltenheit in Deutschland der mittleren Schichten)
    Einfaches Beispiel, ich hatte ein relativ hohes Einkommen, keinerlei Vermögen, 3 Kinder und ein Haus zu finanzieren.
    Teile der Nachbarschaft hat deutlich niedrigeres Einkommen, aber die Häuser zwischen 50% und 70%,teilweise zu 100% aus ererbtem Vermögen finanziert.
    Was mein Nettoeinkommen um über 1.000 € reduziert im Vergleich dazu, für die Beiträge zur GKV ist das unerheblich, was bedeutet, das der Erwerb von Vermögen belastet, der Bestand von Vermögen geschützt wird.
    Kein Wunder das im Zeitablauf das zu einer 2 Klassengesellschaft führt, ist doch die Sozialversicherung nur einer der Faktoren mit dieser Wirkung.

    Da ich seit 2 Jahren selbständig bin, habe ich sofort die Sozialvericherungen verlassen, selbst mit 3 Kindern ist das billiger, weil erhebliche Aufwendungen neben der reinen Beitragszahlung entfallen. Die Frage der Überalterung, die Begünstigung der Kinderlosigkeit wird ohnehin die gesetzlichen Leistungen bei konstanten oder steigenden Beiträgen zu einem Minimum reduzieren.
    Da vernünftige Reformen aussichtlos erscheinen, ermöglicht der Wechsel zu den Privaten sich dieser systembedingten Entsolidarisierung zu entziehen.

    Das sähe sicher anders aus, wenn die GKV bzw. die Sozialversicherung immer noch ein Solidarsystem wäre. Dafür sehe ich aber keine Chance mehr, weil der Finanzierungsdruck der öffentlichebn Haushalte durch 30 Jahre verschlafene Reformen mittlerweile zu groß geworden ist.

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