Presseschau Feiglinge! Hasenfüße!
Darf man eine Opernaufführung absetzen aus Angst vor der Gewalt von Islamisten? Auf keinen Fall, findet fast einhellig die deutsche Presse. Ludwig Greven kommentiert das Meinungsbild
Die Absetzung der Mozart-Oper
Idomeneo
in Berlin stößt nicht nur bei Politikern und in der Kulturszene auf einhellige Kritik. Die Zeitungskommentatoren beschäftigen sich an diesem Mittwoch ebenfalls intensiv mit dem Thema. Auch sie verurteilen überwiegend die "Kapitulation der Kunst vor der Gewalt" (
Die Welt
). Und sie finden für die Entscheidung der Opernintendantin, ähnlich wie die Politiker, deutliche Worte: "Hysterisch" (u. a.
Financial Times Deutschland
/
FTD
), "hasenfüßig" (u. a.
tageszeitung
), "selbstmörderisch" (
FAZ
), "gefährlich und töricht" (
Berliner Zeitung
), "absurde Kurzschlussreaktion" (
Handelsblatt
), "nicht hinnehmbar" (
Thüringer Allgemeine
). So werde jede Möglichkeit der Debatte beendet, wo es doch gelte, die Errungenschaften der westlichen Demokratien zu verteidigen, lautet der Tenor, der fast unisono zu lesen ist.
"Ein Skandal, im politischen Raum apathisch hingenommen von einer Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr traut, die verunsichert vorauseilend dem Druck von islamischen Fundamentalisten nachgibt. Was ist - in Zeiten, in denen selbst der Papst sich für eine Rede entschuldigen muss, in der er für die Gewaltfreiheit von Religion plädiert - die Botschaft dieser Symbol-Nachricht? Dass wir Muslimen mehr Empfindsamkeit entgegenbringen als Christen oder Juden, dass wir uns der Gewalt beugen, die der kleine, aber wirkungsstarke Fundamentalisten-Flügel des Islam ausübt", schreibt Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner in der
Welt
. Die
Frankfurter Allgemeine
spricht von Selbstzensur: "Sollten alle Theater so verfahren wie die Deutsche Oper, müsste auch Mozarts 'Entführung' abgesetzt werden und Glucks 'Iphigenie', ja, an die Hälfte aller Inszenierungen an den Sprech- und Musiktheatern Deutschlands würden verschwinden, legte man diese Schere im Kopf an."
Uneins sind die Kommentatoren nur darüber, von wem nun die größere Gefahr für die Demokratie ausgehe: Von den radikalen Muslimen, bei denen inzwischen schon "vermutete Gewaltbereitschaft" (
Kölner Stadt-Anzeiger
) für einen kulturellen Rückzieher ausreiche, oder von den eigenen Intellektuellen, die - so die
Welt
- ein "Ausrufezeichen der Feigheit" an die Wand malen, und von "hasenfüßigen Intendanten" (
taz
)? Die
FTD
jedenfalls findet: "Allmählich dämmert es doch vielen, dass vorauseilende Unterwürfigkeit nicht geeignet ist, eine freie Gesellschaft vor ihren gewaltbereiten Feinden zu schützen. Und zugleich wird klar, dass zum Kampf gegen diese Feinde nicht nur ein Bewusstsein für die Herausforderung gehört, sondern auch die Fähigkeit, die Nerven zu bewahren."
Für die
Hamburger Morgenpost
steht fest: Die Angst ist längst Teil unseres Alltags geworden. Politiker, die Zivilcourage forderten, würden damit fehlende Konzepte bemänteln, Deutschland vor islamistischer Gewalt zu schützen. Die
Märkische Oderzeitung
fragt: "In welche Richtung wird sich die Gesellschaft unter den wachsenden Ansprüchen ihres muslimischen Teils weiterentwickeln?"
Die
Stuttgarter Nachrichten
warnen vor falsch verstandener Toleranz. Ein Zeichen gegen die radikal-islamischen Kräfte verlangt auch der
Kölner Stadt-Anzeiger
: Das Stück müsse "notfalls in einem durch die Polizei geschützten Opernhaus auf dem Spielplan bleiben. Zurückweichen bringt gar nichts - es ermutigt vielmehr die Feinde einer Lebensform, die gegen zäheste - auch kirchlich-religiöse - Widerstände mühevoll durchgesetzt werden musste." Und die
FAZ
fordert: Andere Bühnen sollten "in die Bresche springen".
Die
Westfälischen Nachrichten
schlagen dagegen moderatere Töne an. Das Blatt aus dem sehr katholischen Münster stellt die "Gegenfrage: Wer hätte denn die Verantwortung übernommen", wenn es zu Ausschreitungen gekommen wäre? Und hält die Entscheidung der Intendantin für "vielleicht falsch, aber dennoch verantwortungsvoll". Auch die
Frankfurter Neue Presse
hält es für voreilig, vor einer "Schere im Kopf" zu reden. Die Meinungsfreiheit sei nicht gefährdet, wenn man Zuspitzungen, wie man sie heute auf der deutschen Bühne sehe, ein wenig einschränke. "Man darf schon fragen, ob man wirklich blutige Köpfe in der Oper zeigen muss. Nicht alle Provokationen und Geschmacklosigkeiten, die man auch den Kirchen schon fast routinemäßig zumutet, müssen sein. Schiere Provokation ist noch keine Aufklärung", halten die Frankfurter Kollegen dem allgemeinen Proteststurm entgegen. Das sind an diesem Tag aber doch eher Einzelstimmen.
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Feuilleton auf ZEIT online
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- Datum 28.09.2006 - 14:25 Uhr
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 15
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Bedenken Sie bitte bei Ihrer Argumentation, dass irgendwann unser eigener Spielraum, Demokratie zu interpretieren, von solchen - wie Sie es nennen - Primitivlingen derart eingeschränkt ist, dass wir nicht mehr frei atmen können.
Wenn ich Sie richtig einschätze, würden Sie bei anderer Gelegenheit sofort: " Wehret den Anfängen!" brüllen. Jetzt, wo es mal die Gelegenheit dazu gibt, gibt es nun wirklich keinen Grund so kleinmütig zu sein
Gut, in einigen wenigen Kommentaren wurde der Punkt getroffen. Also nochmal zur verdeutlichung, wieder mal für die geistig Herausgeforderten: das Problem ist nicht der Islam. Das Problem ist der Staat, der geltendes Recht nicht durchsetzt.
Der Staat schützt seine Bürger nicht vor der Gewalt der Gesetzesbrecher. Er delegitimiert sich damit in einer seiner zentralen Funktionen.
Und ich sage zum wiederholten Male: Vorsicht. Kündigt der Staat den Gesellschaftsvertrag auf, bin auch ich nicht mehr daran gebunden. Und dann nehme ich die Durchsetzung des Rechtes in die eigene Hand, und zwar legitimiert durch Grundgesetz Artikel 20.4: "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist."
Und das wird nicht schön.
Also mögen sich die Verfassungsorgane überlegen: politisch korrekt sein ist wunderbar, weil die emanipierte Frau dann ganz arg lobt. Aber Bürgerkrieg macht weniger Spaß als nicht gelobt zu werden. Garantiert.
Ok, wie wir nun wissen ist eine Oper genuegend Sprengstoff um Muslime in Harnisch zu bringen,schon wird die Auffuehrung abgesetzt.Ich wunder mich nun was noch alles abgeschafft und geaendert wird damit die muslimische Sensibilitaet nicht beleidigt wird- denke das Oktoberfest ist auch auf der Liste...Mir geht es nicht um diese Oper,mir geht es um die Freiheit von Meinung und Rede ueberhaupt die uns im Grundgesetz garantiert sind.Muss nun das Grundgesetz umgeschrieben werden um fuer Muslimen akzeptabel zu sein...Dieses Palaver um diese Oper ist befremdend und unnoetig.Die Muslime,die hier wohnen haben das Recht nicht mitzumachen, aber die haben kein Recht dem Rest zu verbieten was wir sehen und hoeren duerfen.Aber offenbar fehlt es der deutschen Regierung an Rueckgrat um endlich mal 'Tacheles' zu reden und zu sagen wo das Ende der Fahnenstange ist.
Was meinen Sie denn damit?
da sage noch einer, von Schriftstellern kann man heute nichts mehr lernen. Grass sei Dank!
Warum geht jemand in eine Mozart-Oper?
Will er die Musik hoehren? Glaubt er, Mozart habe uns ausserdem etwas mitzuteilen? Oder will er ein's draufgesetzt bekommen?
Was koennten sich Opern-Regisseure erlauben, wenn sie von den Eintrittskarten leben muessten, wenn das Theater nicht staatlich alimentiert waere?
Warum muss eigentlich das staendige Bashing von Religion oder anderen Institutionen zum letzten Ausdruck unserer persoenlichen Freiheit gestylt werden.
Wer nachdenken will, kann es. Wer etwas zum politischen Diskurs beitraegen will, kann es. Es ist zu billig, wenn jetzt die (!) Staatl.Oper zum Schauplatz erhoben wird.
Willkommen bei den Festspielen der Deutschen Bananen-Oper Berlin.
Offensichtlich hat die Intendantin eher einen Grund für die Verschiebung der Oper gesucht, die Ursachen dafür sind sehr hintergründig. Vorstellbar ist noch eher, dass Sie durch die Haltung des Papstes, sich für seine neuesten Äußerungen gegenüber des Islams, zu entschuldigen, selbst verängstigt wurde. Was uns zeigt, wie wichtig doch das Festhalten seitens des Papstes an der Lebensphilosophie, die er Vertritt, ist und das er ebenso bewusster damit umgehen sollte.
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