Reportage Mobil gegen Neonazis

Was bringen eigentlich die Projekte gegen den Rechtsextremismus? Ein Besuch bei denen, die sich selbst als die „Frontschweine der Nation“ betrachten

Wer nie eine Zeitung gelesen hat, der muss Mecklenburg-Vorpommern für einen Vorposten des Paradieses halten. Das gilt zumal an einem goldenen Spätsommertag. Ausgedehnte Waldgebiete, schattige Alleen, langgestreckte Seen und über allem ein endlos blauer Himmel. Bestens sanierte Landstraßen führen durch Dörfer mit frisch gestrichenen Häusern. Nur die Plakate, die an jedem zweiten Laternenpfahl schaukeln, stören noch immer die Idylle. In den Tagen nach der Landtagswahl hat man erst recht das Gefühl, die NPD sei die einzige Partei weit und breit. Ihre Anhänger sind offenbar entschlossen, ihren Triumph zu genießen und die zwei Wochen, die ihnen zum Abhängen der Werbemittel bleiben, voll auszunutzen.

Ein wenig ändert sich das Bild, wenn man zweieinhalb Autostunden nördlich von Berlin die Stadt Neubrandenburg erreicht. Der fette schwarze NPD-Aufruf „Wehrt euch“ ist plötzlich viel weniger präsent. „Die Atmosphäre ist hier eine andere als in den Dörfern“, sagt Regine Krüger, „vielfältiger“.

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Die Vierzigjährige residiert in einem gesichtslosen Neubau im Gewerbegebiet von Neubrandenburg. „MBT“ steht an ihrer Tür. Das passt zu den vielen anderen Abkürzungen am Klingelschild des Hauses. Doch in diesem Fall verbirgt sich hinter den Buchstaben keine Gründerfirma und auch kein Rechtsanwaltbüro. Eher schon ist sie Teil einer Zwei-Frau-Feuerwehr. MBT steht für „Mobiles Beratungsteam für demokratische Kultur“. Wer immer im Südosten von Mecklenburg-Vorpommern einen braunen Brandherd gefunden hat, kann Krüger und ihre Kollegin zu Hilfe bitten. Öfter noch ist es umgekehrt: Die beiden Frauen rufen bei Bürgermeistern oder Schulen an, um sie darauf hinzuweisen, dass es unter deren Dach bereits lodert.

Krüger weist auf die große Landkarte, die hinter ihr hängt. Das Einsatzgebiet des MBT umfasst drei Landkreise. Wer es durchqueren will, benötigt mehrere Stunden. „Wir sind die Frontschweine im Kampf gegen rechts“, sagt sie sarkastisch.

In diesen Tagen allerdings ist die blonde Frau, die zu Jeans und grasgrünem T-Shirt eine ausgefallene Kette trägt, vor allem damit beschäftigt, Journalisten zu empfangen. Das liegt am Wahlerfolg der NPD, es liegt aber auch daran, dass die Bundesregierung ein neues Programm gegen Rechtsextremismus auflegen wird. Der Einsatz der mobilen Beratungsteams, die es in ganz Ostdeutschland gibt, drei davon in Mecklenburg-Vorpommern, könnte dadurch gefährdet werden. „Effektiver“ müsste man gegen den braunen Sumpf vorgehen, finden viele Politiker. Und versprechen sich neues Glück von einem neuen Ansatz. Messbare Erfolge will man endlich sehen, sinkende, nicht ständig steigende Wahlergebnisse für die NPD.

Wenn man Regine Krüger dergleichen vorhält, atmet sie erst mal tief durch, lächelt dann freundlich und fängt an zu erklären, wie ihre Arbeit funktioniert. Sie erzählt zum Beispiel von Burg Stargard, einem kleinen Ort in der Nähe Neubrandenburgs. Dort ließ sich ein junger Mann über eine Bürgerinitiative in die Gemeindevertretung wählen. Der Mann ist der Sohn der Leiterin des örtlichen Altersheims und arbeitet selbst im sozialen Bereich. Erst nach und nach wurden seine Beziehungen zur rechtsextremen Szene bekannt. „Das ist der neueste Trend“, sagt Krüger, während sie der Besucherin Tee eingießt. „Die Nazis haben die Bedeutung der Sozialarbeit entdeckt.“ Doch der rechtsextreme Gemeindevertreter aus Burg Stargard beließ es nicht beim beruflichen Engagement. In seiner Freizeit spielt er Fußball mit Schülern, die ihn liebevoll „Papa Runge“ nennen.

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