Auswanderung Nix wie weg!

Wo landen Deutsche, die das Land verlassen, wenn sie erfolgreich sind? Zwei Erfolgsgeschichten

Mehr über die großen Wanderungsbewegungen der Welt lesen Sie in einem Migrations-Spezial in der aktuellen Ausgabe der ZEIT

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Erlebt Deutschland einen „Brain Drain“? Der Begriff, den man locker als den Verlust der klügsten Köpfe in einem Land übersetzen kann, stammt aus den 60er Jahren. Damals wurde in Großbritannien und Kanada debattiert, ob Amerika ihnen die besten Forscher abwerbe. Seither wurde das Problem eher in Entwicklungsländern wie Indien oder China zum Thema, wo Fachkräfte und Akademiker in Scharen nach Amerika und Europa wanderten. Gibt es so etwas jetzt auch in Deutschland?

Klar ist jedenfalls, dass sich inzwischen mehr Deutsche ins Ausland abmelden, als Rückkehrer registriert werden. Rechnet man die Ankömmlinge gegen die Ausreißer auf, und klammert man dabei die Spätaussiedler aus, dann haben wir von 1993 bis 2005 unterm Strich mehr als 300.000 Deutsche verloren. Es ist, als hätte sich ganz Bielefeld aufgemacht. „Die höchsten Auswanderungszahlen seit 122 Jahren“, kommentiert Simone Eick, Historikerin am Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven.

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Fall 1: Der Workaholic

Christoph Niemann hat sich als frisch gebackener Einwanderer in die USA gleich krumm gelegt. Er hat sogar einen Bandscheibenschaden davon bekommen. „Mit einer Mappe unterm Arm“ kam der damals 26-Jährige 1997 in New York an, frisch weg vom Studium als Grafikdesigner an der Stuttgarter Kunstakademie, um erst mal hart um Aufträge zu buhlen und zu schuften. Seinen ersten Unterschlupf fand er in der rauen Avenue C in der Lower East Side „in einem Zimmer mit einer durchgeknallten Britin zur dritten Untermiete, bis sie uns rausgeworfen haben“. Dann wurde „ein kiffender Folksänger mit seinen Hunden im Greenwich Village“ sein Vermieter, bei dem Niemann nächtelang so krumm am Wohnzimmertisch zeichnete, bis er wegen seiner Wirbelsäule im Krankenhaus landete. „Als ich zurückkam, hatten die Hunde meine Bewerbungsmappe aufgefressen. Ehrlich, kein Witz.“

Doch Christoph wollte partout in New York sein Glück versuchen, ein Jahr mindestens durchhalten, und in diesem ersten Jahr sprudelten tatsächlich die Aufträge. Jetzt ist er schon ein Jahrzehnt lang dort, wohnt im gediegenen Brooklyn Heights, hat eine Frau und zwei Kinder und hält sich zu Recht für einen Selfmademan. In der Times , im New Yorker , in der Business Week sind seine Zeichnungen erschienen. Die New York Times bat ihn gar um eine Ausstellung auf den Gängen des Blattes, und obwohl Christoph inzwischen auch ein paar deutsche Kunden hat, „wäre das in Deutschland nie so gelaufen“, sagt er. „Ich bin da wirklich hingegangen, habe meine Mappe auf den Tisch gelegt und gesagt: Hallo, ich bin der Christoph.“

Für den Workaholic Christoph („Inzwischen ist es besser geworden“) ist das die eigentliche Qualität seines gewählten Heimat- und Arbeitsortes New York. Nicht von der amerikanischen Lebensart, nicht vom Multikulti Manhattans und der Boroughs, nicht von Bagels und Donuts schwärmt der selbst bekennende „Altlinke“ aus dem Schwabenland – sondern von dem, was er ohne viel Ironie den „Kapitalismus 2.0“ nennt. Christoph: „Wenn man in Deutschland ankommt so wie damals ich, dann sagen sie: Guck mal, da kommt ein Junger, dem zahlen wir weniger. Dazu hört man noch: Arbeite für uns, dann kannst du anderen zeigen, dass du schon mal bei unserem renommierten Blatt gearbeitet hast. Den Spruch habe ich in Amerika kein einziges Mal gehört.“

Amerikas aufgeklärte Kapitalisten, sagt Christoph, sehen es nämlich genau andersherum. Fremd ist neuartig, neuartig ist gut, und hartes Arbeiten muss sich lohnen. Wen wir beschäftigen, den nehmen wir für voll. Den bezahlen wir richtig. Den empfehlen wir sogar an andere Blätter weiter.

Und trotzdem: Selbst der erfolgreiche Selfmademan Christoph hat gelegentlich schon über eine Rückkehr nach Deutschland nachgedacht. Binnen zweier Jahre will er entscheiden, ob er nach Berlin geht, der Kinder wegen, und weil er „Deutschland, die Leute, die Sprache und die Kultur immer noch mag“. Ökonomisch gesehen wäre das ein gewagter Schritt, weil seine Kunden überwiegend in den USA sitzen, doch Christoph will einen Kniff der Globalisierung für sich nutzen: Virtuell würde er auch in Berlin ein Auswanderer bleiben.

„Heute ist das eine andere Welt“, sagt er, „ich könnte von Deutschland aus weiter für meine Kunden arbeiten und sogar meine New Yorker Telefonnummer mitnehmen“, glaubt er. „Die müssten das gar nicht wissen.“ Wenn es doch nicht klappt, dann eben nicht. „Die Tür zurück in die USA steht immer offen“, sagt Christoph.

Burkhard Schade

Burkhard Schade

Fall 2: Der Genießer

Wenn man Burkhard Schade besuchen will, nimmt man am praktischsten einen Flieger ins brasilianische Sao Paulo, einen Anschlussflieger nach Salvador, ein Taxi in die Innenstadt, einen Bus, eine Fähre, noch einen Bus in die Hafenstadt Camamu, ein Schnellboot durch die Mangroven, einen 20-minütigen Fußweg am Strand entlang und schließlich ein Kanuboot.

Okay, Burkhard hat auch ein wenig gebraucht, bis er den Strand seiner Träume fand. Elf Jahre ist das jetzt her. „Der Hauptgrund fürs Wegziehen war meine Frau, die hatte ich in Caracas am Flughafen kennen gelernt“, erzählt Burkhard. 1995 fasste er den Entschluss, in seiner Heimat alles zu verkaufen, die Wohnung aufzulösen, ein paar persönliche Besitztümer bei seiner Schwester unterzustellen. „Die Wachmaschine habe ich verkauft, dann die Möbel, und dann war mit einem Mal alles futsch“, erzählt er. „Da habe ich mein Geld zusammengekratzt, habe ein Jahr in Rio gewohnt, wo meine Frau als Ärztin arbeitete, schließlich ein Auto gekauft und bin die Strände abgefahren.“

Burkhard hatte immer schon zum Abenteurertum geneigt: Sechs Monate im Jahr hatte er früher auf Schiffen angeheuert, war in die Karibik gereist und an viele andere Orte der Welt. Burkhard hatte auch immer schon zum harten Arbeiten geneigt, sagt er. Den Rest des Jahres führte er in Hannover ein Fanlokal für den Fußballclub Hannover 96, „und das ist fantastisch gelaufen, das gibt es heute noch, und es ist bis heute als Nummer eins unter den Fanlokalen etabliert“. Darauf ist er stolz.

An Burkhards frisch entdecktem Traumstrand war denn auch nicht nur Baden angesagt. „Ich habe hier niemals still rumgesessen“, sagt er, dafür hätte sein Geld aus Deutschland auch nicht gereicht. Es waren etwa 80.000 Dollar. „Man gestaltet hier sein Leben selber, setzt die Regeln selber, baut alles mit den eigenen Händen auf“, sagt der Auswanderer. Aus Naturstoffen in der Umgebung baute er einen kleinen Gasthof mit sechs tropischen Hütten auf, am Strand entstand seine „Bar do Alemao“, übersetzt: die Kneipe des Deutschen, und „zu tun habe ich seither die ganze Zeit“, sagt er. Weil es mit dem Häuslebauen so gut klappte, errichtete er seither – gegen Gebühren – auch Häuser für andere Neuankömmlinge in seinem Inselparadies. „Inzwischen können wir gut davon leben“, sagt er.

Sogar die alten Gäste aus seiner Hannover-96-Fankneipe hat er inzwischen schon häufig wieder gesehen. Alle paar Jahre besuchen welche die Pension und die Strandkneipe ihres abenteuerlustigen Wirtes, der das selber ziemlich lustig findet: „In gewisser Hinsicht habe ich meine Fankneipe hier an den Strand verlegt.“ Er war vor zehn Jahren das letzte Mal in der alten Heimat, seine Mutter kommt zweimal im Jahr, seine Tochter aus Deutschland besucht ihn ebenfalls ab und zu. Ans Zurückziehen denkt er gar nicht. Burkhard bleibt im Schatten seiner Palmen, mit dem Blick auf einen Mangrovenfluss und den Dschungel zu seiner Rechten und die lauschige Inselwelt vor der Küste Bahias zu seiner Linken.

„Natürlich war das eine schwierige Entscheidung am Anfang“, sagt er. „Am Anfang hast du keine Freunde, mit denen du reden kannst. Aber Angst hatte ich nicht, ich bin da nicht so ängstlich.“ Und der Kulturschock? „Man muss sich eben daran gewöhnen, dass hier nicht alles so funktioniert wie in Deutschland und dass die Leute anders denken und andere Ideale haben“, sagt er. „Darauf, dass die hier eine grüne Partei gründen, warte ich bislang noch vergeblich.“

Mehr über die großen Wanderungsbewegungen der Welt, über Chinesen in Übersee, integrierte Gastarbeiter in Deutschland und Briten, die sich vor Rumänen und Bulgaren fürchten, lesen Sie in einem Migrations-Spezial in der aktuellen Ausgabe der ZEIT

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Leser-Kommentare
    • Meusa
    • 28.09.2006 um 7:49 Uhr

    Wo bleiben wohl unsere beiden Experten, wenn Sie wichtige medizinische Hilfe (Dialyse, Transplantation, etc) benötigen oder wenn Sie Ihre Kinder studieren lassen wollen? Richtig! Und wer hat all die Zeit in dieses System eingezahlt? Richtig! Ein neue Form der Rosinenbomber, die überall auf der Welt sich die Rosinen rauspicken, um dann Jahre später unser Sozialsystem zu belasten. Solange der Mensch jung ist fallen wenig Kosten an, dass liegt nun mal in der Natur der Dinge.

  1. Ich bin mit Ihren Meinungen nie sehr einverstanden, aber Sie bringen mich mit Ihrem jetzigen Beitrag gehoerig zum Lachen. Ich stimme Ihnen sogar bei allem zu bis auf Ihren Hass auf die Immigranten. Die Probleme der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft sind die Probleme der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft und nicht die der Minderheiten im Land. Es muss sich hier vieles aendern, das Land muss dynamischer, produktiver, effizienter werden, aber es muss nicht zurueck in eine idyllische blond-blauaeugige Welt, wie sie nur vor vielen Jahrzehnten existierte. In der Tat waere ein von Ihnen gewuenschtes "reines" Deutschland ueberhaupt nicht mit dem Rest der Welt kompatibel oder konkurrenzfaehig, es waere auch kulturell und wirtschaftlich aermer.

    • 3y3Q
    • 28.09.2006 um 10:20 Uhr

    Mit Freßnapf meinte ich nicht ausschließlich unser sozialsystem, sondern auch (und vielmehr) unser geographisches Schlaraffenland. Derzeit befindet sich die Hauptmigrationsquelle im Süden Europas, dh aus durchweg wasserarmen Gegenden. Hier jedoch, wie in ganz West- Mittel-, Ost- und Nordeuropa, besteht auf Mittelfristige Sicht keinerlei Wasserproblem. Wir haben eher zu viel. Zudem ist Europa von dort aus wesentlich einfacher zu erreichen als zB die USA.
    Mit den Hugenotten stimme ich Ihnen zu, jedoch handelte es sich um eine kleine Gruppe von Auswanderern. Es ist ja nicht so, dass wir in D keine qualifizierten Einwanderer haben; die meisten Persischstämmigen zB. sind hier ja bestens integriert und erfolgreich.

  2. Ich wollte nur mal auf den Zahn fuehlen...wenn Sie wollen, Ihre Flexibilitaet pruefen...wenn ich mich nicht irre steht es mir frei meine Meinung in der Sprache meiner Wahl zu schreiben oder ist deutsch 'muss' ? Sie sind doch sicherlich einer der Deutschen(oder nicht Deutschen) die sich als Europaer ausgeben wenn sie im Ausland sind...Ausserdem,lernen doch heute schon die Kleinen im KIGA english ...dann denke ich dass sie einer der Deutschen sind die sich im Ausland als Europaer ausgeben,von der Sorte laufen genug herum. Ausserdem ist es keine Frechheit mehrsprachig zu sein man muss es nur koennen.Dann kann man ,wie ich es taeglich mache , dank des Internets in anderen europaeischen Zeitungen blaettern z.B die in Norwegen,Holland und Daenemark und keine von denen sind in der deutschen Sprache gedruckt.

  3. ... das Land, das die Einwanderer annimmt, kann sie sich nicht aus-suchen. Anders als "begehrt zu sein/bleiben".

    Die Aus-Suchung macht der Einwanderer. Er legt seine Stimme ab mit seinen eigenen Fuessen. Er macht eine Entscheidung, die schwerer und "teurer" (in Folgen) ist als der Entschluss zu heiraten.
    Meistens ist es die richtige Entscheidung. Vor allem fuer diejenigen, die "denken" koennen und die wissen, es erklaeren koennen, warum sie sich von ihrer Heimat verabschieden (einschliesslich der vielen Europaer, die in den US in dem letzten Jahrhundert aufgetaucht sind).

    Dort in den US, mehr als vier Fuenftel der "Reichen" kamen nicht aus dieser Schicht, der Schicht der existierenden Reichen!

    Sie, die es schaffen, haben es selbst gemacht. Und viele sind Einwanderer. Wenn es ihnen fuer sich selbst nicht gelingt, ihre Kinder sind prozentweise mehr erfolgreich als die US-Geborenen.

    Man muss sich ueberlegen, warum das so in den US ist. Und ob es auch so in Europa geht?

  4. Gerade noch habe ich den Artikel über den "Akademikernotstand" vor Augen (Deutschland würde im Weltvergleich zu wenig Hochschulabsolventen produzieren) da folgt auch schon der nächste Artikel. Diesmal jedoch emigrieren die "Jungen und Dynamischen" gut Ausgebildeten.

    Möglicherweise ist die Ausbildung in Deutschland doch nicht so schlecht nur dass "der Markt", aus welchen Gründen auch immer, zur Zeit nicht so viele Absolventen benötigt?

  5. @ mein saft
    Hallo mein saft, nur zur Erinnerung, weil ich auch in dieser Zeit gelebt habe: Das Eingeständnis ein Einwanderungsland zu sein, hätte definitiv nichts an der Entwicklung geändert. Denn die Grünen hätten sich der Erkenntnis nicht verschließen können, dass ein Einwanderungsland dann auch die Kritieren an die Neubürger anlegen darf, wie sie von den USA und Australien schon länger in Gebrauch sind, und verkürzt lauten: NUR DIE BESTEN.
    Wäre man in Deutschland so verfahren, hätten die GRÜNEN sofort von Selektion gekreischt, und Selektion heisst Auschwitz.
    Kein (CDU-) Politiker hätte das ausgehalten.
    Grüsse

    • SMunk
    • 28.09.2006 um 23:02 Uhr

    Gerade gut ausgebildete junge Menschen möchten aus Ihrem Leben etwas machen, etwas bewegen zu jemandem werden und sein.

    Seit den 70-iger Jahren hat es die 68-iger als letzte radikale politische Gruppe in die öffentlichen Ämter gezogen, anstatt in die Veränderung der Gesellschaft, wo Sie sich als ehemalige Revolutionäre um 180 Grad gedreht haben und eine gewaltige Bürokratie aufgebaut haben.

    In der freien Arbeitswelt und mehr noch im Beamtentum herrscht in Deutschland immer noch das Hierarchieprinzp und die Seniorität, die es leistungstarken jungen Menschen unmöglich macht erfolgreich zu sein, während unqualifizierte Alte mit zunehmendem Lebenmsalter immer höhere Gehälter kassieren.

    Heute gibt man den Jungen im Land noch nicht einmal mehr Ausbildungsplätze oder qualifizierte Jobs nach dem Studium, so dass Sie keine Alternative mehr haben als auszuwandern.

    Der Mehltau der Alten liegt reaktionär und bewegungsfeindlich gegen Innovationen und Veränderungen auf dem Land.

    Angela Merkel, die mit der FDP und Ihrem Paul Kirchhof einen mutigen Wahlkampf geführt hat, mußte an diesem stumpfsinnigen Denken des überalterten Volkes zerschellen.

    Wer noch etwas vom Leben will, wird sein Glück nicht im überregulierten und leistungsfeindlichen Deutschland suchen,was dazu führt, dass elitefähige junge Menschen abwandern und woanders erfolgreich sind, während Ihre Plätze von Armutsmigranten ohne Qualifikation eingenommen werden.

    Deutschland verfügt im Segment der 25 -50 jährigen nur noch über schwache aktivierbare Leistungspotenziale, weil die noch in Deutschland Lebenden frustriert sind und Ihre Flucht in konsumtiven Hedonismus oder doch in die Nische des kleinfamiliären Spießerglücks betreiben.

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