Schwarz-Rot-Gold Pazifistischer Patriotismus

Deutschland hatte es nicht leicht mit mir. Noch Jahre nach der Einheit verweigerte ich meinem Land die Nennung - es klang wie Doitschland. Bundesrepublik - das klang erfolgreich, saturiert und berechenbar.

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Mit der deutschen Einheit wurde aus Deutschland ein Recke. Was macht ein erwachender Recke? Er streckt die Glieder, spielt mit den Muskeln und entdeckt seine Kraft. Das geht bekanntlich am besten beim Kaputtmachen. Ich war gegen die deutsche Einheit, weil ich fürchtete, dass Deutschland da weitermacht, wo es zuletzt aufhören musste. Schon das Wort "Wiedervereinigung" fand ich verdächtig. Wenn es ein Deutschland in den Grenzen von 1990 nie zuvor gab, was bitte ist denn dann an dieser Vereinigung das Wieder? Sollte das etwa noch kommen, das Wieder?

Die Antwort gab die Zeit. Seit 1990 sind ein paar Jahre vergangen, und auf eines konnte ich mich immer verlassen: auf unsere Harmlosigkeit. Dank ihr kann ich das Wort Deutschland in den Mund nehmen, ohne hackenknallende Assoziationen. Ich bin gerne Deutscher und egal in welches Land es mich verschlägt, sage ich es auch gern. Unser Ansehen in der Welt ist sensationell. Deutsche Technik funktioniert, Entwicklungshilfe geben wir gern, im Umweltschutz sind wir vorbildlich, am Reiseweltmeister verdienen alle irgendwie, mit Unilateralismus haben wir nichts zu tun, und weder im Irak-Krieg noch in Abu Graib waren Deutsche dabei. Deutsche Außenpolitik hat etwas von Einschaltquote: Wir senden nur, was gefällt. Und was auf Ablehnung trifft, wird nach einem Piloten aus dem Programm genommen.

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In diesem Jahr ist viel über einen neuen Patriotismus gesprochen worden. Gibt es ihn? Brauchen wir ihn? Und was ist das überhaupt?

Begriffe wie Patriotismus, Vaterlandsliebe, Heimatliebe mag kein moderner Mensch mehr anfassen. Diese Begriffe sind geschunden, missbraucht - und durchschaut. Doch da diese Begriffe starke und authentische Gefühle ausdrücken, lassen sie sich nicht einfach abschaffen. Zugehörigkeit oder Verbundenheit sind moderne, behutsame und vor allem unschuldige Worte für das gleiche Phänomen.

Der alte Patriotismus ist tot, endgültig. Jetzt ist etwas da, das diese Leerstelle besetzt. Es ist ein neuer Patriotismus. Neuer Patriotismus heißt: nicht der alte. Ein anderer. Denn der alte Patriotismus lebte in einem Deutschland, das es nicht mehr gibt. Der heutige Patriotismus unterscheidet sich vom alten Patriotismus in dem Maße, wie sich das heutige Deutschland vom alten unterscheidet. Und wenn ich das geklärt habe, kann ich der Versuchung kaum widerstehen, mit mir einen Patrioten auszurufen.

Ich fühlte mich als Deutscher ausgesprochen wohl, ich war fast sogar stolz darauf, Deutscher zu sein, als sich Schröder dem Irak-Krieg verweigerte. Und die Fußball-Weltmeisterschaft, bei der ich zum ersten Mal fröhlich die deutsche Fahne schwenkte und ebenso fröhlich in den Farbtopf griff, um mir Schwarz-Rot-Gold ins Gesicht zu schmieren, war ein Fest - und kein Feldzug wie der Sommer 1914, als vermutlich zum letzten Mal eine solche Deutschlandseligkeit grassierte. Mich selbst betrachtend und in -ismen sprechend halte ich mal fest: Der Pazifismus ist ein konstitutives Element des neuen Patriotismus.

Leser-Kommentare
  1. dass die gute alte tante zeit einen text bringt, der zuvor nicht nur im deutschlandfunk zu hoeren, sondern auch im koelner stadtanzeiger zu lesen war, stimmt nachdenklich. seit wann hat die zeit es noetig, mehrfachverwertungen von pauschalisten zu verwursten? brussig ist fuer mich nichts weiter als ein trendsetter in schwarzrotgold.1995 suchte er erfolgreich sein heil bei den bundesrepublikbeschimpfern der generation trabbi, heute fluechtet er in die muetterlichen arme von jutta limbach ins goethe-institut.lieb vaterland, magst brussig sein....(patriot kommt uebrigens aus dem lateinischen, herr brussig). naeheres dazu in meinem blog http://erlkoenigstochter....

  2. ..das fehlt uns, Patriotismus und Religiosität. Es sind doch genau diese Werte, die viele Ausländer hier leben, und die uns erschrecken , aber auch beschämen: Religiosität und starke Bindung an ihre Heimat.
    Hierzulande muss man sich ja aufgrund jahrelanger linksgrüner Demagogie geradezu schämen, wenn man solche Werte verkündet, oder wird flugs in die rechte Ecke gestellt.
    Dank an Arnulf Baring, der sich den ganzen gottlosen und antideutsch rassistischen Umtrieben entgegenstellt.
    Wenn wir inmsgesamt da nicht umdenken, werden es die Rechtsradikalen für uns tun.
    Wollen wir das?

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