Schwarz-Rot-Gold Ein starkes Europa bauen

Kein Volk sei so selbstkritisch und neige so zur Selbstzerfleischung wie die Deutschen, sagte Thomas Mann im Mai 1945. Wir haben uns kaum geändert.

Als Thomas Mann im Mai 1945 zum Ende des Zweiten Weltkrieges in der Washingtoner Bibliothek des amerikanischen Bundesparlaments sprach, da ging er mit unserem Land sehr kritisch um. Doch am Schluss seiner Ansprache ließ er die Zuhörer in seine eigene deutsche Seele schauen: Dass ich so zu Ihnen über Deutschland gesprochen habe - so etwa formulierte er -, das zeigt, dass ich selbst ein Deutscher bin. Denn kein Volk sei so selbstkritisch und neige so zur Selbstzerfleischung wie die Deutschen. Ich denke, wir haben uns kaum geändert.

Überlegen Sie doch mal: Wir haben seit 1989 die erste Osterweiterung der Europäischen Union - ich meine natürlich unsere Wiedervereinigung - fast reibungslos im eigenen Land vollzogen; wir bauten den ehemaligen Ost-Staat, DDR, größer als die Niederlande, in 15 Jahren wieder auf; weltweit sind wir der größte Exporteur von Waren und der drittgrößte von Dienstleistungen - aber wir diskutieren nur darüber, was uns fehlt.

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Mehr "Stolz" wird uns empfohlen; eine deutsche "Leitkultur" sollen wir formulieren; unsere "Identität" wiederfinden. In unserem persönlichen Leben würden solche Vorschläge wenig fruchten: Wer seine Identität erst suchen muss, der hat wohl keine; wer seine Lebensvorstellungen erst aufschreiben muss (also seine "Leitkultur"), dem wird sich bald die Feder sträuben; und Stolz hat man, oder man hat ihn nicht.

Wir alle waren erstaunt von der fröhlichen Stimmung während der Weltmeisterschaft. Und mancher erwartet nun vom freudigen Mut der deutschen Nationalmannschaft einen Aufschwung aus der deutschen Verzagtheit. Aber was hatte denn diesen Stimmungswandel in Deutschland verursacht? Ich denke es war so: Die Klinsmänner hatten zunächst ein Ziel: nämlich die Weltmeisterschaft. Sodann den Mut zu neuen Wegen, zum Risiko. Und dann kam eben das, was glücklich macht: das Erfolgserlebnis. Aber ohne den Mut zum Risiko hätte es dieses Erfolgserlebnis wohl kaum gegeben!
Was ist daraus zu lernen? Deutschlands Aufgaben und Ziele gilt es zu verstehen und nicht Deutschlands "Stolz" oder "Identität" zu suchen. Und diese Ziele müssen mehr sein als wirtschaftlicher Erfolg. Ich denke die Aufgabe heißt: ein starkes, friedliches Europa zu bauen.

Wir Deutschen besitzen viel für eine wichtige Rolle im Einigungsprozess Europas. Zunächst: Keine Nation Europas hat so viele Nachbarn: Wir sind eben die geographische Mitte, auch der größte Sprachraum des Kontinents. Kein anderes Land in Europa besteht aus einem West- und einem ehemaligen Oststaat. Wir kennen also beide europäischen Erfahrungen. Anders als alle unsere Nachbarn leben wir auch in einem Gleichgewicht der Konfessionen von Katholiken und Protestanten. Bis zu den Verbrechen der Nazi-Jahre waren auch Juden und Christen bei uns kulturell eng verflochten; und nun erleben wir ein Wiedererstehen jüdischer Gemeinden. Auch eine bedeutende muslimische Gemeinschaft wächst.

Leser-Kommentare
  1. Auf dem Niveau traditioneller Anschauungen mag D. recht- haben. Aber was soll's - in Wirklichkeit kranken die Deutschen an etwas anderem. Wir muessen immer Recht haben, "richtig" sein, alles moralisch ueberhoehen und unter eine hoere Idee stellen. Warum koennen wir nicht einfach leben?
    Einfach politisch das tun, was heute anliegt und machbar ist. Kompromisse schliessen. Unseren Interessen folgen. Uns geht's an Realsinn ab.
    Europa ist keine tragfaehige Ideologie, die leute glauben es doch schon nicht mehr.
    Was sollen denn die Bezugnahmen auf die WM und die Nationalmannschaft? Ist das wirklich relevant? Oder, um weiterzuspinnen, was muessen wir nicht alles ertragen, wenn wir eine Mozartoper hoeren wollen.....

  2. Ein schöner Anfang von SElbstkritik wäre der Satz ICH AUCH nach "So sind fast alle!" in Ihrer Suada gewesen. Es gehört immer einer mehr dazu, als er denkt...

  3. Hab ich doch! Mitten drin hab ich geschrieben, dass ich genauso bin. Ich nehme mich nicht davon aus, schließlich bin ich hier sozialisiert worden. Es ist allerdings auch schwer in einer Gesellschaft andere Verhaltensmuster anzunehmen wenn alle so sind. Wenn man es versucht fällt man oft genug wieder zurück da man nun mal von der Welt in der man lebt beeinflusst wird. Umso wichtiger ist es, dass dieses Grundgefühl, welches die ganze Bevölkerung umgibt, auch ins Bewusstsein der Menschen vordringt. Ich verhalte mich nicht immer sozial, manchmal rücksichtslos, aber wieso? Weils alle tun! Erst wenn die Mehrheit der Menschen in dieser Sache, und das heißt bei sich selbst, Handlungsbedarf erkennen, erst dann kann sich dieses Volk auch selbst therapieren. Und bewusst wird es den Menschen nur indem es ein Thema von öffentlichem Interesse wird mit dem sich Politik, Medien und Wissenschaft gleichermaßen beschäftigen. Die Volkspsyche ist doch bisher eher ein Außenseiterthema welches nicht ernst genommen wird, so wie überhaupt die Psychologie von vielen als Spinnerei abgetan wird. Aber auch dahinter steht nur Verdrängung. Man will seine eigenen Probleme nicht wahrhaben, genauso wenig wie die Probleme des Landes. Verdrängung bekommt man nur durch eines weg: Konfrontation mit der Wirklichkeit! Zwischen Hartz IV-Abzockern, sich selbst bereichernden Managern und posenden Politikversagern fehlt mir jeder Bezug zum kategorischen Imperativ. Vielleicht sollte man einfach mal die Frage stellen welche Rolle die Vernunft heute noch im alltäglichen Leben spielt. Hat sie je eine Rolle gespielt? Manche meinen ja die Aufklärung wäre beim Volk nie angekommen, aber es ist schlimmer, denn auch fast alle Menschen in Verantwortung haben sich mittlerweile davon verabschiedet. Aber wie soll man auch vernünftig sein ohne Integrität und ohne Selbstkritik?

  4. Sie haben recht, es ist mir nur in dem recht langen Text entgangen. Ich bitte um Entschuldingung (und leiste also hiermit meinen Teil an der Selbstkritik;-))

  5. "wir bauten den ehemaligen Ost-Staat, DDR, größer als die Niederlande, in 15 Jahren wieder auf" außer neue straßen angrenzende fassaden und discounter eher ein sozio-ökonomischer und kultureller abbruch.... naja kolonialisten und ihre wahrnehmung

  6. Klaus von Dohnanyi spricht als ein typischer Repraesentant der alten Bundesrepublik. Das Argument dieser alten Garde lautete: Die Deutschen seien aufgrund ihrer Nazi-Vergangenheit ein gebrandmarktes Volk, und duerften deshalb - anders als die Franzosen, die Briten, die Italiener und praktisch jedes andere Volk auf dieser Welt - so etwas wie Nationalstolz nie mehr empfinden, und zwar fuer immer.

    Dieses Argument stoesst inzwischen besonders bei der juengeren Generation nur noch auf Unverstaendnis. Wie die Fussball-WM eindruecklich gezeigt hat, haben die jungen Deutschen ein wesentlich unverkrampfteres Verhaeltnis zu ihrem Land und zu ihrer deutschen Identitaet, als dies die von der Kriegserfahrung gepraegte Generation noch hatte.

  7. Nanu... Wo ist denn mein erster Kommentar hin?
    Scheint da wohl jemandem nicht gefallen zu haben.
    Vorsicht, Freidenker!
    Entschuldigung wenn meine Formulierungen nicht ganz so fein waren aber ich komme aus dem Ruhrgebiet und da lernt man kein "Benehmen". Vermutlich ist die "Sorge" darum mein Kommentar könnte jemanden erbosen einfach zu groß.
    Vielleicht ist ein Grund für die geistige Stagnation in diesem Land auch der, dass jede Sprache die sich zum aufrütteln eignet von vielen gleich als beleidigend eingestuft wird. Deutschland ist ja bekanntlich ein Land der Überreaktionen. Lässigkeit? Nicht in Deutschland!
    Aber ein Land des Schweigens zu sein ist ja bekanntlich die Vorraussetzung dafür ein Land des Lächelns zu werden. Das Bürgertum in Deutschland hat sich offenbar ein ganz eigenes "Reich der Mitte" geschaffen.
    Wie gut, dass man in Zeiten des Internets nicht mehr auf Mainstream-Zeitungen wie die Zeit angewiesen ist und seinen Standpunkt in unzähligen Foren und Blogs posten kann.
    Vielleicht ist dies auch der Anfang einer neuen Bundesrepublik. Ich bedaure, dass gerade wir jungen Leute zahlenmäßig zu wenig sind um den Baby Boomern jetzt was entgegen zu halten. Aber jede Generation stirbt bekanntlich mal aus.

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