Schwarz-Rot-Gold Globalisierung kümmert sich nicht um Vaterländer
Wird es die nächsten 50 Jahre so weiter gehen, dass wir in schöner Regelmäßigkeit einen so genannten neuen Patriotismus zum öffentlichen Thema machen?
BILDUnd dann staunend feststellen, dass man darüber sprechen und halb sorgend, halb triumphierend konstatieren kann, er sei nun ungefährlich und begrüßenswert geworden? Was ist denn im letzten Sommer geschehen? Und was motiviert diese regelmäßigen Anfragen, vor allem in den Medien?
Es ist wahr, begünstigt durch das blendende Sommerwetter, hat sich in Deutschland unter den Deutschen selbst und auch unter den Gästen während der Fußball-Weltmeisterschaft eine unerwartet heitere Versammlungsfreude entfaltet, an vielen Autos flatterten Fähnchen in den deutschen Nationalfarben - dies war eine neue Mode -, und die Überraschung über das gute Abschneiden der deutschen Mannschaft löste Frohsinn aus. Wäre das alles genauso geschehen, wenn kaltes und regnerisches Wetter die Weltmeisterschaft begleitet hätte? Vermutlich wären die Fanmeilen leerer geblieben, das Bier danach in der lauen Sommernacht wäre ausgefallen, und die Begeisterung hätte sich in Grenzen gehalten, weil sie sich in geschlossenen Räumen hätte abspielen und damit aufsplittern müssen.
Die spürbare Freude der Gäste wie der Deutschen rührte, so meine ich, zunächst aus der unerwarteten Chance, Tag und Nacht, ja bis spät in die Nacht hinein gemeinsam zu feiern - mit der Betonung auf gemeinsam: Alle hatten dasselbe Thema, die jeweiligen Spielergebnisse und historische Vorläufer, alle konnten sich auf Erlebnisse beziehen, die sie gemeinsam erfahren hatten und die sie einten. In einer medial weitgehend zersplitterten Öffentlichkeit stiftet es Gemeinsamkeit, wenn man sich über dasselbe Erlebnis austauschen kann, über Schichten, Regionen, Generationen und nationale Grenzen hinweg. Das kommt einem Bedürfnis entgegen, das man geradezu als anthropologische Konstante bezeichnen mag: dem Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit. In manchen amerikanischen Städten hat man schon vor Jahren die Einsicht, dass gemeinsame Themen ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl auslösen können, praktisch umgesetzt und jeweils ein "Buch" des Jahres ausgerufen, das dann in Schulen, Kirchengemeinden, Freundschaftskreisen gelesen wurde und die Städte geistig hat zusammenwachsen lassen.
Zur Freude der Deutschen hat vermutlich auch beigetragen zu sehen, dass man selbst bei uns mit eigenwilligen Schritten ein Ziel erreichen kann, das alle schon aufgegeben hatten. Das war eine Freude der Ermutigung und mag auch in Zukunft dazu anregen, sich auf Neues einzulassen und nicht immer schon zu wissen, dass sowieso alles schief geht.
- Datum 27.09.2006 - 13:38 Uhr
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- Quelle Deutschlandfunk, 27.09.2006
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ich kann Ihnen nicht ganz zustimmen, wenn Sie schreiben, dass "Nationalstaaten durch Patriotismen" zusammengehalten werden. Natürlich erlaubt die kurze Form Ihres Artikels nur eine verkürzte Darstellung, aber hier scheint mir das zu kurz: was ist mit einer gemeinsamen Sprache, einer gemeinsamen Kultur (auch wenn man augenzwinkernd fragen darf, ob die Deutschen eine solche besitzen;-)), oder auch solch prosaischen Dingen wie landesweit gültigen Gesetzen (und den ihnen zugrundeliegenden Vorstellungen einer funktionierenden Gesellschaft) als "Kitt" für einen Nationalstaat?
Sicher, vieles davon teilen wir mit unseren Nachbarn bzw. der so genannten "westlichen Welt", aber manches ist auch einzigartig. Und dazu braucht es gar keinen "Patriotismus", um uns daran zu erinnern: gerade im Austausch mit einer globalisierten Welt werden einem diese Unterschiede mitunter wiederholt und drastisch vor Augen geführt. Das Bewußtsein dieser Differenzen ist nun sicher nicht das, was unsere "Patriotismus"-Befürworter im Sinn haben. (Beiläufig: Mir kommt bei diesen Gestalten immer das Tucholsky-Zitat in den Sinn, das da lautet: "Wenn Dich aber einer fragt, ob Du ein Patriot seist - dann hau' ihm eine runter!") Aber es scheint ebenso gut möglich, dass die Nationalstaaten gerade aus der Globalisierung und aus der permanenten Präsenz der Unterschiede eine unerwartete Stärkung erfahren werden.
Das ist nur eine Möglichkeit, die per se weder gut noch böse ist, und muss keinesfalls in einer Katastrophe enden. Aber es überrascht mich, wie wenige Menschen öffentlich über diese Alternative nachdenken. Nachher könnten dann wieder alle sehr überrascht sein, dass die Utopie einer globalisierten Welt (die gerade die marxistische Utopie abzulösen scheint;-)) nicht wie gedacht funktioniert...
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