Thomas Straubhaar glaubt daran, dass der Mensch mehr wagt, wenn er dabei auf festen Grund bauen kann. Während in Berlin um Kombi- oder Mindestlohn gestritten wird, träumt der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) von einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle. Spötter sehen in dem Vorschlag nur intellektuelle Spiegelfechterei. Denn die Idee des Grundeinkommens geistert schon seit vielen Jahrzehnten durch den ökonomischen Diskurs, vorgebracht mal von linksalternativen, mal von liberalen Denkern. Folgen für die Praxis hatte sie bislang aber nicht.

Doch so abseitig ist der Gedanke nicht, und er wird deshalb immer wieder in den politischen Parteien diskutiert. Zuletzt beispielsweise beim Zukunftskongress der Grünen vor wenigen Wochen. Oder in Thüringen bei der CDU. Dort hat Ministerpräsident Dieter Althaus erst vor kurzem vorgeschlagen, ein Grundeinkommen von 800 Euro an jeden erwachsenen Bürger zu zahlen.

Was Ökonom Straubhaar vorschlägt, klingt so: Der Staat zahlt allen seinen Bürgern jeden Alters gleich, ob sie eine Arbeit haben oder nicht ein Grundeinkommen, welches das Existenzminimum absichert. Dafür werden alle Sozialleistungen aus der Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung abgeschafft. Der riesige Verwaltungsapparat, der heute unser Sozialsystem am Laufen hält, würde dadurch überflüssig. Lediglich eine verpflichtende private Krankenversicherung will Straubhaar erhalten. Die Löhne werden in seinem Modell, anders als heute, völlig frei verhandelbar.

Die Höhe des Grundeinkommens müsse die Politik festlegen, sagt Straubhaar. Er selbst stellt 700 Euro in den Raum, weil dies in etwa die Summe sei, die schon heute alle Hilfen eingerechnet vom Staat an die Empfänger von Arbeitslosengeld II gezahlt wird.

Mehr Freiheit, keine Bürokratie mehr. So lässt sich Straubhaars Idee zusammenfassen. Gesellschaftliche Konflikte würden vermieden. Gleichzeitig bleibe der Anreiz zu arbeiten erhalten, sagt er, denn: "Jeder will schließlich einen gehobenen Lebensstandard erreichen." Für alle, die arbeiten, sei das Grundeinkommen nichts anderes als ein Steuerfreibetrag.

Womit man dann schon nahe an der Frage ist, wer all die Steuermillionen denn aufbringen soll, die dann als Grundeinkommen ausgezahlt werden müssten? Der Konsument, ist Straubhaars erste Antwort. 25 Prozent Mehrwertsteuer sei problemlos drin, bevor die Menschen zum Einkaufen ins Ausland reisten, 30 Prozent seien wünschenswert. Hinzu käme als zweiter Schritt ein für alle gleicher Einkommenssteuersatz in Höhe von 25 Prozent.

Deutschland würde lebenswerter, wenn die Politik seiner Idee folgte, glaubt Straubhaar. Durch ein Grundeinkommen würde die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft massiv steigen, erwartet der Ökonom. Das klingt auf den ersten Blick paradox, aber ein gutes Argument spricht dafür: Die Lohnnebenkosten fielen komplett weg.

Zwar rechnet Straubhaar damit, dass die Löhne nach Einführung des Grundeinkommens steigen werden, weil die Arbeitnehmer nicht mehr jeden Job annehmen müssten. Die Unternehmen hätten dadurch aber nicht unbedingt höhere Kosten. Sie könnten die Lohnzuwächse mit dem Geld bezahlen, das sie heute noch in Form von Sozialabgaben an den Staat abführen. Gleichzeitig würde mit den Löhnen auch die Kaufkraft steigen, erwartet der Ökonom.

Allerdings müssten einfache, aber unattraktive Arbeiten wohl auch wesentlich teurer bezahlt werden, damit sich jemand findet, der sie tut. Das wiederum würde den Kostenvorteil der Unternehmer verringern und, falls die Preise dadurch steigen, auch den Kaufkraftgewinn der Konsumenten.

So visionär die Gedankenspiele um solch ein Grundeinkommen bislang waren, sie hatten immer eines gemeinsam: Sie kamen nie in die Gefahr, sich jemals an der Wirklichkeit messen zu müssen. Straubhaars Modell könnte es ähnlich ergehen. Das sieht der Ökonom selber so, und doch: "Die Zeit arbeitet für mich." Ein immer größerer Teil der Bevölkerung werde gegenwärtig von Sozialtransfers oder Renten abhängig. Das erhöhe den Druck, sich über einen Systemwechsel zumindest Gedanken zu machen. "Ohnehin ist mein Vorschlag ein strategischer für die kommenden 20 Jahre und nicht für Kurzfristpolitik geeignet."

In der Politik gewinnt die Idee gegenwärtig wieder an Raum. Auch auf dem Zukunftskongress der Grünen zogen die Teilnehmer eines Workshops diesen Schluss: "Wir brauchen eine armutsfeste Grundsicherung, die die Notwendigkeit der Teilhabe an der Gesellschaft beinhaltet." Das schließt aus Sicht der Grünen auch die Teilhabe am Arbeitsleben ein.

Ob das dasselbe meint wie Straubhaar, darf bezweifelt werden. Denn das Grundeinkommen, wie der Ökonom es will , sichert nur die nackte Existenz was die Menschen daraus machen, bleibt ihnen selbst überlassen. Wer also gewinnt? Im vergangenen Jahr ließ sich Straubhaar noch so zitieren : Das garantierte Einkommen diene dazu, dass "der Gutverdienende und der Kapitalist in Ruhe ihre Arbeit machen können."

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