London Wir wollen Jazz!
Lautstarker Protest vor der Royal Albert Hall: Schwarze Musiker spielen gegen den Mobo-Preis, der an schwarze Musiker vergeben wird. Bericht und O-Töne
Es ist eine ungewöhnliche Protest-Demonstration, die sich vor der Londoner Royal Albert Hall aufgebaut hat. Susafon, Trompete, Trommel, Saxofon und Klarinette drängen sich an den Absperrungen. Dahinter fahren schwarze Limousinen vor. Sie bringen die Nominierten der diesjährigen Mobo Awards, das sind Preise für "Musik schwarzen Ursprungs" (" Music of Black Origin "), die seit elf Jahren in Großbritannien verliehen werden.
Ultracoole HipHop-Stars steigen aus den Wagen, verharren kurz in ihren Posen, und verknitterte DJs schauen verwundert, wer hier denn demonstriert, während der Trompeter und Demonstrationsanführer Abram Wilson ihnen ein Solo nach dem anderen entgegenschmettert, und seine Mitmusiker immer neue, improvisierte Protestsongs anstimmen.
" We Want Jazz !" - " Bring Back Jazz !" Ein paar Ordner und wartende Fans lassen sich anstecken, wippen mit, klatschen, tanzen. Kamerateams verlassen ihre Positionen entlang des roten Teppichs, um die aus britischen Jazzern zusammengewürfelte Brass Band einzufangen. Londons rote Omnibusse fahren vorsichtig an der Menschenmenge vorbei, die Fahrgäste schauen neugierig aus den Fenstern.
Protest zur Verleihung der Mobos ist nichts Neues. Vor zwei Jahren gab es Demonstration und Gegendemonstration wegen schwulenverächtlicher Texte, die sich in den Songs einiger der damals nominierten Reggae-Stars fanden. Die Stücke wurden aus dem Programm genommen. Dieses Jahr geht es um Grundsätzliches.
Mobos gibt es in etlichen Kategorien: Beste Sängerin und bester Sänger, international und britisch, beste Gruppe, bester Nachwuchsmusiker, bestes Video, bester DJ, bester Act - erstmals - aus Afrika, Mobos für HipHop, Reggae, Rhythm And Blues, Gospel. Nur für den Jazz gibt es dieses Jahr keinen Preis mehr. Die Mobo-Organisatoren strichen die Kategorie ohne wirkliche Begründung. Erst hieß es, man hätte nicht genug hochklassige Jazzmusiker finden können, um die vorgeschriebenen fünf Kandidaten zu nominieren. Dann wurde der Jazz zu einer Kategorie erklärt, die - wie der Gospel - auch mal pausiere. Zuletzt lehnten die Mobo-Organisatoren jede Stellungnahme ab.
"Sie haben uns nie einen konkreten Grund genannt, warum sie Jazz gestrichen haben", sagt der junge Saxofonist Soweto Kinch, dessen Musik sich nah am HipHop bewegt. "Als jemand, der den Mobo 2003 gewonnen hat, weiß ich aber: Wir haben hier immer nur eine marginale Rolle gespielt. Für Jazz wurde nie geworben, der Auftritt wurde nicht im Fernsehen gezeigt, und jetzt haben sie es halt ganz gestrichen. Gewissermaßen ist das ehrlich: Ihnen ist Jazz egal."
"In meinen Augen haben sie alle künstlerische Glaubwürdigkeit verloren", sagt Kinch weiter, "wie kann man den Anspruch erheben, einen international anerkannten Preis für Musik schwarzen Ursprungs zu vergeben, und dann die Grundlage - und den Geist - dieser Musik einfach ausschließen? Sehr peinlich für die Veranstalter, und enttäuschend für uns."
Jazzer fahren zu wenig Umsatz ein, ziehen keine großen Sponsoren an, haben keine bekannten Gesichter auf MTV - "alles, was die Mobo-Organisatoren respektieren, ist Geld", sagt Kinch, "es ist beschämend, wie viele schwarze Talente sie nicht berücksichtigen. Ich weiß sicher, dass alle, die heute Abend live auftreten, ihre Kosten selbst tragen müssen. Die Organisatoren investieren nichts in Livemusik, schon gar nicht in Jazzmusik."
Tatsächlich hat der diesjährige Jazz-Ausschluss das Fragezeichen über den Mobos vergrößert, die einst sehr verdienstvoll als britischer Musikpreis gestartet waren, um schwarze Künstler zu ehren. Nun leidet das Anliegen unter der Kommerzialisierung und dem wohl aussichtslosen Versuch, auf dem ungleich größeren amerikanischen Musikmarkt wenigstens eine kleine Spur zu hinterlassen.
Die US-Sängerin Beyoncé Knowles, als die große Attraktion der diesjährigen Mobos angekündigt, tauchte zur Preisvergabe nicht einmal persönlich auf, obwohl sie in drei Kategorien erfolgreich war, als beste internationale Sängerin, mit dem besten Song, dem besten Video.
Immerhin boten die Mobos auch in diesem Jahr Neulingen ein Podium: Die Soulsängerin Corinne Bailey Rae aus Leeds bekam den Preis für die beste britische Sängerin und beste Nachwuchskünstlerin. Rapper Akala - der in London aufgewachsene, kleine Bruder von Ms. Dynamite - wurde zum besten HipHop-Künstler erklärt.
Ob die Veranstalter ein Einsehen haben und den Jazz 2007 wieder an den Start lassen? Noch ist nichts entschieden.
- Datum 21.09.2006 - 09:13 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 21.09.2006
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