Unverwüstlich Pearl Jam entfesseln Berlin
Wer spricht noch von Nirvana, von Soundgarden? Lange her! Aber die verbliebenen Superstars des Grunge triumphieren bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert
Der Gruppe Pearl Jam haftet etwas Anachronistisches an. Wie übrig geblieben wirken sie aus den goldenen Zeiten des Grunge. Sie schwammen auf der Schaumkrone der Welle, die Anfang der 90er von Seattle/Washington aus mit introvertierten, schmutzigen Gitarrenklängen über die ganze Welt schwappte. Gemeinsam mit Nirvana und Soundgarden dominierten sie das Genre und waren die Initialzündung einer Menge von Do-it-yourself-Gruppen, die allenfalls mit dem Aufkommen des Punk ein Jahrzehnt zuvor zu vergleichen ist.
Pearl Jam waren nie so hart und laut wie Soundgarden und nie so brachial, destruktiv und populär wie Nirvana. Letztere starben früh, bereits 1994, mit ihrem Sänger Kurt Cobain. Soundgarden lösten sich einige Zeit danach auf. Ein paar Bands musizieren auch heute noch, eine lebensfähige zweite Generation gab es nie. Die Frisuren und Klamotten von damals trägt heute kaum jemand.
Mythen ranken sich um die Auftritte der Band. Sie stellen das Programm jeden Abend neu zusammen und veröffentlichen jedes Konzert auf Doppel- und Dreifach-CD oder zum Download für je 10 Dollar. Oft tummeln sich illustre Gäste hinter und auf der Bühne. Wenn sie gut gelaunt sind, spielen sie auch mal drei Stunden, Rotwein macht die Runde auf der Bühne, Sänger Eddie Vedder ist am Ende meist betrunken. Konzerte in Europa sind selten, der letzte Auftritt in Deutschland liegt bereits sechs Jahre zurück. Und auch auf ihrer aktuellen Tour spendieren Pearl Jam den deutschen Fans gerade mal einen ihrer 22 Europa-Auftritte, den in der Berliner Wuhlheide.
Schon im Chaos der Berliner Verkehrsbetriebe auf dem Weg dorthin wird klar, wie leidenschaftlich die Anhänger der Band sind. Viele geben durch hellblaue T-Shirts mit Avocado-Hälften das Motiv der neuen Platte – zu erkennen, dass sie bereits ein anderes Konzert der Tour besucht haben. Die drei Tschechen neben mir waren im britischen Reading und in Verona, Jens aus Franken im niederländischen Arnheim und am Abend zuvor in Prag. Die wenigsten kommen im Grunge-typischen Aufzug aus ausgewaschenem T-Shirt, halblanger Hose, Baseballschuhen, Tennissocken, Ziegenbärtchen und strähnigen Haaren, zum Glück. Viele sehen aus, als seien sie auch vor 15 Jahren zum ersten Album Ten schon nicht mehr jung gewesen.
In der S-Bahn an den Berliner Stadtrand diskutieren die Anhänger, welche Stücke den Abend zum perfekten Abend machen könnten. I Hope They'll Play Black, sagt ein junger Däne neben mir, Nu, was? In black dress?, wundert sich eine junge Berlinerin. No, Black!, Ach, so, you mean se song ... Zwei andere erörtern, welchen Auftritt man sich unbedingt runterladen müsse, Hamburg 2000, behauptet einer, da hätten sie alle wichtigen Stücke gespielt.
Das eindrucksvolle Rund in der Wuhlheide ist ausverkauft, achtzehneinhalbtausend Menschen drängen sich unten und auf den Rängen, von denen aus man das Geschehen gut verfolgen kann. Wie ein Baseballstadion in klein wirkt die Arena, ein hohes Zeltdach zieht sich über die Bühne. Zur Vorgruppe The Black Keys knabbern die Leute geduldig Tortilla-Chips und chinesische Nudelpfanne und schlürfen Erdbeerbowle.
- Datum 26.09.2006 - 05:52 Uhr
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ein riesen kompliment an den verfasser des artikels, besser hätte man den abend nicht beschreiben können!
wir haben die anreise aus hamburg definitiv nicht bereut & einen unglaublichen abend in einer wirklich tollen atmosphere in berlin geniessen dürfen. die performance von pearl jam war so pur & natürlich, dass sich selbst ein robbie w. davon eine scheibe abschneiden sollte: mehr music & weniger show kommt bei den leuten richtig gut an !
nur sehr schade, dass den fünf gig´s in italien nur einer in deutschland folgte. nach dem abend - glaube ich - wird es bei der nächsten tour eher andersrum...
Danke an Pearl Jam für einen töllen Abend.Wir durften sie in Prag sehen und haben uns damit einen mittelgrossen Traum erfült! Ein unvergesslicher Abend mit ausschliesslich netten und gutgelaunten Leuten aus ganz Europa.Fans aus Schottland,Ireland, Slowakei,Polen und nätürlich aus Tschechien, hatten genau wie wir viel Spass bei genialer Musik.
Eddie Vedder hat eine besondere Ausstrahlung, kann politisch werden ohne grosse reden zu schwingen.Es reicht manchmal einfach aus, während einem Song, einer Bush-Maske den Mund zu zuhalten.Das ist eine Geste die ausreicht!
Pearl Jam ist alive und das ist auch gut so!
Für mich war ein Highlight,Neil Youngs Song, Keep on rockin`in a free world, gefehlt hat mir Black.Dafür beneide ich Berlin!
Der Konzertbericht gefällt mir. Mich nervt eigentlich nur, dass bei den einleitenden Worten zur Grunge-Szene der 90er mal wieder Alice in Chains vergessen wurden. Natürlich kann man nicht jede kleine Grunge-Band erwähnen, aber AiC hatten auch Millionen Platten verkauft und gehörten zu den ganz Großen. In der Regel spricht man eigentlich von den 4 großen Bands Nirvana, Pearl Jam, Alice in Chains und Soundgarden, das hat mittlerweile ja schon fast was von einer Legende. Das aber AiC vor allem von Mainstream-Journalisten häufig ignoriert werden ist mir schleierhaft. Gerade jetzt im Zuge der AiC-Reunion wäre eine Randbemerkung ganz nett gewesen. Immerhin haben sie dieses Jahr auch bei Rock am Ring gespielt. Pearl Jam sind also nicht mehr die einzigen Überlebenden der erfolgreichen Seattle-Bands. Unabhängig davon existierten weniger erfolgreiche Bands wie die Melvins und Sonic Youth ohne Unterbrechung bis heute, das aber nur am Rande. Sorry für meinen Einwand, aber als AiC-Fan muss ich das natürlich schreiben. ;) Die waren keine "Reste"- oder "Nachahmer"- Band sondern waren eigenständig, erfolgreich und haben sehr viele Bands beeinflusst!
schöner bericht und schön ausführlich, jedoch ist der konzertopener der anfang des titels 'once', bzw. das ende des albums 'ten' und damit der schluss des titels 'release'.
trotzdem danke!
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