Zeit Geschichte Zwölf Tage im HerbstSeite 3/3

Zum selben Zeitpunkt gab ein sowjetischer Rundfunksender die Gründung der »Ungarischen Revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung« unter János Kádár bekannt. Tatsächlich wurde dieses Marionettenkabinett erst in der Nacht vom 6. auf den 7. November in sowjetischen Panzern von Szolnok nach Budapest gebracht. Indessen verhandelten Kádár und indirekt die Sowjets mit Jugoslawiens Marschall Josip Broz Tito in Belgrad über das Schicksal der Nagy-Gruppe, die in der jugoslawischen Botschaft saß. Die insgesamt 48 Personen, darunter 14 Frauen und 16 Kinder, wurden beim Verlassen des Gebäudes am 22. November, trotz der mündlichen und schriftlichen Versicherungen Kádárs über freies Geleit, sofort von den Sowjets verhaftet und nach Rumänien ausgeflogen. In Snagov, etwa 40 Kilometer von Bukarest entfernt, hielten Geheimpolizisten sie gefangen.

Die Rache der Sieger von Chruschtschows Gnaden war grausam und dauerte mehrere Jahre: 229 Menschen, darunter 6 Frauen, wurden nachweislich wegen ihrer Beteiligung an der Revolution oder am Widerstand hingerichtet. Fast jedes dritte Opfer war unter 24 Jahre alt. Insgesamt verhaftete man rund 26 000 Personen, von denen 22 000 rechtskräftig verurteilt wurden. Nach einem Budapester Geheimprozess musste am 16. Juni 1958 auch Ministerpräsident Imre Nagy unter den Galgen treten.

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Bis zuletzt zeigte er sich gelassen und aufrecht, ein Staatsmann von bewundernswerter Moral und Charakterstärke – und ein ungebrochener Kommunist. Er betrachte das Todesurteil als »ungerecht, unbegründet und unannehmbar«. Er sei jedoch überzeugt, dass ihn »das ungarische Volk und die internationale Arbeiterklasse « früher oder später von den schweren Anschuldigungen freisprechen würden.

Seine Prophezeiung sollte sich bewahrheiten. Als Nagys sterbliche Überreste nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums mit denen von drei anderen hingerichteten Freiheitskämpfern am 16. Juni 1989 in ein Ehrengrab umgebettet wurden, gaben mehr als 200 000 Menschen den Sarkophagen das Geleit. Die ungarische Revolution des Jahres 1956 war die wohl größte Herausforderung der sowjetischen Hegemonialmacht in Osteuropa – und zugleich ein weithin sichtbares Zeichen für den Bankrott des Sozialismus sowjetischer Prägung. Sie war eine »siegreiche Niederlage «, eine authentische »antitotalitäre« Revolution und vor allem ein unvergängliches Kapitel aus der Geschichte des menschlichen Mutes.

Paul Lendvai, geboren 1929 in Budapest, ist Osteuropa-Experte und Leiter des Europastudios im ORF-Fernsehen

Ausführliche Informationen zum Aufstand in Ungarn finden Sie unter www.ungarn1956.de .

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