Literatur Doppeltes Glück

Die Schriftstellerin Katharina Hacker erhält für ihren Roman „Die Habenichtse“ den Deutschen Buchpreis 2006. Nicht nur deshalb kann sie sich freuen.

Der Deutsche Buchpreis 2006 geht an Katharina Hacker. Sie erhält ihn für ihren im Frühjahr bei Suhrkamp erschienenen Roman „Die Habenichtse“, den Verena Auffermann in der ZEIT mit großer Zustimmung besprochen hat . Sie schrieb: „Von der Macht der Gefühle handelt Katharina Hackers Roman, einer Macht, mit der sich jede Generation, begleitet von einer schönen Tristesse, herumschlägt. Einer Tristesse, die kommt und vergeht und der großartigste Impulsgeber unserer Literatur ist.

Katharina Hacker gefällt sich aber keineswegs in den Capricen des Lamentos. Sie beschreibt eine Bedrohung. Ein paar wohl situierte und ein paar heruntergekommene junge Leute treffen falsche Entscheidungen, sie scheitern an der Liebe und ihren Möglichkeiten. Scheitern an der Liebe? Ist das alles? Dies Scheitern ist ein Zeichen von sehr viel mehr.“ Verena Auffermanns Resümee lautete: „Unsere vage Gegenwart hat ein hartes, die Konturen ausleuchtendes Porträt bekommen. Katharina Hacker ist ein zeitkritischer Roman, eine kluge und aufregend zu lesende Analyse geglückt.“

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Katharina Hacker, geboren 1967 in Frankfurt am Main, zählt schon seit ihrem Roman „Der Bademeister“ (2000) zu den wichtigsten Autoren der mittleren Generation. Ihre Prosa ist keineswegs auffällig, ihre Stoffe sind nicht sensationell. Aber mit stiller, sorgfältiger Beharrlichkeit richtet sie ihren Blick auf unsere fragmentarisch gewordene Lebenswelt. Während wir in der Regel versuchen, die Bruchlinien zu übersehen und zu überbrücken – manchmal glückt es uns, manchmal nicht –, leistet sich Katharina Hacker eine nicht eben häufige Genauigkeit im Hinsehen, im Beobachten und Beschreiben. Sie analysiert und sie stellt Fragen, aber sie bettet diese Fragen ein in den ruhigen Fluss ihres Erzählens, in den dunklen Glanz ihrer Sprache.

Mit dieser Entscheidung hat die Jury des Deutschen Buchpreises eine glückliche Wahl getroffen. Sie hätte, wie ich meine, mit ebenso gutem Recht Thomas Hettche für seinen sehr geglückten Roman „Woraus wir gemacht sind“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch) auszeichnen können. Auch Hettche (Jahrgang 1964) gehört zu den wichtigsten Köpfen dieser Generation der etwa Vierzigjährigen, aber er ist in der literarischen Szene durchaus sichtbar, und es ist schön, dass die bislang eher am Rande stehende Katharina Hacker mit diesem Preis öffentliche Wahrnehmung gewinnt.

Denn dies zu bewirken ist ja die Idee des noch jungen Deutschen Buchpreises, der gemeinsam vom Börsenverein, von Florian Langenscheidt und vom Spiegel-Verlag finanziert wird. Das Vorbild ist der englische Booker Prize, dessen Verleihung für den Autor und den Verlag in der Regel einen deutlichen Schub in Richtung Auflage und Aufmerksamkeit bedeutet. Im Vorjahr – es war die Premiere des Deutschen Buchpreises – hatte Arno Geiger mit seinem Familienroman „Es geht uns gut“ (Hanser Verlag) den Sieg davon getragen, und in der Tat kam das Buch auf die Bestsellerliste, obgleich es dann sehr schnell von Daniel Kehlmanns Roman „Die Vermessung der Welt“ (Rowohlt Verlag) überholt wurde. Kehlmanns bis heute anhaltender Erfolg ist ein noch nicht hinreichend erklärtes Phänomen.

Nun also Katharina Hacker. Als die Literaturredaktion der ZEIT dieser Tage darüber nachdachte, welchen Schriftsteller sie darum bitten sollte, einen Rückblick auf die Frankfurter Buchmesse (eine Glosse, einen Kommentar, eine Sammlung von Impressionen) zu schreiben, kamen wir schnell auf Katharina Hacker. Ich rief sie an. Sie sagte, es tue ihr Leid, sie würde das normalerweise sehr gerne machen, aber es gehe nicht. Sie werde wohl nach Frankfurt fahren (sie zählte wie Hettche zu den sechs Kandidaten der Endrunde, die ein kleines Trostgeld kriegen, falls sie den Hauptpreis nicht erringen), aber dann müsse sie rasch wieder nach Berlin zurück. Warum?, konnte ich mich nicht enthalten zu fragen. Sie habe ein Baby, drei Wochen alt. Oha! Wir redeten ein Weilchen über diese Winzigkeit und zugleich Ungeheuerlichkeit. Zum Abschied wünschte ich ihr viel Glück und dachte dabei, mich erinnernd an lang zurückliegende eigene Erfahrung, in der Hauptsache an das Baby. Nun hat also Katharina Hacker ein doppeltes Glück: Das Baby und den Preis. Da kann man nur sagen: Gratulation!

So beginnt nun die Frankfurter Buchmesse mit einer guten Nachricht. Wir wollen hier die Parade der Superlative, die wiederum gewachsene Größe der Ausstellungsfläche, die Zahl der Verlage und der Titel, nicht an uns vorbeiziehen lassen, sie ist ebenso imponierend wie ernüchternd. So viele Bücher! Wer soll das alles lesen? Alles kann keiner lesen, aber die „Habenichtse“ von Katharina Hacker vielleicht doch.



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