Kulturpolitik Landesherren – einst und jetzt
Wie das Haus Baden und der baden-württembergische Ministerpräsident kultur- und geschichtsvergessen handeln
Gewiss, die Frage, wie mit den Bibliotheksbeständen aus dem Hause Baden umzugehen ist, bleibt rein juristisch überaus kompliziert dazu später. Dass wichtige Bestände dieser Kulturgüter einfach verkloppt werden sollen, um eine private Familie und deren überdimensionierten Familiensitz zu sanieren, bleibt aber dennoch ein Skandal. Besonders skandalös ist jedoch die Schnoddrigkeit, mit der sich der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger über die Kritik an diesem Ausverkauf hinweghudeln möchte. Die Kritik stehe (nur) im Kulturteil, sagte er, nicht im Wirtschaftsteil der Zeitungen. So ist der Mann eben: Was sich nicht rechnet, kommt bei ihm offenbar nicht vor. Mit einem Satz reduziert sich so ein Mann zum Kulturbanausen. Sein Vorvorgänger Lothar Späth hatte wenigstens noch getönt: Zu High-tech muss au High-kaltschr (i.e.: High-culture) komme
Oettingers Verachtung für den Kulturteil ist besonders ärgerlich nicht nur wegen seines Staatsverständnisses, sondern wegen der darin liegenden Verhöhnung des Landes und seiner Tradition. Schließlich haben in Stuttgart bedeutende Kultusminister residiert, denen weder solche Sätze über die Lippen gekommen wären noch solche Entscheidungen über den Schreibtisch gegangen wären: Theodor Heuss, Gerhard Storz, Wilhelm Hahn Die drei würden sich im Grabe drehen, würden sie diesen Oettinger-Satz lesen müssten: Steht im Feuilleton, nicht in der Wirtschaft
Nun aber zur Geschichte selbst: Nicht das Haus Baden hat diese Bibliothek aufgebaut und gesammelt. Vielmehr ist sie in seine Hände gekommen, weil es sich dem Verlangen Napoleons nach einem Rheinbund unterworfen und zum Großherzogtum hat aufnorden lassen und dafür mit dem in der Säkularisierung eingezogenen Klostergut Salem hat belohnen lassen. Gut, Schwamm drüber! Aber was dem Haus Baden als einem Herrscherhaus (und nicht als einer arbeitsamen Familie) zufiel, auf welche Weise auch immer, gehört wenigstens aus moralischen Gründen dem Rechtsnachfolger dieser Herrschaft übertragen, also dem republikanischen Bundesland Baden-Württemberg übertragen. Der juristische Erb- und Webfehler liegt in der unvollständigen Revolution von 1918/1919, die zwar die Monarchien abschaffte, den bis dahin herrschenden Familien aber ihr Eigentum ohne saubere Trennung zwischen Staats- und Privat-Sphäre beließ.
Nebenbei gesagt: Obwohl die Weimarer Republik die Privilegien des Adels abgeschafft hat, lassen sich auch die Vertreter des Hauses Baden immer noch als königliche Hoheiten anreden und viele meiner Mit-Republikaner zollen diesem Humbug auch noch Respekt. Aber wenn das Haus Baden auf dieser quasi politischen Anrede nach wie vor besteht, dann sollen seine Vertreter sich auch als Vertreter des Gemeinwohls gerieren und nicht etwa agieren wie ordinäre Kunsthändler.
P.S.: Ich kann in dieser Sache freilich nicht unbefangen sein, denn ich wurde neun Jahre lang in Salem erzogen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass der damalige Markgraf Berthold, eine bedeutende Gestalt, wie sein Vater, der letzte Reichskanzler Prinz Max von Baden, sein Haus jemals in eine solche wirtschaftliche und moralische Schieflage gebracht hätte. Gab es damals noch (andere) Ehrbegriffe? Und könnte man zur Sanierung des Hauses nicht auch etwas anderes verkaufen als wertvoller Bücher, nämlich Forsten und Weinberge?
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- Datum 02.10.2006 - 13:44 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Angesichts des zweifelhaften Besitzanspruchs (Diebesgut aus Kloster Salem) muss erwogen werden, ob der Bund oder das Land einen Prozess anstrengen kann, um die Eigentumsrechte vor dem Bundesgerichtshof zu testen.
Herr Leicht, endlich sagt es mal jemand: dass sich demokratisch gewählte Politiker mit "Königlicher Hoheit" da und Hofknicks dort zum Affen vor ganz normalen inländischen Geschäftsleuten machen, ist ein Skandal. Aber auch Sie sprechen hier z. B. vom Markgrafen Berthold. Solche Primogenitur-Titel sind reine interne Folklore dieser Familien, und sind auch als solche zu behandeln. Der Herr hieß laut Ausweis (so er nicht einen willfährigen Standesbeamten fand) "Berthold Prinz von Baden". Und sein Sohn "Maximilian Prinz von Baden". Und dessen Sohn "Bernhard Prinz von Baden". Nix Markgraf, nix Erbprinz. So einfach ist das.
Internationale Reaktionen der Fachwelt und Ideen zum Thema gibt es übrigens im Archivalia-Blog [ Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion ]
Wir Baden-Württemberger brauchen dringend die Unterstützung aus dem ganzen Land angesichts der Barbarei, die da droht!
... sind nicht irgendwelche Islamisten, die irgendsoeine merkwürdig-kopflose Mozart-Opern-Inszenierung in Berlin bedrohen könnten.
Die brauchen wir garnicht dazu, unsere Kultur zu zerstören!
Das machen Menschen wie "der Mann, der heisst wie ein Billig-Bier" (Oettinger), für die etwas nur relevant ist, wenn es im Wirtschaftsteil der Zeitung steht und die alle anderen Rubriken gleich ungelesen zum Altpapier legen. Das sind die Auswirkungen unserer "BWLisierten Gesellschaft" in der nur etwas zählt, wenn es sich zahlt!
Bedauerlich, dass dies gerade von einem CDU-Ministerpräsidenten kommt. Da spricht man gerne mal von Leitkultur, will aber einen wichtigen Teil des Erbes, das unsere kulturelle Identität ausmacht, verscherbeln. Eine Schande ist das! Der "Sprachpanscher des Jahres 2006" (Verein Deutsche Sprache) zeigt mal wieder, dass Kultur für ihn nur dann eine Rolle spielt, wenn sie was einbringt. Konservativ (=bewahrend) ist bei diesem Menschen wenig. Das hat er schon gezeigt, als er den Herrn Renner als Minister nach Stuttgart geholt hat, der dann doch letztendlich über seine plumpe Aussage gegenüber dem Bischof von Rottenburg gestolpert ist. Wen wundert es da noch, dass Herr Oettinger nicht der Wunschkandidat von Herrn Teufel als Amtsnachfolger war?
Ich selbst, Mitglied der Südwest-CDU und katholischer Oberschwabe (von Beruf zudem Bibliothekar) kann da nur beschämt sein über den Kulturvandalismus dieses Wiaschtglaibigen!
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