Es ist Urlaubszeit. Ich teile mir eine Vierersitzgruppe mit einem Italiener, einem Österreicher und einem Kroaten und beginne in dieser Gesellschaft ganz automatisch, auf Deutschland zu schimpfen - selbstverständlich in englischer Sprache. Es ist ein Reflex, so wie man niesen muss, wenn man am Pfefferstreuer riecht. Zuerst schimpfe ich auf die Deutsche Bahn, dann auf die deutsche Politik und das deutsche Pressewesen und schließlich auf das Land im Allgemeinen, bis der mir gegenüber sitzende Kroate erstaunt die Augenbrauen hochzieht und mich unterbricht. BILD

"Wieso", sagt er, "ihr Deutschen habt doch das beste Verkehrssystem in Europa!"
"Und die sauberste Politik", ergänzt der Italiener.
"Und die anspruchsvollste und vielfältigste Presselandschaft der Welt", fügt der Österreicher hinzu.
"Nicht nur, dass eure Bürgersteige aufgeräumt sind..." fährt er fort.
"Und die Politiker NICHT korrupt!", wirft der Italiener ein.
"Wenn man an der Bushaltestelle steht", ruft der Kroate, "kommt auch noch ein Bus! Und zwar nach Fahrplan. Einfach unglaublich."

Ein wenig beschämt blicke ich aus dem Fenster in die (natürlich viel schöneren!) ausländischen Landschaften und weiß, dass ich in diesem Moment genauso deutsch bin wie mein Land. Denn unsere herausragendste Fähigkeit besteht darin, alles einigermaßen richtig zu machen und dabei alles richtig grauenvoll zu finden.

Der vieldiskutierte, neue Patriotismus, dessen virtuelle Geburtsstunde die erfolgreiche Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft markiert, zeigt sich in erster Linie in dem Eingeständnis, dass bei uns in Wahrheit alles nicht ganz so schlimm ist, wie wir dachten - oder wie wir jedenfalls ständig und lautstark behauptet haben. Und wessen Expertise erlaubt es uns, die notorische Selbstgeißelung wenigstens vorübergehend einzustellen? Wer hat uns diese sagenhafte Erkenntnis beigebracht? - Die Kroaten, Italiener, Österreicher und so fort, kurz: unsere ausländischen Freunde und Nachbarn.

Das ist kein Anlass zur Beunruhigung, das ist eher ein Grund für temporäre Entspannung. Nur eins sollte beim Fahneschwenken nicht vergessen werden. Die deutsche Neigung zu übersteigerter Selbstkritik war niemals Ausdruck einer angeborenen Bescheidenheit. Vielmehr ist unser traditioneller, seit dem Zweiten Weltkrieg zur Staatsphilosophie erhobener Hass auf die eigene Herkunft den Mechanismen eines handelsüblichen Nationalismus nicht unähnlich. Auf den ersten Blick mag das paradox wirken. Beim genaueren Hinsehen lässt sich jedoch leicht erkennen, dass die kollektive Selbstanklage ebenso eine Form der nationalen Egozentrik darstellt wie die gemeinsame Selbstverherrlichung - und deshalb unschwer in diese umschlagen kann.