Wenn man etwas über nationale Angelegenheiten erfahren will, dann lohnt es sich, in Neukölln danach zu suchen. Nirgendwo in Deutschland ist mehr Nation als dort - schon rein zahlenmäßig. Auf der Sonnenallee drängen sich Shisha-Cafés neben Telefonshops, die günstige Gesprächstarife in alle Heimatländer anbieten. "No Border, No Nation", sagt ein dort auf eine Mauer gespraytes Graffiti. Als Vision irgendeines internationalistischen Linken, der auf die Abschaffung aller Grenzen hofft, bleibt das wohl ein Wunschtraum. Aber möglicherweise ist ja trotzdem was dran. BILD

Die Vaterlandsliebe, als Begriff in Deutschland inzwischen etwas anrüchig, definiert sich implizit über die Grenze. Hier ist innen, dort ist außen, hier sind wir, dort sind die, hier das eigene, dort das möglicherweise Feindliche, aber jedenfalls irgendwie Fremde. Der Patriotismus gehört zum Nationalstaat, der seinerseits eine historisch nicht besonders alte Erfindung ist. Hier in Westeuropa beginnt er sich schon wieder aufzulösen zugunsten eines Staatenbundes.

Deutschland sind in den letzten 20 Jahren die Grenzen ziemlich abhanden gekommen. Natürlich gibt es noch eine Staatsgrenze. Sie in Richtung anderer EU-Länder zu überqueren ist allerdings ungefähr so aufregend, wie am Ortsausgangsschild Lüdenscheid vorbeizufahren. Schon die Ländergrenze nach Bayern ist an der Autobahn pompöser ausgeschildert als der Wechsel zwischen Deutschland und Österreich.

Nachdem Westdeutschland die DDR quasi phagocytiert und damit die deutsch-deutsche Abgrenzung beseitigt hatte, entgrenzen sich die EU-Länder, um den gemeinsamen Binnenmarkt um eine politische Dimension zu erweitern. Zu behaupten, dass die Bürger daran europabegeistert teilgenommen hätten, etwa indem sie wie in den 50ern die Schlagbäume eingerissen hätten, wäre sicher zu viel gesagt. Andererseits scheint das langsame Verblassen der innereuropäischen Grenzen die Identität der Menschen auch nicht anzukratzen, woraus man schließen kann, dass Nationalstolz für die Identitätsstiftung nicht oder nicht mehr überwältigend wichtig ist.

Auf dieser Grundlage gedeiht ein postpatriotischer Partyotismus, der während der WM sichtbar wurde. Auf den von Nachbarn aus Bierbänken und Flachbildfernsehern zusammengestellten Public Viewing Areas wurde jedes Tor der deutschen Mannschaft von türkischstämmigen Jugendlichen mit "Deutschland, Deutschland"-Rufen bejubelt, während die anwesenden Südamerikaner griesgrämig beobachten mussten, wie aus der WM langsam eine EM wurde.

Patriotismus bezieht sich, wie man in Gesprächen mit Deutschen im Ausland feststellen kann, mittlerweile nicht mehr auf die unterstellten Eigenschaften eines Volkes, sondern häufig auf die Leistungen des Staatswesens. Während die patriotische Gesinnung in Monarchien und Diktaturen sich an Symbolen festmachte, rechnet man es dem Staat heute schon hoch an, wenn er einfach nicht nervt. Er darf und soll sich um die großen Dinge wie Außenpolitik kümmern, die man nicht täglich selbst erledigen will. Aber er soll sich nicht ins tägliche Leben einmischen. Deutschland ist in vielen Bereichen erfreulich liberal und benimmt sich nicht wie der Familienvater, der alles vorschreiben will, eher wie die Großeltern, die es einem nachgesehen haben, wenn man die doppelte Portion Eis wollte.

Ein Vorbild für einen Staat, der einem die Identifikation einfach macht, ist Kanada, und das nicht nur wegen seiner schönen Flagge: Dort kann man auf der Einkommenssteuererklärung einen freiwilligen Betrag angeben, den man über die Steuerpflicht hinaus dem Staat quasi als Trinkgeld zahlen möchte. Ein Staat, der sich so etwas traut, weiß wohl ziemlich genau, dass seine Bürger ihn auch ohne pompöse Rituale gut finden.

Durch diese Veränderung der Beziehung könnte dem, was vom Patriotismus übrig ist, die giftige "Wir gegen die"-Komponente abhanden kommen. Es bleibt eine schwarz-rot-goldene Hülle zurück, die von einem entspannteren Wir-Gefühl bewohnt wird. Du bist Deutschland, ich bin Deutschland, wir sind irgendwie alle Deutschland, aber es gibt auch Wichtigeres. Dass dieser Neopatriotismus voller innerer Widersprüche steckt, zeigt sich sehr schön daran, dass die postnationalistischen Winkelemente, die zunächst die Autodächer zierten und inzwischen die Autobahnränder verschönern, allesamt billig in China produziert wurden. Aber das ist in anderen Ländern vermutlich genau so gelaufen, China ist nicht umsonst der größte Textilproduzent.

Nachdem übertriebener Nationalstolz den Deutschen mehr Vaterländer beschert hatte, als den meisten lieb war, beäugte das Feuilleton die Entwicklung nach der Wiedervereinigung überaus kritisch. Das ist das gute und angestammte Recht des Feuilletons, es muss schließlich darauf achten, dass gesellschaftliche Entwicklungen ordentlich kulturkritisch begleitet werden. Andererseits ist dieses Misstrauen vermutlich eine Prägung der 68er-Generation als der letzten, die noch zumindest indirekt national und durch den Krieg sozialisiert wurde. Entsprechend sind viele Mitglieder dieser Generation hin- und hergerissen, wenn der Patriotismus mal wieder um die Ecke lugt. Aber wenn irgendwas an einem neuen Patriotismus wirklich anders ist, dann, dass es sich nicht mehr um einen Verfassungspatriotismus oder D-Mark-Patriotismus handelt, sondern um eine Art Wellness-Patriotismus: Er ist unscharf definiert, tut niemandem weh und ist weit unter Trinkstärke verdünnt.


Die 1970 im bayerischen Deggendorf geborene Kathrin Passig gewann mit ihrem literarischen Debüt, der Erzählung "Sie befinden sich hier", 2006 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Sie arbeitet auch als Journalistin, Web-Designerin und Übersetzerin. Unter anderem hat sie die gesammelten Aussprüche George W. Bushs ins Deutsche übertragen. 2002 gründete sie die Zentrale Intelligenz Agentur in Berlin, die unter anderem den mit einem Grimme Online Award ausgezeichneten Weblog Riesenmaschine betreibt.

Dieser Text ist Teil einer Essay-Serie im Deutschlandfunk:
»Drei Monate nach der WM: Gibt es einen neuen Patriotismus in Deutschland, und wodurch zeichnet er sich aus?«

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