Schwarz-Rot-Gold Der Liebe zu Deutschland nicht schämen

Ich bin gerne Deutscher - Jubel und Jammer der Menschen in diesem Land gehen mich sehr wohl etwas an. Wenn ein Deutscher gelobt oder ausgezeichnet wird, freue ich mich, als hätte es Gold in der Mannschaftswertung gegeben.

BILD

In diesen Momenten, da ich glaube, unschlagbar zu sein, zupft mich aber fast immer ein Spötter am Ärmel. Es sei keine Schande, sagt er, sich dem Wir-Gefühl zu entziehen, und geradezu wahnhaft, Volk und Fahne hochzuhalten. Die Geschichte der Deutschen erlaube es nicht, ein großes Theater um eine kleine Empfindung zu machen. Aus der Ferne und der Fremde beschaut, gleiche das eigene Volk doch eher einem Haufen von armen Teufeln. Ein Mann, der sonst nichts zu melden habe, würde von einer krisenfesten und strapazenresistenten Idee träumen. Der Spötter vermiest mir selten die gute Laune, ich habe gelernt, mit diesen Anwürfen zu leben - nichts scheint schlimmer zu sein, als dass der Sohn von Gastarbeitern seine Liebe zu seinem neuen Land bekennt.

Manchmal sitze ich auf Podien, spreche auf Nachfrage von eben dieser schönen Liebe, und werde von den meisten Menschen im Publikum angestarrt, als würde mir ein Fisch aus dem Munde hängen. Eine kluge Frau riet mir in ihrem Brief, es mit meiner Deutschlandliebe nicht zu übertreiben - sie kenne das Drama des fremden Kindes, das in seinem Eifer, Hochdeutsch zu erlernen, weit übers Ziel hinausschießt. Früher habe ich mich über diese Ermahnungen gewundert. Es geschah sogar, dass man mir Verrat vorwarf und mich einen deutschvölkischen Multikulturalisten schimpfte. Ich war verblüfft, und nahm den Ratschlag, mir Gedanken über meine geistige Verfassung zu machen, dann doch lieber nicht an.

Anzeige

Neuerdings sieht man tatsächlich viele Menschen, die das Fähnchen in den Wind halten - das ist gut, und ganz sicher nicht schlecht. Die Berufspatrioten haben es immer gewusst - riefen sie die Bürger denn nicht immer dazu auf, sich als Reservesoldaten einer Schicksalsgemeinschaft zu verstehen?

Doch der Patriotismus, wie er diesen Medienkriegern vorschwebt, klingt zu sehr nach dem Amen der Geläuterten, denen früher die Rolle zufiel, auf das Schlechte und Erstarrte hinzuweisen. Wer gelernt hat, aus der Menge heraus zu operieren, will nun Volkes Zorn und Stimme ernst nehmen. Der maßlose Patriot bringt irgendwann das Nationalgefühl ins Spiel: Der Ruhm der Toten wehe uns Nachgeborene aus der Tiefe der Geschichte an, und wir sollten im Schatten der Riesen unsere Zwergengröße begreifen. Kleine Menschen aber sind von Scham und Rachsucht angetrieben, sie blasen sich auf, und werden doch nur dick statt groß.

Leser-Kommentare
    • slz
    • 25.10.2006 um 20:41 Uhr

    Sie ist schon merkewürdig, diese, sozusagen, Vaterlandsliebe zur Wahlheimat... Aber ich kann das als Deutsche, die seit 16 Jahren in Frankreich lebt, ein bisschen nachvollziehen. Die Vaterlandsliebe zur Wahlheimat enthält sowohl Kritikfähigkeit als auch eine gewisse Gelassenheit... Jedenfalls ist es wieder einmal ein Genuss, Sie zu lesen, Herr Zaimoglu, mit ihrem Scharfsinn und Humor!

    • cloud
    • 09.10.2006 um 12:52 Uhr

    Ich teile diese patriotische Haltung nicht. Und verstehe sie auch nicht. Ich finde sie pathetisch. Ausländische Kinder in Deutschland werden vernachlässigt, sie werden in den besten Fallen in Hauptschulen geschickt...wenn nicht in die Sonderschulen!und ohne Zukunftchancen....
    Und die Ausländerfeindseligkeit in den deutschen Universitäten...da wird ausländischen Studenten ganz deutlich gesagt, sie sollten aus dem Raum ausgehen...
    Deutschland, ein Sommermärchen...na ja...

  1. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass eine Liebeserklärung wie diejenige von Feridun Zaimoglu (schönen Dank dafür, nebenbei gesagt) einiges an Unbehagen auslösen könnte. Aber lesen wir seine Worte genau:

    In Feridun Zaimoglus Liebeserklärung gibt es kein Element des Nationalismus von bislang ungewohnter Seite. Der Autor legt den Akzent eben nicht auf die Wolkigkeit deutscher Größe, sondern auf die Heimatlichkeit der Umgebung. Im Grunde paraphrasiert Zaimoglu nur die Definition Richard von Weizsäckers: Patriotismus ist die Liebe zu den Seinen, Nationalismus ist der Hass auf Andere. Von ersterem verspüre ich bei Feridun Zaimoglu viel, von letzterem gar nichts. Patriotismus – auch der öffentlich einbekannte – darf im Übrigen nicht mit einem Mangel an Universalität gleichgesetzt werden. Als Bayer, der zugleich weltoffen zu denken gewohnt ist, glaube ich ein wenig zu wissen, was das bedeutet.

    Dennoch wäre zu hinterfragen, inwieweit solchen Bekenntnissen der verständliche Wunsch zugrunde liegt, sich mit einem lange unbefriedigten Ansinnen nach Zugehörigkeit und Integration Gehör zu verschaffen. Wer wollte es Feridun Zaimoglu verargen, eine innere Nähe zu Deutschland empfinden zu wollen und, so diese nicht oder noch nicht vorhanden sein sollte, sie ein wenig zu idealisieren? Nicht seine Gefühle für Deutschland sind das Problem. Sondern die Realitäten, die sich Feridun Zaimoglus Wünschen vermutlich noch lange nicht gänzlich fügen werden. Darauf hinzuweisen, enthält nicht die Absicht, den gegenseitigen Annäherungsprozess infrage zu stellen. Vielmehr gilt es, Erwartungen und vorgebliches Nahe-Sein nicht zu überziehen, auf dass es nicht zur (dann unausweichlichen) Enttäuschung komme. Eine Akkulturation ist ein langwieriger und komplizierter Prozess. Sollte ein Individuum wie Feridun Zaimoglu darin schon weiter fortgeschritten sein als Andere, besagt dies noch nichts für den Durchschnitt seiner Landsleute – der deutschen wie der türkischen - und über die Schwierigkeiten, die in der Zukunft noch zu überwinden sein werden.
    Wolfgang Krebs

  2. Ich kann nicht nachvollziehen, wie ein Mensch mit Migrationshintergrund zu einem solch überbordenden Nationalgefühl gelangen kann. Andere mögen ein gesundes Nationalgefühl zum Normalfall erklären, das nun endlich auch in Deutschland einziehe. Nicht wenige fachwerkeln ja auch in der Tat an diesem Thema und geben dem Thema einen publizistischen Impetus, das man geneigt ist anzunehmen, hier werde einem Volk geradezu etwas aufgezwungen. Es ist kein Fortschritt, die Gemeinwohlorientierung zugunsten einer Ausrichtung am deutschen Volkswohl in den Hintergrund treten zu lassen. Die Betonung des letzteren hat dieses Land in die Katastrophe geführt, warum setzt man mit diesem Thema einen ersten Baustein für ein Konstrukt, aus dem wieder Destruktion erwachsen könnte? Die Sozialpsychologen sollten uns erklären, welche Motive hinter dieser neuen Ideologie stehen. Die Betonung des völkischen Elements wird vielleicht auch das europäische und das Denken in universellen Kategorien behindern. Sie mag vielleicht auf einer mentalen Ebene auch eine Reaktion auf das gelähmte Europa und die Globalisierung sein, die statt als Chance als Gefahr wahrgenommen wird, so dass auf nationale Ebene näher zusammengerückt werden muss. Das alles kann man so oder so sehen, was mich aber verwundert, und was mich zu diesem Kommentar veranlasst, sind die Stimmen der Migrantenvertreter gleich welcher Couleur, die unablässig ihren Stolz darauf, Deutscher zu sein, proklamieren. Jedem steht es zwar frei, im Zuge seiner Identitätsbildung letztlich durch das deutsche Tor zu schreiten. Ohne jemandem nahe treten zu wollen, spricht meines Erachtens viel Einfalt daraus, wenn ein Mensch, der das Glück mehrfacher kultureller Prägungen erfahren durfte, seine bewusstseinsmäßige Horizonterweiterung letztlich wieder nur auf ein Element beschränkt. Das zeigt, dass in diesen hitzigen Tagen zwar viele Stimmen aus den Reihen der Migranten vernommen werden, aber darunter sind kaum Stimmen, die universell grundiert sind. Fehlt es wirklich an großen Geistern unter uns Migranten?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service