Südindien Sich einfach mal treiben lassen

Zwischen der südwestindischen Malabarküste und den Westghats schlängeln sich Lagunen und Kanäle durch den saftig grünen Dschungel. Die Backwaters sind das Herz und der Magen des Bundesstaates Kerala im Süden Indiens. Alles fließt – besonders in der Regenzeit

Die Ushu driftet. Leise, langsam und sanft gleitet sie hinaus auf die Alappuzha Backwaters. Einen Tag und eine Nacht wird das Hausboot mit seinen Passagieren durch den Regenwald fahren. Alles leuchtet grün im warmen Sonnenlicht des frühen Morgens: Die hohen Gräser und die dichten Sträucher am Ufer, die moosigen Stämme der Palmen auf den Inseln und Landzungen, die Wasserpflanzen, die den Fluss entlang treiben und auch das Wasser der Backwaters selbst schimmern dunkelgrün. Es ist, als treibe die Ushu auf einer fließenden Wiese dahin, auf einem begrasten Fluss - Land und Wasser scheinen miteinander zu verschmelzen.

Die "Ushu", der Suresh und das Kettuvalam

Dass die Ushu nun erst einmal nur driftet, war nicht geplant - ein Motorschaden zwingt sie dazu. Noch bevor die Fahrt beginnen konnte, qualmte es aus der Küche. Unter der Küche befindet sich der Motor. Suresh Babu beruhigt die Passagiere, sie sollten es sich schon einmal in den Hängematten und Liegestühlen auf dem Oberdeck bequem machen. "No problem!" , ruft er noch, bevor er in dem kleinen Loch im Boden der Küche verschwindet.

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Suresh Babu ist der Kapitän der Ushu . Er ist der Besitzer, Manager, erste Steward und Reiseleiter. Außerdem an Bord: drei Matrosen. Das heißt, einer ist der Smutje, einer der Steuermann und einer kümmert sich um den Motor, die Zimmer und den Fisch.
Wer eine Reise mit einem Kettuvalam, einem keralischen Hausboot, bucht, der bucht immer eine ganze Mannschaft mit. Kettuvalam heißt "genähtes Boot", ein Boot also, dessen Planken mit Kokosfaserseilen zusammengebunden und mit Cashewkernöl abgedichtet sind. Kein einziger Nagel ist in einem Kettuvalam zu finden. Traditionell werden diese Boote in Kerala als Fischerboote genutzt. Mit einem Aufbau aus Bambusmatten verwandeln sie sich in Hausboote. Und mit einer blauen Plastikplane darüber werden sie dann sogar zu monsuntauglichen Hausbooten. Mehr als 400 Boote starten von Alleppey aus ihre Fahrten in die Backwaters. Darunter finden sich verschieden große und unterschiedlich luxuriöse Ausführungen. Die Ushu bietet Platz für sechs Personen, zwei Schlafzimmer, zwei Bäder, eine Klimaanlage. Ein DVD-Player ist nicht an Bord, obwohl auch möglich gewesen wäre. Doch die Ruhe der Backwaters lässt sich ohne mediale Berieselung besser genießen.

Es raucht wieder aus der Küche. Diesmal ist das aber das Verdienst von Kunal, dem Koch. Suresh serviert das Mittagessen an einem großen Tisch im vorderen Teil der Ushu . Drei Mahlzeiten sind inklusive, drei keralische Spezialitäten, zweimal vegetarisch, "dinner non-veg" , verkündet Suresh. Lächelnd schöpft er Reis auf die Teller, noch einen Löffel und noch einen. "Das ist ein ganz besonderer Reis" erklärt er, "Keralareis. Wenn wir losfahren, zeige ich euch, wo der wächst." Wenn wir losfahren...- noch driftet die Ushu . Driftet in absoluter Stille, wie sie in Indien sonst sehr selten ist.

Reisen im Regen

Der Motor und der Regen setzen gleichzeitig ein. Der August ist der verregnetste Monat an der so genannten Pfefferküste, dem regenreichsten Gebiet Indiens. Die schweren Südwestmonsun-Wolken bleiben auf ihrem Weg nach Osten an den Westghats hängen, jenen Gebirgszügen, die eine natürliche Grenze zwischen Kerala und den angrenzenden Staaten Karnataka und Tamil Nadu bilden, und sie erleichtern sich über dem nur 120 Kilometer schmalen Bundesstaat, dem fruchtbaren Kerala.

Monsun-Fahrten auf den Backwaters meist billiger als die Trips zur Hauptsaison von Dezember bis März. Dabei regnet es fast nie den ganzen Tag. Und es ist in Kerala eigentlich nie wirklich trocken. In den tropischen Regenwäldern um die Backwaters sinkt die Luftfeuchtigkeit das ganze Jahr hindurch nicht unter 60%.

Shoppingstopp im Regenwald

Der Kiosk und das Fischgeschäft sind ganz plötzlich zwischen den Kokospalmen am Ufer aufgetaucht, die dort dicht an dicht stehen. Auf den ersten Blick ist kaum etwas zu sehen, nur wer genau hinschaut, entdeckt zwei Häuschen, umgeben von Wasser und Dschungel. Der Regen prasselt so heftig, dass kaum Sicht herrscht. Doch Suresh lässt hier ankern, um bei einem kurzen Landgang für das "non-veg dinner" einzukaufen. Der Fischladen ist ein kleiner Verschlag: ein Dach, drei Wände und ein riesiger Tisch, bedeckt mit fangfrischem Thunfisch, Sardinen, Garnelen und Tintenfischen. Darunter steht eine Plastikwanne, in der zwei bläulich-schwarze Hummer träge versuchen zu entkommen. Neben dem Fischgeschäft lehnen zwei junge Mädchen am Tresen des Kiosks, blicken gelangweilt in den Regen hinaus und verkaufen den Vorbeireisenden Coca Cola, Kekse, Zigaretten und gewürzte Bananenchips, eine keralische Spezialität. Und sie verleihen DVDs. Im Regal hinter ihnen steht eine kleine Auswahl von Filmen auf Malayam, Hindi, Tamil und natürlich auch Englisch. "Good Hollywood-Movie?" , bietet eine von beiden an. Aber Sureshs Passagiere haben sich ja gegen den DVD-Player entschieden. Die gerade ankernde indische Großfamilie offenbar nicht: Von ihrem Kettuvalam schallt Bollywood-Musik ans Ufer, die sogar das Prasseln des Regens übertönt.

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