Medizinnobelpreis "Ziemlich verrückt"
Vor zehn Jahren hatten Andrew Fire und Craig Mello eine unerhörte Idee. Es war der Anfang einer Revolution in der Genetik - die mit dem Nobelpreis noch nicht zu Ende ist.
So sehr sich Andrew Fire über seinen Nobelpreis für Medizin wohl freuen wird: Für den Biologen von der Stanford Universität bei San Francisco hat die unverhoffte Ehrung einen Haken. Der scheue Forscher geht Fotografen aus dem Weg, seitdem ein italienisches Mode-Magazin ein Foto von ihm veröffentlicht hat - als unrühmliches Beispiel für den Schlabberpulli-Forscher-Look. Jetzt, da er berühmt ist, wird Fire den Paparazzi kaum mehr entkommen können.
Fires Weg ins ungeliebte Rampenlicht beginnt bereits vor 9 Jahren, in Madison, Wisconsin. Im Frühsommer 1997 trifft Fire dort seinesgleichen: Biologen, die sich zum Ziel gesetzt haben, mit Hilfe des Spulwurms Caenorhabditis elegans die großen Geheimnisse des Lebens zu entschlüsseln. Allerdings beschäftigen sich Fire und sein Kollege Craig Mello gerade eher mit einem scheinbar marginalen Problem. Um herauszufinden, welche Funktion ein bestimmtes Gen für den Wurm hat, verwendet Fire eine bestimmte Technik, mit der sich Gene stilllegen lassen.
So wie Fliegen nicht mehr fliegen können, wenn ihnen die Flügel fehlen, so funktionieren auch Gene nicht mehr richtig, wenn man ihnen die so genannte Boten-RNA wegnimmt - Kopien der Gene, mit deren Hilfe die Zelle ihre Erbinformation üblicherweise in Eiweiße übersetzt. Aus den flügellosen Genen und den resultierenden Fehlfunktionen versuchen Forscher zu lernen, und die dafür gängige Methode heißt damals Antisense-Technik. Dabei fangen die Forscher die Boten-RNA (auch Sense-RNA genannt) mithilfe künstlich hergestellter Antisense-RNA ab. Die Idee dahinter: Wie zwei Teile eines Klettverschlusses aneinander haften, so ziehen sich Sense- und Antisense-RNA-Moleküle zu einem Doppelstrang zusammen. Der aber kann nicht mehr in ein Protein übersetzt werden das Gen ist stillgelegt.
Andrew Fire, damals noch an der Carnegie Institution of Washington in Baltimore, und sein Kollege Craig Mello, bis heute an der University of Massachusetts nahe Boston, haben jedoch immer wieder Probleme mit dieser Technik. So funktioniert die Gen-Blockade mitunter auch, wenn die Tiere als Kontrolle nur künstlich hergestellte Sense-RNA, aber keine Antisense-RNA, injiziert bekommen. Die Theorie verbietet das, weil zwei gleiche Klettverschluss-Seiten nicht zueinander passen, und analog auch zwei Sense-Stränge nicht aneinander haften.
Während der Tagung im besagten Frühsommer diskutiert die Forscherclique das Problem aufs Heftigste, und nicht wenige halten Fires und Mellos Beobachtungen für bloße Artefakte, also zufällige Resultate schlampiger Experimente. Sie ahnen nicht, wie recht, und zugleich unrecht sie haben. Niemand weiß damals, dass sämtliche Präparationen von künstlich hergestellter einzelsträngiger RNA mit mehr oder minder großen Mengen doppelsträngiger RNA verunreinigt sind, und erst recht weiß niemand, dass die Antisense-Technik ohne diese Verunreinigungen gar nicht funktionieren würde. Niemand hat auch nur eine leise Vermutung – außer Andrew Fire.
- Datum 03.10.2006 - 10:49 Uhr
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Gerade auf den Gebieten Chemie und Physik, wo Deutschland einst den Ton angab, scheint unsere heutige Forschung zu versagen. Auch dieses Jahr gingen die Nobelpreise auf beiden Gebieten wieder an die USA. Ist es ein Wunder, dass wir unter Brain Drain leiden? Wer kann es einem jungen Forscher noch verdenken, wenn er ins Ausland geht, wo sich er bessere Arbeitsbedingungen findet?
Interessanter und spannend zu lesender Artikel!
Beinahe bekommt man Lust, selber zu forschen, wenn man nicht wüsste, dass es Hunderte bzw Tausende gleich guter Forschergruppen gibt, die jahrzehntelang mit Eifer, Können und Einsatz forschen, ohne dass auch nur ein annähernd interessantes Ergebnis oder gar ein Durchbruch herauskommt.
Habe mal irgendwo einen interessanten Artikel gelesen, in dem gefordert wurde, dass Wissenschaftler sich gegen den wahrscheinlichen Fall des Misserfolgs trotz guter Arbeit versichern lassen sollten (Misserfolg definiert als kein Durchbruch, sondern reines Produzieren von Papier in der Flut der biomedizinischen Zeitschriften).
Vielleicht könnte eine solche (staatlich geförderte)Versicherung mehr Menschen zu einer Laufbahn in der Forschung in den Naturwissenschaften ermuntern, aber vielleicht wäre es nur eine weitere Subvention und damit Fehlallokation von Mitteln?
Die Entdeckungen sind natürlich beachtlich. (Eine Tragweite, wie bei der Entdeckung/Erfindung des Schießpulvers oder der Atombombe?) Jetzt kommt also schon das Ein- und Ausschalten von einzelnen Genen (jeder Zelle) in den Bereich der Möglichkeiten.
Es zeigt, wie immer schneller Gedanken und Vorstellungen (Konzepte/Modelle) weniger Menschen verbreitet werden und das ganze Zusammenleben auf unserem Globus verändern können.
Es kommt mir so vor, als entwickelten wir uns in ein Zeitalter hinein, wo unsere Gedanken immer schneller Formen annehmen (materialisieren), wo vielleicht Gedanken irgendwann sofort zur Realität (Wirkung) kommen.
Je mehr wir in die Lebensprozesse fundamental eingreifen, desto geringer wird gleichzeitig der Schutz der Natur, die uns vor manchen unserer menschlichen Fehlern und Schwächen bisher schützen konnte.
Das fällt mir der Science-Fiction-Roman Solaris wieder ein, von Stanisław Lem (Polen), verfilmt durch Andrei Tarkowski aus dem Jahr 1972. (Da begegenen Astronauten/Forscher den materialisierten Schatten ihrer eigenen Wünsche/Vergangenheit.) Zum Inhalt bitte bei Wiki o.ä. nachschauen. In diesem Zusammenhang könnte sich das lohnen.
Was eben noch Fiction ist morgen schon Reality. Was das bedeutet, das müsste uns sehr zu denken geben. Die moderne Kommunikationstechnik, die uns hilft die Fiction weltweit gleichzeitig zu verbreiten wird über die Gentechnik (hier noch unterstützend) sogar unseren Körper Reality massiv verändern. (Die Entwicklung unseres Körpers der 80.000 und mehr Generationen gedauert hat ist bald in 1..3 Generation erheblich veränderbar.)
Ob uns das zum Fluch oder Segen gereicht hängt davon ab, ob wir in der Lage sind auch in der ethisch und moralischen Entwicklung damit Schritt zu halten.
Die neuen Möglichkeiten erfordern ein erheblich größeres Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit unserer Erde und untereinander. Wenn man diese Entwicklung weiterdenkt, haben wir bald nur noch mit echten (gelebten) höheren ethisch moralischen Werten (Ethos) eine gemeinsame Zukunft.
Der technische Fortschritt wird durch das Gewinnstreben einzelner stark gefördert. Aber der geistig moralische Fortschritt hat nicht so eine starke Lobby.
Hier habe ich meine Sorgen. Hier ist sehr viel zu tun um die momentane Abwärtsbewegung in einen echten Aufschwung zu verwandeln.
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dachte eigentlich, der preis fuer chemie wuerde erst in etwa 10 min bekannt gegeben (11.45, 4.10.2006)?
ansonsten stimme ich ihrem kommentar allerdings zu. viele gute leute gehen ins ausland, nicht alle kommen wieder.
guenther blobel, nobelpreis fuer medizin 99, hat noch in frankfurt studiert und ist dann in die usa gegangen.
tom tuschl war bis vor kurzem ja auch in goettingen und ist jetzt in new york. er haette, unter dem gesichtspunkt dass RNAi als potentielle therapie diskutiert wird, einen teil des preises verdient gehabt. die entdeckung von fire und mello hat allerdings fuer die forschung, unabhaengig von therapeutischen applikationen, einen so gewaltigen fortschritt bedeutet, dass alleine die mit dieser (inzwischen zu einer standardmethode gewordenen) methode erziehlten ergebnisse den preis rechtfertigen.
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