Untersuchung Mit angezogener Bremse

Die Große Koalition versucht, die Vernehmung von Außenminister Steinmeier im Fall Kurnaz gezielt zu verzögern - behauptet die FDP.

Vier Jahre lang hat der in Bremen lebende Türke Murat Kurnaz im US-Gefangenenlager Guantánamo eingesessen. Seit einigen Monaten ist er wieder frei. Doch für die deutsche Politik ist der Fall damit noch lange nicht abgehakt. Denn derzeit bemüht sich ein Untersuchungsausschuss zu klären, ob die rot-grüne Bundesregierung ein Angebot der Amerikaner, Kurnaz freizulassen, ablehnte. In dieser Woche ist noch ein schwerwiegender Vorwurf dazugekommen. Dem Magazin Stern sagte der 24-Jährige, er sei nach seiner Festnahme im Dezember 2001 in einem US-Gefängnis in Kandahar von deutschen Soldaten misshandelt worden. Zwei Soldaten mit deutscher Flagge an der Uniform hätten ihn an den Haaren gezogen und mit dem Kopf auf den Boden geschlagen. Die deutschen Geheimdienste hätten ihn zudem als Informanten anwerben wollen.

Die Liberalen wollen nun Außenminister Frank-Walter Steinmeier vor den  Untersuchungsausschuss zitieren. Als Kanzleramtschef war er damals für die Aufsicht über die Geheimdienste und auch für den Fall Kurnaz zuständig. "Es wäre ein ungeheuerlicher Skandal, wenn nicht jede Möglichkeit genutzt worden wäre, einen Unschuldigen vor Haft, Folter und Erniedrigung zu bewahren", sagte der FDP-Innenexperte Max Stadler der Frankfurter Rundschau . Noch größer würde der Skandal indessen ausfallen, wenn Deutsche selbst an Misshandlungen beteiligt gewesen wären.

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Es könnte aber noch dauern, bis der Außenminister tatsächlich vor dem Ausschuss spricht. „Die Regierungskoalition steht geschlossen vor Steinmeier“, sagte die Sprecherin der FDP-Fraktion, Isabella Pfaff, zu ZEIT online . Die beiden großen Parteien zögerten seine Vernehmung so weit wie möglich hinaus. Am liebsten sei es ihnen wohl, wenn er erst zum Ende der Legislaturperiode aussagen müsse. "Auf diese Weise wird versucht, den Imageschaden für den beliebten SPD-Minister möglichst klein zu halten", sagt Pfaff.

Dass Steinmeier aussagen wird, ist indes bereits beschlossen. Nur das Wann steht eben noch nicht fest. Auch Kurnaz und seine Anwälte sollen nach dem Willen der FDP befragt werden. "Es wird mit ihm abzusprechen sein, wann er dazu in der Lage ist", sagte Stadler. Als mögliches Datum nannte er Ende Januar.

Politiker aller Parteien halten den Vorwurf, Kurnaz sei von Deutschen misshandelt worden, für wenig glaubwürdig. Das Verteidigungsministerium hat nach eigenen Angaben bisher jedenfalls keine Anhaltspunkte dafür, dass deutsche Soldaten damals an den Verhören eines deutschsprachigen Gefangenen des US-Militärs beteiligt waren. Auch von Misshandlungen sei nichts bekannt, heißt es.

Der Ausschuss-Chef Siegfried Kauder (CDU) wies den Foltervorwurf sogar als absurd zurück, der Grünen-Politiker Volker Beck sagte, es sei zumindest schwer vorstellbar, dass die Anschuldigungen stimmten.

Zumindest die Tatsache, dass Kurnaz mit seinen Vorwürfen erst jetzt herausrückt, muss jedoch nicht gegen ihn sprechen. Vielmehr ist es gut denkbar, dass Kurnaz, der mehrere Jahre lang unter menschenrechtsverletzenden Bedingungen leben musste, dem eher kleineren Vorfall zunächst keine besondere Bedeutung zugemessen hat. Erst nach seiner Rückkehr nach Deutschland könnte ihm klar geworden sein, welche Sprengkraft dieses Detail seiner Erlebnisse entfalten könnte.

Immerhin haben sich alle Parteien für eine genaue Prüfung der Vorwürfe ausgesprochen. Spätestens wenn es Hinweise gibt, dass Kurnaz' Behauptungen doch nicht so absurd sind, dürfte auch die CDU kein Interesse mehr daran haben, den SPD-Außenminister solange wie möglich vor peinlichen Fragen zu schützen.

 
Leser-Kommentare
  1. .....eine solche Ideologie manifestiert nur Dummheit....

  2. Kurnaz bei Beckmann. Erschütternde Schilderungen von amerikanischer Folter und Menschenverachtung. Hoffentlich können deutsche Gerichte die deutsche Regierung endlich dazu zwingen um etwas gegen die amerikanische Junta zu unternehmen, welche dieses Vorgehen billigt.
    Erschreckende sind aber auch die Schilderungen, dass deutsche Soldaten die Mißhandlungen gebilligt und unterstützt haben. Es ist einfache unglaublich!
    Ob Murat Kurnaz gefährlich ist oder nur religiös orientiert ist spielt keine Rolle. Kein Mensch darf so behandelt werden. Wir sind Zivilisiert und haben einen Rechtstaat! Ich bin nicht Naiv!

  3. Diese alte Weisheit sollte sich der Herr Kurnaz mal hinter die Ohren schreiben. Er hatte in dieser Gegend nichts zu suchen, als er gefangen wurde und kann ueberhaupt froh sein, dass er wieder zu Hause ist.

    Dass jetzt versucht wird, politisches Kapital und richtiges Geld aus der Sache zu schlagen, ist normal. Kurnaz wird die Story bestimmt als Buch oder als Film rausbringen. Aber dass Steinmeier es sich gefallen lassen muss, sich "vernehmen" zu lassen, ist eine Unverschaemtheit. Die Koalition sollte den Fall als abgeschlossen betrachten und die Opposition zum Teufel schicken.

  4. Natürlich gibt es überhaupt gar keine

  5. Die deutschen Rgierungen haben so ziehmlich alles ins Land geholt und dies nicht seit gesten sondern seit sehr langem.
    Nachdem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund

    Der BND warnte seit Jahrzehnten vor den radikalen Islamisten in Deutschland. Hat es damals auch irgendwen ein bisschen interssiert? Nein!

    Die tuerkischen Regierungen hatten die deutschen Regierungen mehrmals darauf hingewiesen. Dies alles blieb
    Erfolglos.

    Deutschland war und ist auch nicht allein gewesen bei der Aufnahme von angeblichen unterdrueckten. Fast ganz Europa hat mitgemacht... und nun ist die Stunde der Wahrheit gekommen wo sich die Buerger an ihre damaligen Poliker sowie die heutigen mit der Frage wenden koennen... WARUM?

  6. Natürlich gibt es überhaupt gar keine Begründung einen unbescholteten Urlauber festzuhalten. Bei einem der für die Taliban kämpft sieht das etwas anders aus, den darf man bis zum Ende des Konflikts festhalten. Und der Konflikt ist auch jetzt noch nicht vorbei! J.S.

  7. ihm denn fuer das Interview gezahlt? Es ist anzunehmen dass er auch was 'richtiges' auf mit an den Tisch bringen musste um wirklich interessant zu sein.Nun behauptet er dass er von Deutschen misshandelt wurde.Seltsam,weder er noch sein Anwalt erwaehnten es in vorherigen Berichten....

    • Gumbo
    • 07.10.2006 um 16:36 Uhr

    @marypastor. Ich bin schon erstaunt über dieses Verständnis von Recht. "Er hatte dort nichts zu suchen...", "mitgehangen-mitgefangen". Wer schreibt hier jemandem vor, wo er nichts zu suchen hat? In Deutschland und anderen Rechtsstaaten gilt man als schuldig, wenn man rechtskräftig verurteilt ist und nicht wenn man "mitgefangen" wurde.
    Und die Opposition sollte man zum Teufel schicken? Schon recht eigenwillige Interpretation von Demokratie und Rechtsstaat.
    Meine Sympathie für den Herrn Kurnaz hält sich durchaus in Grenzen. Aber solche dumpfen Kommentare müssen ja wohl auch nicht sein.

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