Die WM ist vorüber. Gehen Sie jetzt wieder regelmäßig zum SC Freiburg?
Klaus Theweleit: Die Wochenenden sind zu kostbar, um sie jedes Mal durch einen Stadionbesuch zu zerschneiden. Wir haben Besuch oder gehen in die Landschaft. Manchmal ist auch Arbeit. Die Zusammenfassungen schaue ich aber fast immer, mal in der Sportschau , mal im Sportstudio . Champions League und Ähnliches: in der Kneipe.

Finden Sie auch Länderspiele attraktiv? Die funktionieren ja gemeinhin nach dem Pro-Nation-contra-Nation-Schema.
Pro Nation, ja. Contra Nation, nein. Das ist nur Dummheit. Ich bin doch nicht gegen England, Italien oder Brasilien, wenn ich für das deutsche Team bin. Es wird doch überhaupt erst interessant, wenn die anderen auch gut sind. Die Leute, die aus irgendeinem Prinzip heraus immer sagen, Deutschland soll bloß verlieren, sind merkwürdig, unfußballerisch. Beides entspringt einem Denken in nationalen Kategorien und ist ein Missbrauch des Fußballs. Wenn jemand nicht des Fußballs wegen hinguckt, geht ihn meines Erachtens so ein Länderspiel auch überhaupt nichts an.

Wie haben Sie die "Schwarz-Rot-Geil"-Euphorie im Zuge der klinsmannschen Erfolge empfunden?
Nicht so wichtig. Die Leute wollten feiern, der Sommer war schön, das richtige Team gewann lange genug, und, wenn man Fähnchen schwenkt, gibt’s keine Prügel von den Bullen. Wenn ich allerdings sehe, wie vor dem ersten Spiel der neuen Saison, Bayern gegen Dortmund, die Hymne gespielt und versucht wird, den Fahnenkram zu verlängern, wird es ärgerlich. Eine neue Nationalisierung des Fußballs, bei weit über 50 Prozent Nichtdeutschen in der Liga und einer fortschreitenden Internationalisierung der Konzepte, wäre das Dümmste, was passieren kann. Mit Fahnen werden aus Feiernden schnell Feierrabauken; egal, welche Fahne.

Fußball als nationales Event, Vereinsfeindschaften werden immer unwichtiger – geht da nicht auch etwas vom Fußball verloren?
Ich glaube nicht. Auf die Typen, die die Klubs als Vorwand benutzen, siehe Legia Warschau, um ihren brachliegenden Machismo zu ventilieren, kann man verzichten. Sollen sie sich mit Messern im Wald treffen – oder doch lieber einen Ball nehmen.

Sie haben Ihre fußballerischen Duelle mit den Jungs von der anderen Straßenseite doch auch als sublimierte Form des Machismo beschrieben.
Ja, sublimiert. Fußball ist eine Form von Gewalt, unbestreitbar. Aber er ist eine Bearbeitung der Gewalt, und wenn man das ersetzt durch Kloppereien, ist das nicht die Bearbeitung der Gewalt, sondern die Bearbeitung der Fressen. Fußball organisiert äußerst massive körperliche Vorgänge: Im Spiel wird verlangt, dies körperlich Kämpferische umzusetzen in Technik, Ballbehandlung. Und in die Vorsicht, die ich immer bei Beckenbauer bewundert habe. Seine Eleganz bestand darin, dass er immer einen Bogen um Gewaltsituationen gemacht hat, aber ohne Ballverlust.

So etwas wie Fanfeindschaften, Lokalderbys, stilisierte Klassenkämpfe – das brauchen Sie alles nicht?
Nichts davon, kein bisschen. Ob es „badisches Derby“ heißt, wenn der KSC nach Freiburg kommt, oder ob Stuttgarter die „feindlichen“ Hauptstadtschwaben sind oder die Bremer „Fischköppe“, schnurzegal. Ich will ein gutes Spiel sehen. Und wenn schlecht gespielt wird, wenigstens einen SC-Sieg. Mein Lokalpatriotismus kommt ohne Feinde aus. Nur die Punkte sollen sie dalassen. Einen Fischkopp auf dem Platz hab ich noch nicht gesehen. Aber bitte, wer das braucht: Das Stadion ist der Ort, wo man so etwas darf, Feindschaftspflege.