Die Massenmedien hatten die Weltmeisterschaft als Mega-Event vorbereitet, fast bis zum Überdruss. Von der sonnigen Vaterlandsliebe, der Offenheit und der Gastfreundschaft, die das Land dann an den Tag legte, wurden die Strategen der kollektiven Bewusstseinsbildung jedoch überrascht. BILD

Da war etwas, was sie nicht generiert hatten. Sie sprangen auf den patriotischen Zug auf und überboten sich im Zeigen der Nationalfarben - um bei nächstbester Gelegenheit zu verkünden, dass die Jubelstimmung schnell verflogen sei. Der Alltag bot solche Gelegenheiten in Fülle. Im Juli stöhnten die Deutschen unter der Jahrhunderthitze, der Pegel der Unzufriedenheit mit der Politik der Großen Koalition stieg, die Bedrohung durch den Terror rückte näher. Als Günter Grass das Geheimnis seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS lüftete und damit ein Erdbeben öffentlicher Erregung auslöste, da stellte mancher fast mit Genugtuung fest, dass die fußballsommerliche Illusion deutscher "Normalität" endlich verflogen sei und den Blick auf das für immer "schwierige" Vaterland wieder freigebe. Der Weimarer Eklat um das Buchenwald-Gedenken - ein Vertreter der Bundeskulturpolitik sprach aus Anlass der Erinnerung an deutsche Verbrechen fast ausschließlich über deutsche Opfer von Flucht und Vertreibung - galt ihnen einmal mehr als Bestätigung dafür, dass es einen "unverkrampften" Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte nicht geben könne und dürfe.

Man kann allerdings diesen Eklat auch als Zeichen dafür lesen, dass die großen Geschichtsdebatten der 80er und 90er Jahre heute nur noch als Groteske wiederkehren, in der sichtbar wird, wie steril die alte vergangenheitspolitische Dramaturgie inzwischen geworden ist. Sie bringt nur noch Leerformeln hervor - dass die deutschen Verbrechen nicht relativiert und mit anderen Verbrechen verrechnet werden, dass historische Ursachen und Folgen nicht verwechselt werden dürften und so weiter -, aber nicht eine neue Erkenntnis oder wenigstens eine Erkenntnis fördernde Erschütterung. Das Skandal-Ritual läuft wie von selbst, hat aber mit dem deutschen Geschichtsbewusstsein, in dem heute deutsche Verbrechen und deutsche Leiden immer weniger miteinander konkurrieren und immer deutlicher zusammengedacht werden, nicht mehr viel zu tun.

Die Selbstwahrnehmung der Deutschen hat sich tatsächlich verändert. Nicht zuletzt an den Reaktionen auf die späte Offenbarung des fast 80-jährigen Günter Grass lässt sich das ablesen. Er konnte über dieses Detail seiner Biografie erst jetzt sprechen ohne Gefahr zu laufen, sich im geschichtspolitischen Grabensystem der alten Bundesrepublik plötzlich auf der falschen Seite wiederzufinden. Man stelle sich einmal vor, was los gewesen wäre, wenn Grass auf die Waffen-SS-Apologie "Ich war dabei" des Republikaner-Gründers Franz Schönhuber mit einem "Ich auch" geantwortet hätte. Heute, mehr als 20 Jahre nach Bitburg und zwei Ausstellungen über die Verbrechen der Wehrmacht später, muss er nicht mehr fürchten, im Sinne deutscher Selbstentlastung in Anspruch genommen zu werden. Er hat sich von einer persönlichen Last befreit. Zur Debatte steht seine persönliche Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig öffnet diese Erschütterung für die Deutschen den Blick auf den Erfahrungshintergrund einer Generation, die im vergangenen Halbjahrhundert intellektuell prägend gewirkt hat wie keine andere.

Man sollte nicht versuchen, einen Gegensatz zu konstruieren zwischen der patriotischen Leichtigkeit des Seins im Fußballsommer und der sich am Beispiel Grass wieder einmal zeigenden Allgegenwart einer Geschichte, die nicht vergehen will. Es ist nicht so, dass die Deutschen sich hin und wieder, etwa bei Weltmeisterschaften, Ferien von der Geschichte nehmen und dann ihren Traum von unbeschwerter Normalität ausleben. Sie müssen nichts verdrängen, um ihr Vaterland zu lieben. Aber ihr Verhältnis zur eigenen Nation wird nicht mehr ausschließlich von dem bestimmt, was man früher raunend die "dunklen Jahre" nannte.

60 Jahre Nachkriegsdemokratie, die Freiheitsbewegung in der DDR, der europäische Zusammenhalt stiften Geschichtsbewusstsein und entfachen in bestimmten Momenten auch ein Nationalgefühl, das sich nicht mehr entschuldigen muss. Der Begriff "Berliner Republik" ist in letzter Zeit ein wenig aus der Mode gekommen. Er war um die Jahrtausendwende die Chiffre für diese neue deutsche Selbstwahrnehmung, die damals noch etwas spektakulär Avantgardistisches hatte. Sie hat sich durchgesetzt. Die schwarz-rot-goldene Partystimmung ist vorbei. Wie sollte es auch anders sein? Aber sie war auch die Folge einer geschichtlichen Häutung der Deutschen. Und die bleibt.


Eckhard Fuhr wurde 1954 im hessischen Groß-Rohrheim geboren. 1986 begann er seine journalistische Karriere als politischer Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". 1997 wurde er dort Ressortleiter für Innenpolitik. Seit 2000 ist Eckhard Fuhr Chef des Feuilletons der Tageszeitung "Die Welt". 2005 erschien sein patriotisches Buch "Wo wir uns finden - Die Berliner Republik als Vaterland", geschrieben - wie Fuhr sagt - gegen den Furor des deutsches Selbsthasses.

Dieser Text ist Teil einer Essay-Serie im Deutschlandfunk:
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