Montessori Pädagogische Prägung

Fragen an Angeline Lillard, Psychologin an der University of Virginia in Charlottesville, USA

Sie haben in einer Studie Montessori-Schüler mit Schülern traditioneller Schulen verglichen. Was ist dabei herausgekommen?

Wir haben uns in der Studie mit Vorschulkindern im Alter zwischen drei und sechs Jahren und mit Grundschülern im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren befasst. Getestet wurden sowohl kognitive wie soziale Fähigkeiten. Die Montessori-Schüler schnitten dabei deutlich besser ab.

Gilt das in allen Altersstufen und für alle Bereiche?

Uneingeschränkt gilt das für die sozialen Kompetenzen. Montessori-Kinder suchen öfter nach positiven Lösungen von Problemen und bewerten auch die Gemeinschaft in der Schule viel positiver. Schon die Kleinen versuchen, Konflikte friedlich beizulegen. Wenn etwa ein Kind sich weigert, eine Schaukel freiwillig zu räumen, versuchen 43 Prozent der Montessori-Kinder das Problem durch Argumentieren und Überzeugen zu lösen, während bei den anderen Kindern nur 18 Prozent dazu bereit sind.

Und wie sehen die Kompetenzen beim Lesen, Schreiben und Rechnen aus?

Auch hier liegt Montessori vorn. Am Ende der Vorschule schnitten sie im Lesen und Rechnen besser ab. Und am Ende der Grundschulzeit schrieben sie die kreativeren Aufsätze mit sehr viel komplexer gestalteten Satzstrukturen. In der Mathematik gab es jedoch keine Unterschiede mehr.

Die Montessori-Pädagogik unterscheidet sich ja vor allem dadurch, dass nicht geprüft, getestet, bewertet und sortiert wird. Hat Ihre Studie nun gezeigt, dass die in Deutschland gerade wieder stärker geforderte Leistung und Kontrolle doch nicht der Weisheit letzter Schluss ist?

Die Studie ist mit Sicherheit kein Beitrag zur deutschen Leistungsdiskussion. Wenn man sich aber die von Maria Montessori vor ziemlich genau hundert Jahren entwickelte Pädagogik heute anschaut, ist es schon erstaunlich, wie viel sie damals schon darüber wusste, wie Kinder lernen.

Vielleicht ist ja das gute Abschneiden der Montessori-Kinder auch dadurch zu erklären, dass sie aus Elternhäusern stammen, die ihren Nachwuchs sehr sorgfältig erziehen und ihm eine ganz besondere Schule gönnen wollen?

Genau diesen Effekt haben wir berücksichtigt. Wir testeten Kinder aus sozial vergleichbaren Familien, die allesamt zu Montessori-Schulen gehen sollten. Verglichen haben wir schließlich die Kinder, die dort tatsächlich aufgenommen worden sind, mit denen, die durch ein Lotterieverfahren ausgeschlossen und in traditionellen Schulen untergebracht wurden.

Sie haben im vergangenen Jahr ein Buch über Maria Montessori veröffentlicht und schätzen deren Arbeit hoch. Hat Sie das Ergebnis der Studie überrascht?

Dass es Unterschiede geben würde, habe ich schon halbwegs erwartet, sonst hätte ich mir nicht die Zeit genommen, die Studie durchzuführen. Aber ehrlich gesagt, ich hatte keine Ahnung, mit welchen Resultaten zu rechnen wäre. Die Untersuchung hat ein sehr wichtiges Ergebnis gebracht: Wir wissen ja schon lange, dass der Einfluss des Elternhauses auf die Entwicklung von Kindern außerordentlich groß ist. Nun aber hat sich gezeigt, wie prägend trotzdem noch die Einwirkung durch die Schule ist – und die Form der Pädagogik.

Die Fragen stellte Sabine Etzold

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